Große Bilder, kleines Format

Mit Lyrik: Ex-Sarstedter legt den Finger in die Wunde

Sarstedt - Von Beruf ist Thomas Bartsch Psychotherapeut, aus Berufung ist er Lyriker. Der Geest-Verlag hat nun das Zweitwerk „Gezeiten“ des früheren Sarstedters veröffentlicht.

Thomas Bartsch will den Menschen Lyrik nahebringen. Foto: Privat

Sarstedt - Die Lyrik ist eine feine Kunstform. Und obwohl verdichtete Sprache Leben und Welterfahrung sehr aussagekräftig widerspiegeln kann, fristet diese Gattung im Literaturbetrieb ein Schattendasein. Einer, der sich dennoch der Gedichtform mit Haut und Haaren verschrieben hat, ist Thomas Bartsch. Der frühere Sarstedter, der vergangenes Jahr im Geest-Verlag erfolgreich seinen ersten Lyrikband „Von Übergang zu Übergang“ veröffentlicht hat, legt nach. „Gezeiten“ heißt das neue Werk des Lyrikers und Psychotherapeuten. Darin bleibt er zwar auch der Naturlyrik treu, übt aber verstärkt Gesellschaftskritik.

Vom Wesen keine Rampensau

Doch dafür wird der 64-Jährige nie zum Holzhammer greifen. Bartsch, der seine Kindheit und Jugend in Sarstedt verbracht hat und heute in Walsrode lebt, ist ein Feingeist, der das Melodische, Rhythmus, Reim, ja, das Liedhafte, mag. So hat er seine Verse auch schon mit Musikern vertont, tritt auf regionalen Bühnen auf. Dabei, sagt er, sei er vom Wesen eher keine Rampensau. Doch wer sich das Ziel setzt, Lyrik im wahrsten Sinne des Wortes unters Volk zu bringen, muss gelegentlich dafür trommeln und werben.

Erst vor Kurzem arbeitete er daher mit sechs weiteren, vielfach prämierten Autoren und Autorinnen aus Essen, Münster, Verden, Bremen, Hannover und Düsseldorf zusammen, die sich gemeinsam für eine Bedeutungssteigerung der Lyrik einsetzen. Alfred Büngen, Gründer des Geest-Verlags in Vechta, sieht in dieser Kooperation die wachsende Bekanntheit und Bedeutung seines Autors.

Erst das Bild, dann Verständnis

„Lyrik soll nicht elitär sein.“ Das ist Bartsch, bereits zu Schulzeiten von Gedichten angefixt, wichtig. Selbst wer einen Vers zunächst nicht versteht, kann durch den Klangteppich, die sprachlichen Bilder etwas mitnehmen. „Die Bildhaftigkeit ist wesentlich bei der Lyrik.“ Denn erst wenn ein Bild den Zuhörer unmittelbar anspreche, entstehe der Anreiz, es kognitiv zu durchdringen.

Dass im Land der Dichter und Denker viele dennoch ein „P“ in den Augen haben, wenn sie das Wort Lyrik hören, mag daran liegen, wie mit Gedichten in der Schule umgegangen wird: Balladen, die auswendig gelernt und dann mit feuchten Händen vor der Klasse vogetragen werden müssen.

Wie beim Poetry Slam

Dabei kann – vergleichbar mit einem Poetry Slam – auch scharfe Kritik an Politik, Gesellschaft, Kapitalismus und Digitalisierung geübt werden, wie in Bartsch’s Gedicht „Surreal“ deutlich wird: Worte zerstieben/Wie Funkenflug. Sinnentleert/Schwirren Gedanken. Bücher fliegen/In Schwärmen davon. Der Trotz letzter Verse/Verstummt. Computerstimmen/Verkünden jedoch. Das Glaubensbekenntnis/Ihrer Mission.

„Während globale Großkonzerne an der volldigitalisierten Nachvollziehbarkeit in allen Bereichen des menschlichen Lebens arbeiten, entsteht der Eindruck, Kritik-, Denk- und Diskursfähigkeit sind bei der Generation QR-Code weitgehend verstummt. Auch vor diesem Hintergrund, ganz im Geiste eines Peter Rühmkorf, scheint Thomas Bartsch den scharfsinnigen und kritischen Verstand in die aktuelle Zeit hinüberretten zu wollen“, rezensiert Musiker Peter Missler aus Celle, bekannt mit dem Jazz und Lyrik-Projekt „Allein ist nicht genug“ mit Texten von Peter Rühmkorf.

In Sarstedt geprägt

Und Petra Keller, Psychotherapeutin und Kunsttherapeutin aus Sottrum, die das Vorwort geschrieben hat, attestiert: „Dem Autor gelingt es auch in diesem Werk vortrefflich, einen nährenden Gegenentwurf zu der heutigen in Oberflächlichkeit mündenden Flut an Kurznachrichten zu erschaffen.“

Doch Bartsch, hauptberuflich übrigens Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, verleiht auch seiner Naturverbundenheit wieder einmal Ausdruck. Schon in seiner Sarstedter Zeit zog es ihn in die Gegend rund um die Innerste, den Bruchgraben, die Mühlenstraße. 1959 zog seine Familie aus Celle dorthin, der Vater arbeitete als niedergelassener Kinderarzt. Erst im Grasweg, später am Lappenberg hatte Bartsch sein Zuhause, bis er 1986 wegzog. Verbunden ist er mit der Sarstedt jedoch weiterhin, allein durch Teile seiner Familie, die weiterhin in der Stadt wohnt. Das Titelgedicht „Gezeiten“ hat er seinem hier im November 2020 verstorbenen Bruder Ulrich gewidmet. Es ist sein „Herz“-Gedicht.

Thomas Bartsch, Gezeiten, Gedichte, 144 Seiten, Geest-Verlag 2022, ISBN 978-3-86685-899-2, 12 Euro.

  • Region
  • Sarstedt
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.