Nach 30 Jahren und 350 Partien: Bjørn Thies und sein letztes Heimspiel Invaders mittendrin im Meisterschaftsrennen

Titel:  Beschreibung: Zwischen diesen Bildern liegen 25 Jahre: Bjørn Thies im Invaders-Dress 1992 im Friedrich-Ebert-Stadion und im vergangenen Jahr beim HAZ-Gameday gegen die New Yorker Lions aus Braunschweig an selber Stelle.
Zwischen diesen Bildern liegen 25 Jahre: Bjørn Thies im Invaders-Dress 1992 im Friedrich-Ebert-Stadion und im vergangenen Jahr beim HAZ-Gameday gegen die New Yorker Lions aus Braunschweig an selber Stelle.

Von Johannes Krupp

Hildesheim. Es gibt wohl nicht viele aktive Bundesligaspieler – egal, in welcher Sportart – von denen die ersten Spielfotos noch in schwarz-weiß geschossen worden sind. Bei Bjørn Thies ist das aber so. Und nun werden die wohl letzten Fotos im Invaders-Dress von ihm gemacht. Denn der 47-jährige Hildesheimer geht nach seiner insgesamt 30. Saison und rund 350 Spielen für die Hildesheim Invaders in den American-Football-Ruhestand. Wohlverdient. Aber doch irgendwie zu früh.

„Es ist definitiv meine letzte Saison!“ Das hat Thies vergangene Woche während der Partie gegen die Hamburg Huskies am Spielfeldrand gesagt. Worte, die sitzen. Denn richtig laut ausgesprochen hatte er das vorher nie. Klar, er hat bestimmt schon mal überlegt, ob diese Sportart noch die richtige ist fürs hohe Sportleralter. Und das ist an dieser Stelle zu beantworten: definitiv nicht. Aber bei Thies ticken die Uhren anders. Der Mann ist heute noch fitter als sein halbes Team. Wenn Cristiano Ronaldo sagt, er lebe im Körper eines 23-Jährigen – Bjørn Thies lebt in einem eines vielleicht 25-Jährigen.

Ob er nach den Spielen zu Hause seine blauen Flecke zählt und am Morgen nach der Partie schlecht aus dem Bett kommt? Auch wenn schon. Wahrscheinlich ist es ihm egal. Er beißt auf die Zähne und macht einfach weiter. Nach 30 Jahren American Football auf hohem und höchstem Niveau zieht der Psychologe einen Schlussstrich. Seine Familie freut sich sicher, dass der Ehemann und Vater jetzt an den Wochenenden im Sommer frei hat und nicht durch die Republik düst. Vielleicht ist die Familie aber auch traurig, denn bei vielen Auswärtsspielen war sie mit dabei und hat die Wochenenden in Köln, Hamburg oder an der Ostsee verbracht.

Für die jungen Spieler im Team ist Thies ein wichtiger Rückhalt. Der Ballträger, der 2004 gerade nach einer Saison bei den Braunschweig Lions wieder nach Hildesheim zurückkehrte, um nicht nur das Lederei für seinen Herzensverein, sondern auch ein sehr junges und unerfahrenes Team zu führen. Dass er sogar mit einem Bänderriss im Knöchel die Gegner mit sich mitgeschleift hat, immer dahin ging, wo es wehtut und niemals ans Aufgeben dachte – beeindruckend. Nehmerqualitäten hat der Mann. Ein bisschen verrückt ist er auf jeden Fall auch: Einmal reiste als Zuschauer zum Amsterdam-Marathon, um dann spontan mitzulaufen – und Thies schaffte die Strecke auch noch.

Heute gegen die Dresden Monarchs steht sein letztes Heimspiel für den Erstligisten Hildesheim an (Kick-off 16 Uhr am Philosophenweg). Und wenn dieser Typ heute zum letzten Mal vom Invaders-Homefield marschiert, werden viele seiner Weggefährten auf der Tribüne stehen und vielleicht sogar eine kleine Träne verdrücken. Sie werden sich aber auf jeden Fall unzählige Geschichten erzählen über den Football, die Invaders, die Anfänge, die Partys, die Auswärtsfahrten: Wie die Hildesheimer damals aus der 2. Bundesliga abstiegen und vor dem letzten Saisonspiel in Dresden in einer Jugendherberge die Nacht zum Tag machten. Am nächsten Morgen sind sie gegen die Monarchs untergegangen. Oder von den Aufstiegen in die 1. und 2. Bundesliga. Oder einfach nur Geschichten über ihren Freund. „Eine geile Zeit.“

Genauso viele Mitspieler, Fans und Invaders werden sich heute aber auch verwundert die Augen reiben, denn er hat nicht viel über seinen Abschied gesprochen. Eine große Abschiedstour mit Band und mächtig Tamtam: nicht sein Ding. Die Invaders ohne Bjørn Thies? Merkwürdiger Gedanke.


Erst spielen, dann weinen

Es wird emotional, wenn er heute zum letzten Mal als Spieler auf dem Homefield steht. Alle werden mit ihm anstoßen wollen. Seine jetzigen Mannschaftskollegen wollen ihm ihren Respekt für seine sportlichen Leistungen und Erfolge ausdrücken: für sein Durchhaltevermögen und seinen Willen. Aber auch für seine offenen und klaren Worte und seine unfassbare Fitness.

Aber erst steht noch das Spiel gegen Dresden an: Und das wird Bjørn Thies wie immer konzentriert und mit vollem Einsatz angehen.

Nicht viele konnten überzeugen, aber Bjørn Thies trug die Offense.

Zitat aus der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 2. Juni 1992.

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