Bei Hempens unterm Sofa

Nach mehr als einem Jahrzehnt aufgedeckt: Schüler hat abgeschrieben

Hildesheim - Dem Lehrer war es nicht aufgefallen, und so schlummerte ein Geheimnis über viele Jahre in einem blauen Schnellhefter der Fußball-AG. Jetzt kam die Wahrheit ans Licht.

Aufgedeckt: Ein Fußballgedicht, niedergeschrieben von einem Viertklässler. Er war gar nicht der Autor. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Nehmen wir mal an, Familie Schlönske trifft zusammen. Die ganze Sippe, Onkel, Tante, Eltern und die Kinder der Eltern. Sagen wir, es handelt sich dabei um drei Söhne, alle erwachsen, einer ist verheiratet. Mit einer Grundschullehrerin, die nun auch Schlönske mit Nachnamen heißt. Die Familie verbringt einen entspannten Tag miteinander, es wird viel erzählt und gelacht.

Im blauen Schnellhefter

Aus irgendeinem nicht mehr nachzuvollziehenden Grund holt der älteste Schlönske-Spross ein paar Schulhefte vom Boden, darunter ein blauer Schnellhefter aus der Fußball-AG, vierte Klasse. Seine Partnerin, die junge Frau Schlönske, blättert die Mappe durch und ist tief beeindruckt von dem Jungen, der einst diese Mappe führte. „Deine Rechtschreibung. Irre, so was. Das gibt es heute kaum noch“, sagt sie anerkennend und erzählt etwas aus dem Grundschulnähkästchen. Schließlich blättert sie zu einem Fußballgedicht, das ihr Ehemann einst gereimt hat. Die Begeisterung ist groß. Was für einen tollen Mann sie doch hat! Die Familie ist ohnehin der gleichen Meinung, und so macht das Gedicht die Runde.

Ganz viel Lob

Alle lesen es, es regnet Lob. Bis der zweitälteste Schlönske-Sohn das Gedicht zur Seite legt und trocken sagt: „Das kenne ich, aber es ist nicht von dir.“ Es handele sich um eine Strophe eines Liedes der Gebrüder Blattschuss. Schweigen. Die Tante googelt Blattschuss und Fußball. Aha, da ist es. Der Titel lautet: „Harry Hocker lass nicht locker“. Und tatsächlich ähnelt eine Strophe nicht nur dem Gedicht, sie ist identisch. Großes Hallo, zum Lied wird geklatscht, es gibt Gelächter und Lob für den Bruder, der sich an den Song und die Interpreten erinnern konnte. So löst sich die Plagiat-Affäre in Wohlgefallen auf. Gottlob hat der älteste Schlönske-Spross keine Ambitionen, in die Politik zu gehen.

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