Stefan Wurz

Hildesheimer veröffentlicht persönliches Rock-Konzeptalbum: Von der größten Krise des Lebens zurück ins Licht

Hildesheim - Stefan Wurz, bekannt als Musicalautor, kehrt zu seinen Wurzeln zurück und veröffentlicht das Rock-Konzeptalbum „Fall“. Von der Krise zur Erfüllung eines lebenslangen Traums.

Hildesheim - Wir befinden uns in den 70er Jahren. Angestachelt vom Erfolg des Who-Albums„Tommy“, stürzt sich die Popwelt mit einem Mal in ehrgeizige Großprojekte. Es reicht nicht mehr, einzelne Songs auf einer Platte zu versammeln. Vielmehr sollen die Stücke eine einzige, große Geschichte erzählen. Es ist die große Zeit der Konzeptalben – Genesis, Jethro Tull, Kinks, Pink Floyd, überhaupt so ziemlich alle Großen machen mit. Heute ist das Schnee von gestern, längst sind Playlist das Maß der Dinge. Aber vielleicht ist gerade das der perfekte Moment, ob das Konzeptalbum zu reanimieren?

Manchmal muss man ganz unten an der Talsohle angekommen sein, um den Blick wieder nach oben richten zu können. 2019 sei ein schweres Jahr gewesen, erzählt Stefan Wurz. Der Tod der Mutter, die Trennung von seiner Frau: „Ich hatte die heftigste Krise meines Lebens.“ Als sich das Jahr dem Ende zuneigte, begann der Hildesheimer Songs zu schreiben. Diesmal nicht für ein Musical, auch kein neues Orchesterwerk trieb ihn um. Nein, diesmal wollte er sich „einen lebenslangen Traum erfüllen“.

Drei Jahre lang hat Wurz an seinem persönlichen Rock-Konzeptalbum gearbeitet. An Texten und Kompositionen gefeilt, Arrangements geschrieben, geeignete Musikerinnen und Musiker gesucht und gefunden, aufgenommen, produziert. Jetzt ist es da, The Juniper Constellation heißt das Projekt, das Album trägt den Titel „Fall“.

Ich musste. Ob ich wollte oder nicht“ Stefan Wurz über die Textarbeit für die CD „Fall

Fall, englisch, hat zwei Bedeutungen: Der Fall natürlich, aber auch der Herbst. „Die Doppeldeutigkeit war von vornherein geplant. Das macht einen schönen Assoziationsraum auf“, sagt Stefan Wurz. Musik komponiert er schon seit 30 Jahren, doch an das Texten hat er sich bisher nicht herangetraut. Stets waren andere dafür zuständig. Nun hat der 58-Jährige die Texte erstmals selbst geschrieben, schon vor der Musik. „Ich musste. Ob ich wollte oder nicht“, sagt er. Die Arbeit an „Fall“ sei zugleich Therapie gewesen.

Für die Story, in der ein dunkler Ritter und ein Krieger des Lichts als Antagonisten auf einander treffen, ist Englisch die Sprache der Wahl. Er sei einfach mit englischer Musik aufgewachsen, erklärt Wurz die Entscheidung gegen seine Muttersprache. Bands wie Led Zeppelin, Status Quo, Eagles, Toto, van Halen oder auch Abba haben ihn geprägt.

„Fall“ ist nicht etwa die späte Bekehrung eines Musical-Experten – gerade ist Wurz wieder als musikalischer Leiter für das tfn-Musical „Goodbye, Norma Jeane“ engagiert, das am 4. März Premiere haben wird –, sondern eine Rückkehr zu den Wurzeln. Der Komponist und Arrangeur ist in Karlsruhe aufgewachsen, hatte dort in jungen Jahren diverse Bands, in denen er hauptsächlich als Gitarrist, aber auch als Keyboarder, Bassist oder Schlagzeuger mitmischte. Eine davon, Cyron, war auch recht erfolgreich, gewann diverse Wettbewerbe, nahm eine CD auf und ging mit der Metalband Axxis auf Tour. Erst Ende der 90er Jahre, während des Studiums der Musikwissenschaften, verschob sich sein Fokus in Richtung modernes Musiktheater.

Dass er es gewohnt ist, mit großen Besetzungen zu arbeiten, ist auch auf „Fall“ nicht zu überhören. Da gibt es Holz- und Blechblasinstrumente, ein Streicherquartett, Keyboards, Piano, Schlagzeug, Percussion, E-Bass und Kontrabass, mehrere Lead-Stimmen und Chorgesang. Gut zwei Dutzend Menschen sind an dem Album beteiligt, fast durchweg Profis.

Wurz hat alles durchkomponiert und ausnotiert, den Musikerinnen und Musikern aber Freiheiten bei der Umsetzung gelassen, nicht nur bei den Soloparts. „Gerade Simon Schröder, der Schlagzeuger, hat meine Drumparts extrem aufgewertet“, sagt der Musiker.

Ein Teil der Musik wurde im Hildesheimer Subterrasound-Studio aufgenommen, Vieles haben die Beteiligten aber auch in den eigenen Homestudios eingespielt. Nach der langen Kompositions- und Vorbereitungsphase haben die Aufnahmen und Abmischungen noch einmal ein Jahr gedauert, erzählt Stefan Wurz. „Ich habe auch andere Sachen gemacht, aber es hat die Zeit schon deutlich geprägt.“

Als CD und Vinyl

Kostspielig war es obendrein. Studiozeiten, Gastmusikerinnen und Gastmusiker mussten bezahlt werden, dazu das aufwendige, von Lars Linnhof gestaltete Cover und Booklet. Die Startauflage der CD beträgt 1000 Stück, im Mai soll eine Vinyl-Ausgabe in gleicher Stückzahl folgen. Ein Lyric-Video ist vor wenigen Tagen erschienen, zwei weitere Videos sind für Anfang 2023 geplant.

Ein Rockkonzeptalbum als Selbsttherapie: Hat sie angeschlagen? „Absolut“, sagt Stefan Wurz ohne zu zögern. „Ich bin superglücklich, die CD in der Hand zu halten.“ Am Ende des Albums wird es nicht explizit erwähnt, doch es ist offensichtlich: Der Krieger des Lichts hat die Oberhand behalten.

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