Coronavirus

Nach Zoff in Hannover: Bekommt in Hildesheim jeder, der will, die vierte Impfung?

Kreis Hildesheim - Gibt es die vierte Impfung nur nach Stiko-Empfehlung oder für jedermann? In Hannover gibt es darüber heftigen Streit – in Hildesheim zumindest unterschiedliche Meinungen. Die Übersicht.

Genug Impfstoff ist da, auch im Kreis Hildesheim - doch wer soll ihn bekommen? Foto: Lino Mirgeler/dpa

Kreis Hildesheim - Die bei weitem meisten Corona-Impfungen im Landkreis Hildesheim bekommen inzwischen Menschen, die sich bereits zum vierten Mal gegen das Virus impfen lassen. Das geht aus Zahlen hervor, die die Kreisverwaltung jetzt auf eine HAZ-Anfrage hin genannt hat.

In der vergangenen Woche verabreichten die Teams in den Impfzentren und bei mobilen Einsätzen insgesamt 452 Corona-Impfungen. In 361 Fällen war es für die Betroffenen bereits die vierte Spritze. 59 Personen ließen sich die dritte Impfung (Booster) geben, 17 die erste und 15 die zweite Spritze.

Vierte Impfung dominiert

Berücksichtigt man die Zahlen der vergangenen drei Wochen und rechnet sie in Prozentwerte um, wird noch deutlicher: Inzwischen hat fast jeder, der will, seine Erst-, Zweit- oder Drittimpfung bekommen. Wenn Menschen überhaupt noch zum Impfen gehen, sind es fast immer Personen, die sich zum vierten Mal immunisieren lassen möchten. Ihr Anteil machte in den vergangenen Wochen 83 Prozent aller Geimpften aus, weitere zwölf Prozent ließen sich zum ersten Mal boostern. Erst- und Zweitimpfungen spielten mit drei beziehungsweise zwei Prozent fast keine Rolle mehr. Bei diesen Daten sind Impfungen in Arztpraxen nicht berücksichtigt.

In der Region Hannover ist es Ende vergangener Woche zum offenen Streit zwischen der Regionsverwaltung und mehreren Ärztinnen und Ärzten um die vierte Impfung gekommen. Im Kreis Hildesheim gibt es solche Unstimmigkeiten nicht, zum Teil aber scharfe Kritik am Vorgehen der Region. Die Nordstemmer Hausärztin Dr. Petra Lattmann, Vorsitzende der Hildesheimer Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, wirft der Region sogar „Harakiri“ vor.

Region droht Ärzten

Wie auch im Kreis Hildesheim sind die Impf-Einrichtungen in der Region Hannover so organisiert, dass aus einem großen Pool von Medizinern Ärztinnen und Ärzte stunden- oder tageweise als Impfärzte fungieren und dafür entsprechend honoriert werden. Der jeweilige Impfarzt hat bei jeder Impfung das letzte Wort. Eigentlich.

Denn nun hat die Region den Ärzten per E-Mail eine Art Drohung geschickt. Sie behalte sich vor, „künftig nur noch Ärzte für unsere Impfangebote einzusetzen, die auch allen unter 60 Jahren eine vierte Impfung ermöglichen, soweit keine medizinisch begründbaren Kontraindikationen bestehen“, ist darin zu lesen. Begründung der Region: Es habe mehrere Beschwerden von impfwilligen Bürgern darüber gegeben, dass die vierte Impfung abgelehnt worden sei – nicht mit Hinweis auf individuelle Risiken, sondern wegen der aktuellen Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko). Es geht also um die sehr grundsätzliche Fragen, wer eine vierte Impfung bekommen soll und wer nicht – und auf welcher Grundlage. Und letztlich um die Frage, wer darüber zu entscheiden hat.

Professor ist stocksauer

Die Lage ist verzwickt, denn es gibt widersprüchliche Empfehlungen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) rät zur vierten Impfung für alle ab 60 Jahren. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sprach sich kürzlich dafür aus, sie auch Jüngeren anzubieten. Die Ständige Impfkommission (Stiko) aber bleibt bei der Empfehlung für über 70-Jährige. Und die Stiko sei „kein Kaninchenzüchterverein, sondern die höchste Institution, die wir dafür haben“, wettert ein Medizinprofessor im Ruhestand, der selbst zum Impfteam-Pool der Region Hannover gehört und deshalb seinen Namen vorerst nicht öffentlich nennen möchte.

Die Region weiche „von dem Grundsatz ab, dass das Wohl des Patienten oberstes Gebot ist“. Statt eines unabhängig entscheidenden Arztes stelle die Behörde die Indikation für alle: „Jeder, der will, bekommt die vierte Impfung.“

Kreis folgt Stiko

Cora Hermenau (CDU), Gesundheitsdezernentin der Region, verteidigt die Ansage ihrer Behörde: „Wenn keine medizinischen Gründe dagegen sprechen, möchten wir allen die Möglichkeit geben, sich einen Booster geben zu lassen.“ Sie wisse, dass eine solche Impfung eine Ansteckung derzeit nicht verhindern kann. „Aber: Je besser der Impfschutz, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für einen milden Krankheitsverlauf“, erklärt die Dezernentin – „und das ist das Ziel der gesamten Impfkampagne.“

Die Hildesheimer Kreisverwaltung antwortete auf eine HAZ-Anfrage zu dem Thema knapp: „Der Landkreis impft nach wie vor nach Stiko-Empfehlung.“ In der Praxis ist das allerdings längst nicht immer so, wie mehrere Ärztinnen und Ärzte aus dem Landkreis berichten.

„Unters Volk bringen?“

Kassenärzte-Vertreterin Dr. Petra Lattmann hält indes an der Stiko-Empfehlung fest. „Meines Wissens nach ist dies auch gängige Praxis in Hildesheimer Praxen.“ Es gebe garantiert auch welche, die jeden, der das wünscht, ohne Indikation impfen. Davon hält Lattmann erkennbar gar nichts, auch wenn sie sich offiziell dazu „besser nicht äußern möchte“. Und in der Tat weichen inzwischen viele Praxen ab.

Lattmanns Punkt: „Meines Erachtens gibt es keine guten Daten für eine generelle vierte Impfung.“ Zumal Bundesgesundheitsminister Lauterbach für September einen modifizierten Impfstoff angekündigt habe. „Dieser hätte aus meiner Sicht auch mehr Sinn für alle“, findet Lattmann und äußert einen Verdacht, den auch andere Ärztinnen und Ärzte im Kreis Hildesheim hegen: „In den nächsten Wochen sollen zigtausend Impfdosen verfallen, vermutlich möchte man diese noch unters Volk bringen.“

„Wer es unbedingt wünscht ...“

Dies sei aber ein sehr schlechter Grund. „Das Impfen ist wichtig und dringend nötig, aber doch bitte mit der gebotenen Sorgfalt.“ Sie halte sich auch persönlich an die Empfehlung, wer im Gesundheitswesen tätig und jünger als 60 Jahre sei, solle sich sechs Monate nach der dritten Impfung oder nach einer Genesung ein viertes Mal immunisieren lassen: „Ich persönlich bin zuletzt im September 2021 geimpft worden und war im Mai dieses Jahres erkrankt.“ Bis zu einer vierten Impfung warte sie also noch.

Doch es gibt auch Berufskolleginnen und Kollegen, die das weniger strikt betrachten. „Im Großen und Ganzen richte ich mich nach der Stiko-Empfehlung und weise darauf hin, impfe aber auch, wenn jemand es unbedingt wünscht“, sagt Dr. Dorothea Mordeja, Vorsitzende der Hildesheimer Bezirksstelle der Ärztekammer Niedersachsen. Der Abstand zur vorherigen Impfung oder Erkrankung solle „zwischen drei und sechs Monaten betragen – besser sechs“.

Keine „Zwangsvorgaben“

Zudem verweist sie wie Lattmann auf den für Herbst angekündigten angepassten Impfstoff: „Unter 70-Jährige, nicht chronisch Kranke sollten abwarten und sich dann eher damit impfen lassen, auch wenn die Politik anderer Meinung ist“, rät sie.

Mit Blick auf den Landkreis betont Mordeja, „Zwangsvorgaben“ für Impfärzte, die in den Impfzentren und Impfteams der Behörde im Einsatz seien, gebe es nicht. „Die begleitenden Hilfsorganisationen fragen, wie der Impfarzt jeweils eingestellt ist, und richten sich danach.“

Keine Haftungsprobleme

Liberaler als Lattmann betrachtet auch der Hildesheimer Hausarzt Dr. Elmar Wilde die Situation. „Eine zweite Boosterimpfung kann den Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf weiter verbessern und die Ansteckungsfähigkeit auch symptomarm Erkrankter verringern“, erklärt er. Dabei solle allerdings ein Abstand von etwa sechs Monaten zur ersten Boosterimpfung eingehalten werden.

Haftungsprobleme könnten Ärzte nicht bekommen, wenn sie sich über die Stiko-Empfehlung hinwegsetzen, betont Wilde: „Der Impfstoff Comirnaty von Biontech, den wir in unserer Praxis verwenden, ist für Erwachsene ohne Altersbeschränkung nach unten zugelassen zur Grundimmunisierung und Auffrischimpfung.“

Da die Impfung gegen Covid 19 nicht mit der Krankenversicherung abgerechnet werde, sondern direkt beim Bundesamt für Soziale Sicherung, seien die Empfehlungen der Stiko „hier weder rechtsverbindlich noch regressrelevant“. Wildes Schlussfolgerung: „Jeder Arzt kann also eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung bezüglich der vierten Impfung treffen und seine Patienten entsprechend beraten und gegebenenfalls impfen.“

Schüttrumpfs Ärger

Einen Mittelweg geht der Sarstedter Mediziner Dr. Bernd Schüttrumpf, zugleich Vorsitzender des Hausärzteverbandes, in seiner Praxis: Lange habe er sich streng an die Stiko-Vorgaben gehalten, doch die Institution reagiere bei allem Expertenwissen „mitunter etwas zu träge“. Deshalb würden nun alle über 60 Jahren auf Wunsch geimpft, analog zur EMA-Empfehlung und zum Beispiel zu den Vorgaben in Frankreich. „Es gibt wenige Ausnahmen, bei denen wir davon abweichen“, berichtet Schüttrumpf und nennt als Beispiel „eine eigentlich gesunde 40-jährige Frau, die ihre 66-jährige nierentransplantierte Mutter rund um die Uhr versorgt – und zum einen die Mutter nicht anstecken und zum anderen selbst nicht ausfallen möchte.

Wie Mordeja bestätigt auch Schütttrumpf, dass die Stiko-Vorgaben auch in den Impfstellen des Landkreises keineswegs strikt eingehalten werden: „Es gab Patienten, die wir entsprechend unserer Festlegungen nicht geimpft haben, die dann selbstverständlich im Impfzentrum in Sarstedt die vierte Impfung erhalten haben – der jüngste von ihnen war 27 Jahre alt. Das hat uns sehr irritiert.“

Und so lautet die offizielle, derzeit gültige Empfehlung der Stiko:

Die Ständige Impfkommission empfiehlt nach abgeschlossener Covid-19-Grundimmunisierung (zwei Impfungen) und erfolgter erster Auffrischimpfung (Booster) eine vierte Impfung frühestens drei Monate nach der Booster-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff für über 70-Jährige, Bewohnerinnen, Bewohner und Betreute in Einrichtungen der Pflege und für Personen mit Immundefizienz. Ebenfalls empfohlen wird die vierte Impfung Tätigen in medizinischen Einrichtungen und Pflegeeinrichtungen unabhängig vom Alter, hier jedoch frühestens sechs Monate nach der Booster-Impfung. In begründeten Einzelfällen kann bei Letztgenannten die vierte Impfung auch bereits nach frühestens nach drei Monaten erwogen werden.

Mit Ralph Hübner

  • Hildesheim
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