Hildesheim - Was sich Heike am meisten wünscht, ist eine Wohnung für sich und ihren Verlobten. „Dann hätte man mal wieder den Kopf frei“, sagt sie. Denn die Not von Menschen ohne Obdach ist in der kalten Jahreszeit zwar offensichtlicher – doch im Sommer sind der Rückzugsort und die Sicherheit der eigenen vier Wände kaum weniger wichtig, wo es an heißen Tagen eine kalte Dusche gibt und Zuflucht vor der Hitze. Der Wohnungsmarkt bietet jedoch wenig Chancen auf ein neues Zuhause für Menschen, die schon mal auf der Straße gelebt haben. Ihren Nachnamen will Heike daher nicht nennen, sie fürchtet, dass ihre Aussicht auf eine Wohnung sonst weiter sinkt.
In der Zwischenzeit übernachtet sie manchmal in der Notunterkunft Langer Garten, für Frauen sei das ganz okay. Für Männer aber problematischer. Es mangele an Menschlichkeit im Umgang, findet Heike, komme öfter zu Auseinandersetzungen, auch Gewalt. Meist bleibt sie daher mit ihrem Verlobten irgendwo in der Stadt – in Parkhäusern, Kellern, bloß nicht in dunklen Parks. Immerhin besteht ja im Sommer nicht die Gefahr zu erfrieren. Toll wäre eine Unterkunft, in der es auch Zimmer für Paare gibt, meint Heike: „Man will ja mit seinem Partner zusammen sein.“
Es gibt Ladeninhaber, die Schlafende im Hauseingang stillschweigend dulden, ein Angestellter hat sogar mal Kaffee angeboten. „Zum Glück gibt es das“, sagt Daniela Knoop. Sie ist Geschäftsführerin der Herberge zur Heimat Himmelsthür, zu deren Angeboten auch der Tagestreff Lobby in der Hannoverschen Straße gehört. Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, bekommen dort ein Frühstück, einen hellen und freundlichen Aufenthaltsort, soziale Kontakte und Beratung, wenn sie mal einen amtlichen Brief nicht verstehen. Außerdem finden sie dort vor, was andere ganz selbstverständlich zu Hause haben: Sie können duschen, ihre Wäsche waschen, Computer und Internet nutzen und Zeitung lesen.
„Wir haben die Menschen im Blick“
Montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und von 13 bis 15 Uhr ist die Lobby geöffnet. Im Schnitt 40 bis 50 Leute nutzen täglich das Angebot, es können auch mal 70 sein. Männer sind in der Überzahl. Viele Frauen machen sich von einem Mann abhängig, um nicht das Dach über dem Kopf zu verlieren, sagt Daniela Knoop, erst recht wenn sie Kinder haben.
Sie lobt die Zusammenarbeit mit der Stadt; in Hildesheim sei das Zusammenspiel der Hilfsangebote für Wohnungslose gut aufgestellt. „Wir haben die Menschen im Blick“, meint sie. Zunächst mal bei der Frage des bloßen Überlebens: Sind alle in der Lage, sich mit Essen zu versorgen? Mit ausreichend Wasser, um bei Hitze nicht zu dehydrieren? Die Angebote der Lobby, der Vinzenzpforte oder des Guten Hirten aufzusuchen und an heißen Tagen einen schattigen Platz zu finden, von dem sie nicht vertrieben werden?
„Wir hatten ein ganz normales Leben“, erzählt Heike. Doch dann wollte das Paar umziehen, kündigte selbst die Wohnung – und fand keine neue. Durch Corona war sie auch den Job als Service-Kraft los, und preiswerte Wohnungen sind rar. Die Herberge zur Heimat Himmelsthür betreibt Häuser in der Gartenstraße und der Drispenstedter Straße, wo jeweils 17 Einzelzimmer zur Verfügung stehen. „Aber die sind seit Jahren zu 100 Prozent ausgebucht“, erklärt Daniela Knoop. Doch selbst in dem Unglück, auf der Straße gelandet zu sein, findet Heike noch etwas Positives: „Ich habe viele Menschen kennengelernt, die ich sonst nicht getroffen hätte. Habe all ihre Geschichten gehört. Das ist fast so etwas wie Familie.“
„Sozialcafé“ und „Kraftbar“
Ein Mann mischt sich in das Gespräch, nach eigener Aussage Stammgast in der Lobby, die er sehr lobt: Hier gebe es Platz und Luft, nicht so ein Gedränge. Und das Mittagessen am Donnerstag unter dem Motto „Quatschen mit Soße“ sei richtig gut: „Das ist ein Sozialcafé hier, eine Kraftbar.“ Er trägt manchmal selbst verfasste Texte im Hip-Hop-Stil vor, dann macht er ein kleines Podest in der Ecke zu seiner Bühne.
Auch Ali Kalash schaut gern vorbei, obwohl er eine Wohnung in der Nordstadt hat. Vor einem Jahr sei er aus dem Libanon nach Deutschland gekommen, erzählt er, besuche zurzeit einen Deutschkurs. Krankenpfleger sei er von Beruf gewesen, außerdem ein sehr guter Thai-Boxer. „Ich liebe das Haus“, lobt er den Wohnungslosentreff. „Ich gehe jeden Tag in die Stadt. Ich brauche Kontakte, Menschen zum Reden.“
Besonders schwierig ist es am Wochenende, sagt Heike, wenn die Lobby geschlossen ist. Da geht sie auch schon mal bei Burger King auf die Toilette, um sich frisch zu machen – sogar die Haare zu waschen. Seit November 2022 sind sie und ihr Partner ohne Wohnung. Und wie war das im Winter? „Genau wie jetzt“, sagt Heike, „nur dass es kalt war.“

