Innovation

Mit einer Konstruktion aus Computer-Technik und lebendigem Moos will eine Firma aus Groß Düngen die Atemluft in Innenräumen verbessern

Groß Düngen - In Groß Düngen arbeitet ein junges Team daran, lebende Pflanzen mit moderner Computer-Technik zu verbinden. Das Ziel: Die Luft in Räumen und die psychische Gesundheit verbessern. Wie das funktionieren soll.

Der Metallgestalter Lars Junker, der Anlagenmechaniker Jassin Sabbagh und der Elektriker Marko Krause arbeiten an dem nächsten Prototypen.   Foto: Heiko Stumpe

Groß Düngen - Byrologie – so heißt die Wissenschaft der Moose. Weltweit gibt es rund 14.000 bekannte Arten und eine Vielzahl von Gattungen. Mit zwei davon beschäftigt sich seit etwa fünf Jahren die Firma Franke Filter aus Groß Düngen: Racomitrium und Hypnum, zu deutsch Zackenmützenmoos und Schlafmoos. Beides wächst in der Produktionshalle des Unternehmens auf Filzmatten – und zwar senkrecht, eingefasst in einer Metallkonstruktion, die neben dem Moos auch einige technische Komponenten enthält. Das Ziel der sieben Mitarbeiter, die mit der Entwicklung befasst sind: Eine lebende Mooswand erschaffen, die ihre Betrachter glücklich machen und die Atmosphäre in Innenräumen verbessern soll.

Das Kerngeschäft von Franke Filter besteht eigentlich in der Produktion von Ölnebelabscheidern. Das sind Filtersysteme, die etwa in der Energieindustrie zum Einsatz kommen. Dass hier neuerdings auch Mooswände hergestellt werden, die Feinstaub aus der Luft filtern und das innere Wohlbefinden – etwa von Büroangestellten – verbessern sollen, das geht auf die Initiative der Brüder Tobias und Stefan Franke zurück. Die Söhne des Firmengründers Manfred Franke sind erst mit ihrer Idee von der lebenden Mooswand so richtig ins Familienunternehmen eingestiegen. Seit dem Tod des Vaters sind sie auch als Gesellschafter an Bord.

Angefangen hat alles damit, dass Stefan Franke ein neuer Trend aufgefallen ist. 2018 war das. Da habe er zum ersten Mal und dann vermehrt in Eingangshallen von Hotels oder Gastronomien sogenannte Moosbilder bemerkt. Das sind auf Rahmen aufgebrachte natürlich gewachsene Moose, die mittels Konservierungsstoffen haltbar gemacht werden. „Anbieter dieser Bilder werben mit echtem Moos“, sagt Tobias Franke. Oder damit, die Natur ins Büro zu holen. Und es stimme schon, das Moos sei echt, sagt Franke. „Aber es ist auch tot. Das Besondere bei uns ist, dass es sich um lebendes Moos handelt.“

Das hat ein Verkehrsversuch in Stuttgart damit zu tun

Bis die Brüder jedoch eine genaue Vorstellung davon hatten, was für ein Moos-Produkt entstehen würde, brauchte es noch etwas Zeit. „Wir sind beide sehr naturverbunden“, sagt Stefan Franke. „Diese Moosbilder in den Eingangshallen waren oft eingefärbt und sahen künstlich aus. Da bin ich zu meinem Bruder gegangen und habe gefragt, ob wir da nicht selber was machen können.“ Eine Idee, die verfing. Gemeinsam recherchierten die Brüder zum Thema Moos und stießen auf Berichte über einen Versuch, bei dem Wissenschaftler der Uni Stuttgart untersucht hatten, ob Moose im urbanen Raum zu einer Reduktion von Feinstaub führen könnten. Elf Monate lang wurden dafür drei Moosarten auf einer 100 Meter langen Wand nahe einer vielbefahrenen Straße in Stuttgart auf ihre Tauglichkeit getestet. Die Ergebnisse waren jedoch eher ernüchternd. Zwar stellten die Wissenschaftler fest, dass drei Moosarten die Feinstaubpartikel gut aufnehmen konnten – doch der Einfluss von Sonne und Salz setzte den Pflanzen stark zu.

„Da ist uns klar geworden, dass wir ein Produkt für Innenräume entwickeln müssen“, berichtet Stefan Franke. Ohnehin sei die Feinstaubbelastung drinnen deutlich höher als draußen. Das bestätigt auch das Umweltbundesamt. In Innenräumen gebe es weniger Verdünnungseffekte als in der Außenluft, erklärt es auf seiner Website. Gleichzeitig gibt es laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) keine Feinstaubkonzentration, die für die menschliche Gesundheit nicht schädigend ist. In der Umwelt gibt es etliche vom Menschen verursachte Feinstaubemissionen – etwa durch den Autoverkehr oder die Industrie. Aber auch Vulkane, Waldbrände oder Bodenerosionen können Feinstaub in die Luft pusten. Biogene Aerosole wie Viren oder Sporen von Bakterien und Pilzen gelten ebenfalls als Feinstaub.

So zieht Moos Feinstaub an

„Moos kann Feinstaubpartikel anziehen“, erklärt Stefan Franke. Das liegt daran, dass die Oberfläche der vielen kleinen Blättchen einer Moospflanze elektrostatisch geladen ist. Sind die Feinstaubpartikel klein genug, können sie durch den Ionenkanal der Moose direkt in das Innere der Pflanze gelangen. Sind die Teilchen zu groß dafür, werden sie durch die elektrostatische Ladung an der Pflanze gehalten und von deren Mikrobiom zersetzt – oder beim nächsten Regen abgewaschen. Den Regen ersetzt bei der Mooswand aus Groß Düngen ein Wassertank mit Ultraschallvernebler. Der zerstäubt das Wasser so, dass es als Nebel die Mooswand bewässern kann.

„Wir haben das Wasser anfangs einfach runterlaufen lassen“, berichtet Tobias Franke. Aber dabei habe es sich schlecht verteilt, es kam zu Stammnässe, und die Mooswand wurde anfälliger für Schimmel. Das sei inzwischen kein Problem mehr. „Schimmel bildet sich erst ab 70 Prozent Luftfeuchtigkeit“, sagt Tobias Franke. Ein integrierter Sensor könne diese sowie die Temperatur in der Nähe der Mooswand messen. Künftig soll der Sensor auch die Feinstaubbelastung und den Sauerstoffgehalt in der Raumluft ermitteln können. „Es ist auch ein Server darin verbaut, der die Daten sammelt und an ein Endgerät weitergibt“, berichtet Tobias Franke. Kunden könnten die Mooswand damit individuell steuern und Informationen über ihr Raumklima abrufen, etwa auch darüber, wie voll der Wassertank ist.

Kaum Arbeit für den Kunden

Den müsse man alle zwei bis drei Wochen auffüllen, sagt Tobias Franke. Mehr Pflege oder Wartung seitens der Kunden sei nicht erforderlich. „Wir können den Tank auch direkt ans Festwasser anschließen. Dann braucht der Kunde sich um gar nichts mehr kümmern“, sagt Tobias Franke. Im Tank befinden sich auch UVC-Leuchten. Sie sollen Bakterien, Viren und Keime abtöten. Neben dem Einfluss auf die Raumluft heben die Brüder auch die positive Wirkung auf die Psyche hervor. „Viele Menschen arbeiten acht bis zehn Stunden im Büro. Je grüner es dort ist, desto besser fürs Gemüt“, sagt Stefan Franke.

Verkauft hat die Firma bislang noch kein Exemplar ihrer Mooswand. „Aber wir haben jetzt die Serienreife erreicht und können Aufträge annehmen.“ Zum genauen Preis will sich das Unternehmen bislang noch nicht äußern. Das könne variieren, so wie auch die Größe der Mooswände. Wer Interesse habe, könne sich das Ausstellungsstück in der neuen Filiale von Postbank-Immobilien an der Rathausstraße in Hildesheim ansehen, sagt Stefan Franke. Ein weiteres Exemplar wird auf der Messe „Schöner BAUEN WOHNEN LEBEN“ am 16. und 17. März in der Volksbank-Arena zu sehen sein.

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