Reportage

Mit Musik zum Kern des Menschen: Adriyan rappt sich in Hildesheim frei

Hildesheim - Musik hat mehr Macht als man denkt. Mitunter ist sie dazu in der Lage, Menschen zu verändern. So wie beim Hildesheimer Schüler Adriyan. Der 15-Jährige schafft es, über Rap ein anderer zu werden. (mit Video)

Hildesheim - Jetzt ist Adriyan dran. Der schlanke 15-Jährige steht auf, durchquert den Raum und betritt über einen kleinen Flur die schallisolierte Gesangskabine des Tonstudios in der Braunschweiger Straße. Der Junge mit dem beginnendem Oberlippenbart setzt die Kopfhörer auf, schließt die Augen und singt. „Mutter ist enttäuscht, hab meine Fehler bereut. Hab mein Leben auf der Straße vergeudet, wusste nicht, was das alles bedeutet“, rappt er in das Mikrofon vor seinem Gesicht. Wie die meisten anderen vor ihm ist er etwas nervös. Alles ist neu. Adriyan setzt zunächst zu früh ein, muss mehrmals neu anfangen. Tonstudio-Chef Frank-Michael Speer, der sich als „Mic-L“ vorstellt, hat die Passage aufgezeichnet. Jetzt spielt er sie ab und Adriyan singt sie ein weiteres mal. In der Musikwelt spricht man von doppeln. Adriyan stützt sich quasi selbst. Und ein drittes Mal. Die Passagen werden übereinandergelegt. Die Stimme klingt jetzt deutlich voller, satter.

Es ist so, als wenn der Beat etwas in Adriyans Innerem auslöst. Als wenn noch ein anderer Adriyan existiert, der jetzt zum Vorschein kommt. Der zurückhaltende 15-Jährige schließt die Augen und singt. Sein Körper setzt sich langsam in Bewegung. Adriyan pendelt erst mit dem Oberkörper, dann mit dem ganzen Körper. Ganz automatisch. Wie bei einem kleinen Tanz. Er hebt die Hände im Rhythmus der Musik, lässt sie mit aneinandergedrückten Fingerkuppen kreisen und am Ende wieder sinken.

Im kleinen Keller-Tonstudio Subterrasound ist die Luft währenddessen zum Schneiden. Ein gutes Dutzend Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule lümmelt seit mehr als einer Stunde in einer plüschigen Sitzgruppe und arbeitet an einem gemeinsamen Lied. Über ihren Köpfen im Regal liegen Fach-Publikationen wie „Die Lehre von den Tonempfindungen“ von Hermann Helmholtz, „Mikrofone in Theorie und Praxis“ von Thomas Görne und Dieter Bohlens „Nichts als die Wahrheit“. An den Wänden hängen Gitarren, eine Autogrammkarte von Ultravox, bunte Scheinwerfer erhellen die Ecken des Raumes, überall türmen sich Bücher, Software-Disketten und Krimskrams.

An der Wand Gitarren – auf dem Regal Helmholtz und Bohlen

Nach Adriyan kommen weitere Jugendliche der Gruppe an die Reihe. Oumar, Monique, Naima, Moussa und die anderen verschwinden nacheinander in der Kabine und singen ihre Passagen ein. Mic-L zeichnet am Mischpult auf, spielt es wieder ab, und wieder ab, und wieder ab und wieder ab – bis am Ende alle zufrieden sind. Vor allem Carlos Utermöhlen.

Der Rapper aus Braunschweig ist Chef im Ring. Der 38-Jährige bearbeitet viele Projekte, auch international. Vor einigen Jahren reiste er mit dem Filmer Maximilian Feldmann nach Ecuador, Kolumbien und El Salvador, um mit Jugendlichen im Spannungsfeld zwischen Armut, Drogen und Gang-Kriminalität zu arbeiten und einen Film darüber zu drehen. Jetzt steht er im Tonstudio und man merkt ihm zu jeder Zeit an, dass es ihm um mehr geht als einen reinen Job zu machen.

Natürlich fließt hier auch Geld. Die Arbeiterwohlfahrt ermöglicht es der Geschwister-Scholl-Schule finanziell, mit dem gesamten neunten Jahrgang eine Woche lang zu rappen, mit Maximilian Feldmann zu filmen und in einem weiteren Projekt die verwendeten Beats zu entwickeln. Wenn man länger zuschaut, bekommt man eine Ahnung davon, dass es dabei um deutlich mehr geht als um seichte Bespaßung zur besten Schulzeit. In erster Linie geht es um Teamarbeit, Vertrauen, Persönlichkeitsentwicklung, um Selbstvertrauen und -bewusstsein und vielerlei mehr.

Man kann die Entwicklung der Schülerinnen und Schülern schon am Tag vor dem Tonstudio in der Nordstadt-Schule erkennen. Schon dort lässt sich etwa beobachten, was die Arbeit mit Adriyan macht. Wie der eher zurückhaltende Heranwachsende, der von sich selbst sagt, er habe nicht so viele Freunde, plötzlich auftaut. Wie er sich in die Mitte stellt und singt. Wie er langsam anfängt, sich dabei zu bewegen. Und wie er nach und nach immer weiter aus sich heraus kommt und dabei gleichzeitig mehr und mehr in sich zu ruhen scheint.

Wir sind eine Familie, es geht nur zusammen

Carlos Utermöhlen, Rapper

Das alles geschieht nicht von allein. Es sind einerseits die Kraft und das Verbindende der Musik. Aber es ist auch Rapper Carlos zu verdanken, der die Hauptschüler mitnimmt wie kein Zweiter. Der sie ohne Unterlass anspornt, motiviert und lobt. Der ihre Stärken hervorhebt und kreativ an den Schwächen arbeitet. Für den es weniger darauf ankommt, wie gut jemand ist und mehr, wie hart er an einer Sache arbeitet. „Das war nice“, sagt Carlos dann oft. „Was für eine coole Stimme“, „Lass uns das gleich nochmal machen“, „Wir sind eine Familie, es geht nur zusammen“ oder „Ihr seid auf einem richtig guten Weg“.

Aber er kann auch anders. Wenn über jemanden gelacht wird, der schief singt oder sich ungelenk bewegt, weist er sie auch in deutlichen Worten zurecht. „Das ist maximal unprofessionell“, sagt er dann etwa. Aber er schlägt keine Türen zu, sondern will das ganze Team mitnehmen. Und das mit Erfolg. „Man sieht jetzt schon, dass die Schülerinnen und Schüler viel empathischer geworden sind“, freut sich Schulsozialpädagogin Mona Brück. Ein Rap-Projekt sei dabei ein wunderbares Werkzeug. „Die Musikrichtung ist aus ihrer Lebenswelt, die meisten Schüler lieben Rap.“

Früher in Bulgarien sang Adriyan noch in einem Chor

Adriyan wurde vor 15 Jahren in Bulgarien geboren. Ende 2016 kam er nach Deutschland. Er lebt mit seiner Familie in Bad Salzdetfurth. Sein Vater ist Kraftfahrer, seine Mutter kümmert sich überwiegend um zwei jüngere Geschwister. Wenn man ihn nach seinen Hobbys fragt, taucht der ganz normale Teenager auf: Chillen, Computerspiele, Musik. Früher, in Bulgarien, sang er noch in einem Chor. Aber das endete mit der Ankunft in Deutschland. Heute singt er nur noch gelegentlich allein zuhause. Nach seinem Abschluss an der Geschwister-Scholl-Schule will er weiter zur Schule gehen. Vielleicht sogar sein Abitur machen. Und dann, ja, möglicherweise Koch werden und irgendwann ein eigenes Restaurant eröffnen. Für beides müsste er eigentlich nicht weiter zur Schule gehen wenn er seinen Realschulabschluss hat. „Stimmt, aber ich hätte dann doch noch bessere Chancen“, sagt er selbstbewusst.

Du fühlst das jetzt richtig, oder?

Carlos Utermöhlen, Rapper

Im Tonstudio ist die Luft inzwischen verbraucht. Mic-L öffnet die Tür. In wenigen Minuten soll die nächste Gruppe aus der Geschwister-Scholl-Schule eintreffen. Jede Gruppe hat im Studio rund zwei Stunden Zeit. Das ist knapp bemessen. Carlos zieht es im Rücken, aber er treibt Adriyan und die anderen Mädchen und Jungen weiter an. Er will auch noch das letzte aus ihnen herausholen. Im Grunde steht der Song. „Aber wie wäre es, wenn wir ihn noch mit einem Summen unterlegen?“, fragt er ganz am Ende, als die Zeit eigentlich schon vorbei ist. Er macht es vor. Vielleicht Chiara? Die Neuntklässlerin hat eine total schöne Stimme. Aber man merkt deutlich, dass sie Schwierigkeiten dabei hat, vor den anderen zu singen. Und dass ihr vielleicht auch noch das Selbstbewusstsein fehlt, sich trotzdem vor die Gruppe zu stellen.

Adriyan ist da schon einen Schritt weiter. Auch wenn er die Töne mal nicht trifft, zu früh einsetzt oder sich im Text verhaspelt: Der junge Mann mit dem beginnenden Bartwuchs und den dunklen Koteletten packt es an. Wenn dann jemand grinst oder über ihn lacht zieht er es trotzdem durch. „Du fühlst das jetzt richtig, oder?“, fragt Rapper Carlos ganz am Ende. Adriyan nickt. Dann sind die Aufnahmen beendet. Gleich geht es zurück in die Schule. Doch vorher spielt Mic-L noch einmal den fertigen Song ab. „Gib nicht auf, du musst weiter an dich glauben. Steh’ auf und verfolge deine Träume. Gib nicht auf, du musst weiter an dich glauben“, heißt es dort unter anderem. Adriyan hat den Text schon verinnerlicht. Und er hat den ersten Schritt gemacht.

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