Kolumne „Unter uns“

Mutter tötet ihre drei Kinder – hat man sie zuvor in ihrer psychischen Not im Stich gelassen?

Hildesheim - HAZ-Kolumnistin Julia Haller beschäftigt ein Mordfall in den USA. Die Opfer sind drei Kinder, auf der Anklagebank: die Mutter. Wenn es nach der Verteidigung geht, ist sie aber gar nicht schuldfähig.

In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller abwechselnd zu Themen, die sie bewegen. Foto: HAZ

Hildesheim - Es ist ein Mordprozess zu einem Verbrechen, das kaum tragischer sein könnte: In den USA steht Lindsay Clancy vor Gericht, weil sie ihre drei Kinder getötet haben soll. In dem Prozess soll geklärt werden, ob die 36-Jährige in vollem Bewusstsein gehandelt hat – oder ob sie während der Tat unter einer postpartalen Psychose gelitten und somit für die Tat nicht verantwortlich gemacht werden kann. Während sich das Internet in Spekulationen stürzt, was an dem verhängnisvollen Tag im Januar 2023 wirklich geschehen ist, stimmt mich etwas anderes traurig, Katharina. Denn wie auch immer die Jury am Ende entscheiden mag, eines liegt offenkundig auf der Hand: Die junge Mutter hat enorm unter psychischen Problemen gelitten. Und die hat sie nicht verheimlicht, kaschiert oder überspielt. Nein, sie hat um Hilfe gebeten. Immer wieder und immer wieder. Hat Notfall-Hotlines gewählt, als ihre dunklen Gedanken erdrückender wurden, hat sich in Kliniken einweisen lassen; wurde von manchen sogar abgewiesen, weil ihr Zustand nicht schlecht genug gewesen sei. In die Beweisaufnahme gehen Tagebucheinträge ein, in denen sie dokumentiert, wie es ihr immer schlechter geht, wie sie Angst davor hat, die Kontrolle unter den verschiedenen Medikamenten, die sie einnimmt, zu verlieren.

Man kann jetzt den Kopf schütteln und sagen, tja, ist halt die USA. Die haben ein kaputtes Gesundheitssystem, was willste machen. Doch das wäre Hochmut. Zwar schneidet die psychische Versorgung in Deutschland sicher immer noch besser ab als die in den USA, aber: Wehret den Anfängen. Auch hier müssen Menschen teilweise zwei Jahre auf Therapieplätze warten. Auch hier werden Menschen aus psychosomatischen Kliniken abgelehnt, weil keine Plätze mehr frei sind. Jeder, der schon einmal in einem Zustand psychischer Not um Hilfe gebeten und sie nicht bekommen hat, weiß, wie nah an den Rand der Verzweiflung das Ohnmachtsgefühl einen bringen kann. Und Freunde und Familie? Können nur hilflos zusehen. Natürlich rechtfertigt das niemals, was den drei kleinen Kindern angetan wurde. Ob Lindsay Clancy für die drei Morde verantwortlich gemacht wird oder ob die Jury am Ende der Verteidigung in ihrer Einschätzung folgt, dass sie aufgrund einer Psychose zur Mörderin wurde, bleibt abzuwarten. Sollte man ihr die Schuld am Ende nicht zuschreiben können, bleibt die Frage: Wer ist dann verantwortlich? Sie hat ebenso wie der Vater der Kinder, der sich mittlerweile von der Angeklagten hat scheiden lassen, Zivilklagen gegen mehrere Psychiaterinnen und Kliniken eingereicht. Wegen unterlassener Hilfeleistung. Sind sie am Ende Bauernopfer eines kranken Systems, das nicht ausreichend dafür tut, Menschen in der Not zu helfen, Katharina?


In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.

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