Hildesheim - Immer wieder wird es bei Diskussionen in der HAZ-Redaktion richtig kontrovers. Als aber die Ankündigung für die „90s Super Show“ ins Haus flatterte, gab es kein Halten mehr: Lang gehegte starke Meinungen zum Sound der Neunziger prallten aufeinander. Hier lesen Sie fünf persönliche Texte unserer Redakteure und Redakteurinnen zum Jahrzehnt zwischen Nirvana und Blümchen:
Ein einziger Tanz
Die 90er waren für mich ein einziger Tanz: Mittwochs ging es ins Vier Linden, am Wochenende dorthin und ins Bebop. Die Musik dort war eine Welt für sich, zeitlos, tiefgründig. Noch heute bekomme ich Gänsehaut bei The way I do von Melissa Etheridge, Lovesong von The Cure oder It’s the end of the world as we know it von R.E.M. (alle drei entstanden in den später 80ern!). Ganz anderer Stoff als der Kram, der damals aus den Radios plärrte. Es war die Zeit, als der Techno aus den Clubs in den Pop einsickerte und damit in meinen Alltag eindrang – schließlich gab es kaum einen Sender, der die furchtbaren Lieder, die dabei herauskamen, nicht spielte. Dabei liebte ich das Radio, hatte in den 80ern jeden Samstagabend damit verbracht, die Hitparade aufzunehmen. Doch diese Technopopgewummere ließ die Liebe zum Radio erkalten – ich fand sie erst Jahre später wieder.
One More Time
Ich bin mitten in den 90ern geboren – daher spielte mein Kassettenrekorder zunächst Rolf Zuckowski statt Backstreet Boys. Doch dank Radio, Fernseher und Co. haben sich die Klassiker des Jahrzehnts mit der Zeit in meinem musikalischen Gedächtnis verfestigt. Ja, im Alltag schrecken Blümchen und Dr. Alban ab. Aber auf Partys schätze ich 90er-Songs sehr. Wenn auf der Tanzfläche Britney Spears „Baby one more time“ oder „Wannabe“ von den Spice Girls erklingt, singe ich laut mit. Mit Oli P. live „Flugzeuge im Bauch“ zu trällern, zu „Mr. Vain“ tanzen – und alles moderiert von Viva-Gesicht Mola Adebisi, der mich früher bei den Hausaufgaben begleitet hat: Das wäre sicher ein besonderes Erlebnis. Leider kann ich auf dem Volksfestplatz aber nicht dabei sein. Doch eins ist sicher: Die nächste 90er-Party kommt. Da lassen mich Kufa und Old Inn aus Erfahrung nicht im Stich. I want it that way!
Baggersee-Feeling
Die 90er? Waren doch gerade erst! Ich ertappe mich häufiger wieder bei diesem Gedanken, der aber nur so lange im Kopf bleibt, bis ich kurz nachgerechnet habe. Dass mir dieses Jahrzehnt noch wahnsinnig präsent ist, liegt wohl am jugendlichen Alter, das ich damals hatte, und in dem sich Erlebnisse für ein Leben lang einbrennen. Ich denke an Sommer am Baggersee, Gartenpartys, Live-Konzerte, Disco-Nächte in Hamburg und das Abi, das ich geschafft habe. Und ich denke an Musik. Man tut den 90ern wirklich Unrecht, wenn man dabei dann nur an die Eurodance-Hölle denkt, aus der East 17 versucht, ein House of Love zu machen, Captain Jack dazu salutiert und 2 Unlimited No Limits kennt. Es gab Nirvana, Pearl Jam, Alice in Chains, Portishead, Pulp, Suede und so viel mehr gute Musik, die dieses Jahrzehnt besonders machten. Ach, eigentlich waren die 90er wirklich gerade erst, oder?
Die Ohrwürmer kommen
Die 90er: eine Achterbahn der Gefühle, als ich im Kindergarten heimlich, still und leise die verrückten Jungs küsste. Heute küsse ich zwar nur noch den einen, dessen braune Augen mich so sentimental machen. Aber wenn ich morgens rauf und runter über Berg und Tal laufe, Happy Hardcore mir die Müdigkeit aus dem Kopf dröhnt und Blümchen „Herz an Herz“ in mein Ohr schreit, weiß ich, dass ich nichts versäume, weil ich nur von ihm träume. Dann flattern die Schmetterlinge in meinem Bauch hin und her, auf und ab – und ich möchte ihm zurufen: „Komm, wir ziehen einfach los über Grenzen Hand in Hand.“ Ob wir jemals das Über-Übermorgenland erreichen? Das bleibt wahrscheinlich eine Insel im Meer der Sehnsucht. Also kommen wir wie ein Boomerang immer wieder beieinander an. Na, haben sich in Ihrem Kopf die Ohrwürmer gerade überschlagen?
Der erste Zug
Dieses bunte Jahrzehnt begann für mich im knackigen Alter – mit 22. Für mich wurde es neben dem Studium und Jobs als freier Journalist eine Party-Dekade. Los ging’s 1990 mit der fetten Fete auf dem Alten Markt in Mönchengladbach, meiner Heimatstadt: Deutschland war Fußballweltmeister – und der WM-Song „Un ’ estate Italiana“ von Gianna Nannini und Edoardo Bennato dröhnte. Überhaupt war es die Musik der 90er, die diese Jahre für mich prägte. Fast jedes Wochenende gings um 22.41 Uhr per D-Zug („Britannia-Express“) nach Köln. In den Discos wummerten Hits: Gypsy Woman von Chrystal Waters oder Please Don’t go (Double You), auch Trance-Klangteppiche waberten endlos über den Dancefloor. Gegen 6 Uhr mussten wir Partyschwärmer zum Kölner Hauptbahnhof. Um 6.24 Uhr rollte die Bimmelbahn zurück gen Gladbach. Wie ich das bloß ausgehalten hab...




