„Außergewöhnlicher Fall“

Multi-Millionen-Pleite und Betrugsvorwürfe: Pharma-Händler aus dem Kreis Hildesheim muss sich vor Gericht verantworten

Sarstedt - Vor vier Jahren rutschte der Sarstedter Arzneimittel-Händler Teccom Pharma in die Insolvenz. Schnell kam der Verdacht auf, es habe Unregelmäßigkeiten gegeben. Dutzende Luxusautos wurden beschlagnahmt, nach jahrelangen Ermittlungen kommt es in Hildesheim zum Prozess.

Das Landgericht Hildesheim muss den Fall Teccom Pharma juristisch bewerten. Foto: Chris Gossmann

Sarstedt - Die juristische Aufarbeitung des mutmaßlichen Betrugsskandals um den früheren Sarstedter Arzneimittel-Großhändler Teccom Pharma rückt näher. Wie das Landgericht Hildesheim jetzt bestätigte, beginnt am 4. November der Prozess gegen insgesamt vier Angeklagte, darunter den letzten geschäftsführenden Gesellschafter und zwei frühere Mitgeschäftsführer. Das Gericht hat zunächst insgesamt elf Verhandlungstage bis einschließlich Januar angesetzt. Die Staatsanwaltschaft geht von einem wirtschaftlichen Gesamtschaden in dreistelliger Millionenhöhe aus. Parallel dazu läuft seit Jahren ein Insolvenzverfahren über Teccom Pharma.

Ein Wirtschaftskrimi

Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte bereits vor gut zwei Jahren im Juli 2023 eine ausführliche Anklageschrift beim Landgericht Hildesheim eingereicht. Seinerzeit richtete sie sich nur gegen drei Beschuldigte. Nun ist offenbar eine vierte Person hinzugekommen. Um wen es sich handelt, ist noch unklar, wird aber spätestens am ersten Verhandlungstag deutlich werden.

Das Drama hatte im September des Jahres 2020 seinen Lauf genommen. Da nämlich hatte das lange Zeit sehr erfolgreiche Sarstedter Unternehmen einen Insolvenzantrag gestellt. Daraus entwickelte sich bald ein regelrechter Wirtschaftskrimi. Schnell kam der Verdacht auf, es könne bei Teccom Pharma rund um die Insolvenz oder auch schon deutlich davor zu erheblichen Unregelmäßigkeiten gekommen sein.

Mehr als 60 Millionen Euro gefordert

Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein und beschlagnahmte unter anderem Dutzende zum Teil sehr hochwertige Autos aus dem Privateigentum des geschäftsführenden Gesellschafters, dessen Vater die Firma einst gegründet und aufgebaut hatte. Die Ermittler hegten früh den Verdacht, dass es zu Insolvenzverschleppung und Betrugsdelikten gekommen sein könnte – etwa zur Bestellung von Ware, obwohl klar gewesen sei, dass Teccom diese nicht würde bezahlen können. Der geschäftsführende Gesellschafter meldete Privatinsolvenz an.

Unterdessen türmten sich bei dem Insolvenzverwalter der Teccom Pharma GmbH, dem Rechtsanwalt Ingo Thurm von der Kanzlei Pluta, die Anmeldungen von Gläubigern. Vor zwei Jahren bezifferte der Insolvenzverwalter die Forderungen von Gläubigern auf rund 61 Millionen Euro, erhoben von mehr als 150 Firmen oder Personen. Ob auch jede Forderung berechtigt ist, ist nach wie vor Gegenstand von Ermittlungen und Analysen, weitere Rechtsstreits sind in diesem Zuge nicht auszuschließen. Auch, weil durch die Teccom-Insolvenz viele Lieferanten und Kunden des Sarstedter Unternehmens in Schwierigkeiten geraten sind.

Langwieriger Prozess?

Doch auch der im November beginnende Hauptprozess könnte, je nach Aussageverhalten der Angeklagten, kompliziert und langwierig werden. Wer hat wann welches Geschäft angeleiert, wer wusste zu welchem Zeitpunkt worüber Bescheid? Und wer trug welche Verantwortung? Wie weit zurück muss das Gericht überhaupt in der Firmengeschichte gehen? Diese und viele andere Fragen muss die 11. Strafkammer des Landgerichts Hildesheim als große Wirtschaftsstrafkammer in den kommenden Monaten beantworten. Der bundesweit aktive Insolvenzverwalter Thurm bezeichnete den Fall schon früh als „außergewöhnlich komplex“.

Die Firma Teccom Pharma war ursprünglich 1985 in Stuttgart gegründet worden, zog 1990 zunächst nach Hannover und 1998 nach Laatzen um. 2002 erfolgte der Umzug in den Sarstedter Gewerbepark Nord. Der Jahresumsatz lag am Schluss bei knapp 250 Millionen Euro.

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