Hildesheim - Als ein „Thema historischen Ausmaßes für die Zukunft“ bezeichnet Herbert Reyer vom Vorstand des Musikschul-Vereins den Deal: Die Leester-Musikschul-Stiftung übernimmt Gebäude und Grundstück der Musikschule. Damit ist der Musikschulverein zum ersten Mal seit 2007 schuldenfrei, betont der Vorsitzende Achim Löhr. Statt Zinsen und Tilgung muss der Verein ab 1. August nur noch „eine angemessene Miete“ zahlen und „kann sich jetzt wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren“.
Eine „vorbildliche Lösung“ findet auch Oberbürgermeister Ingo Meyer, der seit 2016 kraft seines Amtes Mitglied im Vorstand ist. Die Lösung sei nicht einfach gewesen: „Wir reden seit Jahren darüber“. Immerhin seien Stiftungs-, Steuer- und Grundstücksrecht zu bedenken gewesen. Und die Stadt hat auf ihr Vorkaufsrecht achten müssen. „Wir haben Interesse an einer funktionierenden Musikschule“, sagt der OB bei einer Pressekonferenz am Montagnachmittag und verspricht, dass die Stadt die Musikschule weiter fördern und die Beiträge „langsam erhöhen“ wird.
Hohe Schulden
Die Musikschule ist seit Sanierung und Umbau der Waterloo-Kaserne vor 15 Jahren mit hohen Schulden belastet. Schon in der Vergangenheit hatte die Leester-Stiftung mit zinsgünstigen Darlehen, Zuschüssen und Aussetzen der Tilgung dem Verein unter die Arme gegriffen. Doch nun drohte die Insolvenz „Wir hätten das nicht zahlen können“, verdeutlicht Musikschulleiter Detlef Hartman.
Detlef Hartmann ist ein Gewinn für die Musikschule – ein Kommentar von HAZ-Redakteurin Martina Prante
Es war die Idee des Schulleiters, so der OB, die Stiftung das Gebäude übernehmen zu lassen. Es handele sich um einen „Aktivtausch“, erklärt Jürgen Mais, Testamentsvollstrecker der Leesters und Wirtschaftsprüfer. Die Stiftung war 2005 mit einem Grundstock von 250.000 Euro gestartet, nach dem Tod der beiden Mäzene floß das gesamte Vermögen in Höhe von 4,6 Millionen Euro in die Stiftung. Durch Umschichtung des Vermögens – das Grundstück wird laut Mais als Wert gerechnet – wird die Stiftung auch weiter ihre sozialen Ursprungsziele verfolgen können. Die Ausschüttung ist laut Hartmann eine Summe „bis zu sechsstellig pro Jahr“.
„Dringend Lösungen finden“
Die Entschuldung ist laut Achim Löhr zwar ein „wichtiger Meilenstein“, aber darüber dürfe man nicht vergessen, dass die Mitarbeiter angesichts der mangelnden Förderung nach wie vor auf Gehalt verzichteten: Tarifliche Steigerungen können nicht gezahlt werden. Das hatte 2018 auch die Gewerkschaft Verdi auf den Plan gerufen. „Zur Zeit gibt es keine Neuanstellungen, wir bluten immer mehr aus“, stellt Löhr klar. „Hier müssen wir dringend Lösungen finden.“
Detlef Hartmann ist dankbar, dass „der Tanker nun nicht mehr mit Volldampf auf die Insolvenz zusteuert, sondern sich um 180 Grad gedreht hat.“ Damit werde man dem Leesterschen Geist und dem Vermächtnis des Ehepaars gerecht. Angesichts der Unterstützung durch die Stadt hofft Hartmann, dass Musikschularbeit demnächst nicht mehr als freiwillige Leistung angesehen wird. „Die Stadt Hildesheim könnte die Vorreiterrolle übernehmen, „dass die Musikschule Bildung und Pflichtaufgabe ist“.
Zur Geschichte der Musikschule
1960 als Verein gegründet, droht bereits fünf Jahre später zum ersten Mal die Schließung der Musikschule. Stadt und Kulturministerium sichern das Fortbestehen. 1978 zieht die Schule mit 1200 Schülern in die Lindemannsche Villa. Verträge zwischen Stadt, Kreis und Musikschule sichern seit 1984 die finanzielle Lage. 1992 kündigt der Landkreis den Vertrag und reduziert die Zuschüsse von knapp 80.000 Euro staffelweise auf Null. Stadt und Landkreis zwingen die Musikschule zu BAT-gebundenen Arbeitsverträgen, die bis heute gelten. 2005 überträgt die Stadt der Musikschule die ehemalige Kaserne in der Waterloostraße. Die Kosten für Sanierung und Ausbau schultert die Musikschule selber. Gerd und Ilse Leester gründen ihre Musikschul-Stiftung im Jahr 2006 mit einem Grundkapital von 250.000 Euro, um Kinder mit sozial schwachem Hintergrund zu unterstützen. Nach dem Kauf Gebäudes neben der Musikschule wird 2009 das Leester Haus für Musik und Kultur eingeweiht. 2013 kündigt die Stadt die Dynamisierung im seit 1995 bestehenden Zuschussvertrag und friert den Zuschuss ein. Mit dem Zukunftsvertrag wird ab 2016 der Zuschuss stufenweise von 345.000 auf 295.000 Euro weiter verringert. Seit 2017 verzichten die festangestellten Lehrkräfte für fünf Jahre auf tarifliche Erhöhungen. 2017 steigen erstmalig nach mehr as 20 Jahren der Landkreis und Harsum und seit 2019 Söhlde wieder mit kleineren Beiträgen ein. Ab 1. Januar 2022 steht die Musikschule in der arbeitsrechtlichen Pflicht, wieder Tarife zahlen zu müssen. Zur Zeit unterrichten 80 Lehrer, davon 26 Festangestellte, rund 4500 Kinder und Erwachsene.


