Hildesheim - Hier oben also hat Sergio Pérez vor seinen Rennen auf der Massagebank gelegen, der Name des Formel-1-Rennfahrers prangt noch auf der Tür zu dem Raum im ersten Stock mit der vollverglasten Front. Damals, so stellt man es sich vor, herrschte, während Pérez sich durchkneten ließ, draußen vor diesen Scheiben ein buntes Treiben: eine Mischung aus Fans, Teammanagern, Mechanikern und VIPs – und solchen, die es sein wollten –, in der Luft das Dröhnen hochgezüchteter Motoren und der Geruch von Benzin. Monaco, Ungarn, Spanien, Frankreich – am Rande der europäischen Rennstrecken der Formel 1. Das waren die Standorte dieses dreistöckigen, Motorhome genannten mobilen Gebäudes des früheren Rennstalls Force India.
56 Mal ist der mobile Bau an den Rennstrecken auf- und abgebaut worden
56 Mal ist das 2010 hergestellte, insgesamt knapp 400 Quadratmeter große in Container verstaubare Modulsystem abgebaut, verladen und wieder aufgebaut worden, bis es nach dem Aus des Force-India-Teams 2018 irgendwann niemand mehr gebrauchen konnte. Und nun, ja nun steht die einstige mobile Basis des Rennstalls nicht mehr am Rande der europäischen Grand-Prix-Strecken, sondern in Himmelsthür auf einem Firmengelände in der Marggrafstraße.
Es ist wie ein großes Spielzeug für Männer
„Es ist wie ein großes Spielzeug für Männer“, sagt Doina Stoica nach dem Rundgang durch alle Etagen schließlich oben im Freien auf dem 360-Grad-Rundgang des Motorhome. Die 43-Jährige zeigt nach unten auf die sechs Sattelauflieger, die aufgereiht neben dem transportablen Gebäude stehen. Transportabel heißt in diesem Fall: Es braucht einen Kran, ein geschultes mehrköpfiges Team und eben jene sechs, jeweils 18 Meter langen Auflieger, um den in seine einzelnen Module und in Container verpackten Bau von einem Fleck an den anderen zu bringen. Und Doina Stoicas Job ist es, dieses große Männerspielzeug mit kompletter Ausstattung von Sanitäranlagen bis zu Flachbildschirmen, Konferenzraum und Klimaanlage zu verkaufen. Verhandlungsbasis: 500.000 Euro – die sechs Hangler 3SDZL 24 Sattelaufflieger sind inklusive.
Bei DAF Truck Port in Hildesheim zwischenzeitlich genutzt für Firmenfeiern
Dieses Monstrum loszuwerden – ein Ding der Unmöglichkeit? Stoica lacht. Sie sieht das eher als Herausforderung und ist sich sicher: Das wird klappen. Ihr Chef habe sie gefragt, ob sie sich das zutraue und sie habe geantwortet: Klar!
Normalerweise verkauft die 43-Jährige als Angestellte für das in Hamburg, Hannover und Hildesheim ansässige Unternehmen DAF Truck Port gebrauchte Lastwagen. Und dabei soll es auch bleiben – der Formel-1-Deal des Geschäftsführers Peter Erichreineke dürfte eine Ausnahme bleiben. Der Unternehmenschef hatte 2022 im Frühsommer über Kontakte in der Automobilbranche davon erfahren, dass die frühere mobile Rennstall-Basis zu verkaufen ist und schließlich zugeschlagen. Im Vergleich zu Motorhomes anderer Rennställe sei das von Force India noch „relativ klein“, sagt der Geschäftsführer im Gespräch mit der HAZ.
Ich weiß nicht, ob wir ein großes oder ein kleines Geschäft machen werden
Im Herbst lieferte eine auf Transport und Aufbau spezialisierte Firma das mobile Gebäude und errichtete es auf dem DAF-Gelände; Erichreineke nutzte es seitdem für mehrere interne Veranstaltungen des Unternehmens, „für unsere Mitarbeiter war es schon was besonderes, und das sollte es auch sein“. Klar war aber auch, dass das Formel-1-Flair irgendwann wieder vom Hof verschwinden würde. „Ich weiß nicht, ob wir ein großes oder ein kleines Geschäft machen werden“, sagt Erichreineke mit Blick auf den jetzt angestrebten Verkauf, „aber Verlust wollen wir natürlich nicht machen.“
Ein Formel-1-Fan ist die Verkäuferin nicht – sie mag Lastwagen mehr
Und so dürften viele Ebay-Nutzer, die auf der Online-Plattform auf der Suche nach gebrauchten Wohnwagen und Wohnmobilen sind, in den vergangenen Tagen über diese ungewöhnliche Annonce gestolpert sein. „Erleben Sie den ultimativen Komfort wie ein echter Formel-1-Profi mit dem luxuriösen Motorhome des ehemaligen Force India Formula One Teams“, heißt es da. Und weiter: „Ob Sie ein Formel-1-Fan sind oder einfach nach einer mobilen Luxus-Immobilie suchen, dieses Motorhome bietet alles, was Sie brauchen. Verpassen Sie nicht die einmalige Gelegenheit, ein Stück Formel-1-Geschichte zu besitzen.“ Das Gebäude würde sich auch gut für Restaurants eignen, meint Doina Stoica. Sie selbst ist übrigens kein Formel-1-Fan. „Ich mag Lastwagen lieber als Rennwagen“, sagt sie und lacht.
Ach ja, im Vergleich zu den Herstellungskosten ist der Verkaufspreis von 500.000 Euro übrigens geradezu ein Schnäppchen. Rund sieben Millionen Euro soll der Bau mal gekostet haben. Und, falls nun jemand schon seinen Kontostand prüft und nur noch wegen der rosafarbigen Flächen des Motorhome zögert – das sind nur Folien, die lassen sich abziehen.



