Hannover/Sarstedt - Ihre Handabdrücke sind auf dem „Rockwalk“ in Los Angeles, in der Hall of Heavy Metal History haben sie ebenfalls längst einen Platz – nun haben Klaus Meine (75), Rudolf Schenker (74) und Matthias Jabs (67) eine besondere Auszeichnung am Revers: Ministerpräsident Stephan Weil verlieh den drei Scorpions im Gästehaus der Landesregierung das Große Verdienstkreuz des Niedersächsischen Verdienstordens. Nicht nur für ihre Musik. „Herausragende Persönlichkeiten“ nennt Sozialdemokrat Weil die Musiker. „Es sind Weltstars. Aus Niedersachsen.“
„I follow the Moskva“ – diese epische Zeile des Songs „Wind of Change“ textete die Band im Frühjahr 2022 bei Liveauftritten um. „Now listen to my heart, it says Ukrainia, waiting for the wind to change“ singt Klaus Meine seitdem, zuletzt im Mai vor 11 000 Zuschauerinnen und Zuschauern in der ausverkauften ZAG-Arena in Hannover. „Die Hymne von Glasnost und Perestroika, dem Fall der Berliner Mauer und der deutschen Wiedervereinigung“, so würdigte Weil das Lied aus dem Jahr 1990. Angesichts des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine habe die Band mit dem neuen Text „ein Zeichen der Solidarität mit der Ukraine gesetzt“.
Musiker noch immer heimatverbunden
„Die leisen Momente sorgen für große Gefühle“, sagt Klaus Meine über Konzerte vor 100.000 Menschen. „Wind of change“ in der neuen Version ist ein solcher Gänsehautmoment. „Wir kennen Kiew, Donezk und Charkiw. Wir haben dort gespielt und damals in eine friedliche Zukunft geblickt“, sagt er über diese Auftritte. „Mit Musik kann man Brücken bauen.“ Er freut sich, dass die Fans den geänderten Text angenommen haben und mitsingen. „Das sind helle Momente in einer dunklen Zeit.“
Es ging in dieser Feierstunde auch um die Heimatverbundenheit der Band. Gitarrist Schenker hatte die Band im Jahr 1965 in Sarstedt gegründet, noch heute leben er, Meine und Jabs in der Region Hannover beziehungsweise im nahen Heidekreis. Der Ministerpräsident kennt die Musiker seit vielen Jahren – doch er schätzt die Weltstars, die mehr als 110 Millionen Tonträger verkauft haben und deren Werke zum Kanon der Rockmusik gehören, auch für etwas anderes: „Es sind Menschen, die kein Gedöns um sich machen.“ Und viel Gutes tun.
Das ehrenamtliche Engagement der Band
Das ehrenamtliche Engagement der Rocker war auch Grund für die Auszeichnung: 1991 gründeten Schenker und Meine die Stiftung „Nordoff/Robbins Musiktherapie“, um Kindern mit Autismus die Möglichkeit zu geben, ihre Gefühle mit Musik zum Ausdruck zu bringen. Gitarrist Schenker war Schirmherr des Chorprojektes „Klasse! Wir singen“, er ist zudem im Kuratorium der Deutschen Popstiftung. Klaus Meine engagiert sich als Botschafter für die José-Carreras-Leukämiestiftung und als Schirmherr der Niedersächsischen Krebsstiftung.
Das Konzert in der ZAG-Arena im Mai war „wie nach Hause kommen. Es ist etwas Besonderes, für die eigenen Leute zu spielen“, sagt Meine. „Das motiviert uns weiterzumachen.“ Denn die Scorpions denken an die Zukunft. „Auch wenn der Weg, der hinter uns liegt, weiter ist als der Weg vor uns“, wie Meine einschränkt. „Die Energie aus den Konzerten hält uns im Herzen jung.“
Ein Erfolg, den die Band aber zu fünft auf der Bühne schaffe. Meine verwies auf Pawel Maciwoda am Bass und Mikkey Dee am Schlagzeug, die in ihren Heimatländern Polen und Schweden ebenfalls geehrt wurden. „Wir sind eine verschworene Gemeinschaft.“ Trotzdem: Das Band zwischen den drei Niedersachsen ist stark. „Diese Chemie ist der Wahnsinn“, schwärmt Rudolf Schenker.
Von Andrea Tratner
