Hildesheim - Wettbewerb verloren: Blick nach vorn, sagt Kristina Jacobsen. Im HAZ-Interview spricht die Wissenschaftlerin über den „Mann mit Zopf und Rübe“, den Vorteil, nicht gewonnen zu haben und den Kairos von Chemnitz.
Woran könnte es gelegen haben, dass Hildesheim gegen Chemnitz den kürzeren gezogen hat?
Das Hildesheimer Bewerbungsbüro hat eine sehr gute Bewerbung abgegeben. Hierbei gibt es einen schmalen Grat: Ist die Bewerbung nicht gut genug, hat man keine Chance. Ist sie aber außerordentlich gut, so fragt sich die Jury: Wieso braucht die Stadt dann noch den Kulturhauptstadttitel? Dieses Schicksal dürfte schon Dresden in der Vorauswahl ereilt haben, dessen vorzeitiges Ausscheiden ich wie viele andere nicht nachvollziehen konnte. Die fünf Finalistenstädte haben es der Jury allesamt nicht leicht gemacht. Aber Chemnitz hatte halt aufgrund des Bildes einer gespaltenen Gesellschaft, das Chemnitz in den Medien abgegeben hatte, den Kairos (religiös-philosophischer Begriff für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, Anm.d.Red.) auf seiner Seite.
Wäre die Zuckerrübe als auslaufendes Anbau-Modell überhaupt zukunftsfähig gewesen?
Ich war in den letzten Jahren auf unzähligen Kulturhauptstadt-Konferenzen und kann von dieser Seite bestätigen, dass Hildesheim fast immer mit der Zuckerrübe verschlagwortet wurde. „Der Mann mit Zopf und Zuckerrübe“: Diese corporate identity hat funktioniert. Aber die Rübe wurde ja nicht nur ausgewählt, weil es hier so viele gibt. Sondern sie wurde in der Bewerbung auch zum Diskussionsgegenstand über (Agri-)Kultur, (Bio-) Diversität und über den Wandel in Landwirtschaft und Gesellschaft.
War es ein Nachteil, dass Hildesheim mit Abstand die kleinste Bewerberstadt in der Finalrunde war?
Nein, Hildesheim hatte es etwas leichter, ein fassliches Profil zu erarbeiten. Das ist mit dem Provinz-Ansatz gelungen. Die anderen Bewerberstädte haben sich sehr viele Vorhaben gesteckt, aber dadurch verloren ihre Profile an Griffigkeit. Ich werte es als Erfolg, was Hildesheim in dieser Selbstfindungsphase erarbeitet hat. Darauf lässt sich aufbauen.
Wie sind andere Städte mit dem Ausscheiden umgegangen? Beziehungsweise: Was haben sie daraus gemacht?
Wenn man die drei deutschen Städte betrachtet, die vor einem knappen Jahr aus dem Wettbewerb ausgeschieden sind, fragt man sich, was sie in der Zwischenzeit von ihren Vorhaben auch ohne Kulturhaupttitel umsetzen konnten. Dass dort nun doch vieles nicht stattfinden konnte, hat jedoch in erster Linie mit Corona zu tun. Ein richtig gutes Beispiel für einen „erfolgreichen Verlierer“ ist Kassel, das 2006 aus dem damaligen Kulturhauptstadtfinale ausgeschieden ist. Dort hat man in den darauffolgenden Jahren dennoch große Vorhaben wie den Umbau der Kassler Museumslandschaft geschafft und hatte sich dafür vorher nicht zuletzt auch finanziell gut abgesichert. Auch die Freie Szene hat dort profitiert.
Was ist jetzt für die Zukunft in Hildesheim wichtig?
Der Wettbewerb ist nun verloren. Deshalb gilt nur eins: Blick nach vorne. Ich habe schon 2016, in den Vorüberlegungen einer Bewerbung, zu den Verantwortlichen in Hildesheim gesagt: Ihr müsst alles, was ihr unternehmt, für Eure Stadtentwicklung vor Ort tun, und nicht zu sehr auf den Titel fixiert sein. Ich denke, diesem Ansatz wurde bislang gefolgt. Denn schon vor einigen Monaten hieß es in einem Imagefilm der Hildesheimer Bewerbung: Wir haben ja schon gewonnen – mit allem, was wir bislang erreicht haben. Dazu gehört sicher als eines der wichtigsten Elemente die Unterstützung durch die Bevölkerung in Stadt und Landkreis. Ein Beweis dafür ist, dass trotz Corona keiner der privaten Sponsoren bislang abgesprungen ist.
Naja, von Bevölkerung im Boot war nicht viel zu sehen. Und bisher wurde nur der Cultural Hub als etwas, was bleibt, kommuniziert.
Im Verhältnis zu seiner Teamgröße wurde ein Maximum an Transparenz und Kommunikation geleistet. Sicher, hätte es mehr PR-Gelder gegeben, hätte man noch offensiver kommunizieren können. Aber auch so tat dies Hildesheim mehr als andere Bewerberstädte, auch über seine Homepage und Social Media. Und was die Ziele angeht: Vorgaben aus dem Bewerbungsbuch sollten jetzt noch einmal kritisch überprüft werden. Natürlich fliegt dabei auch manches raus, was vielleicht nur „für die Jury“ hineingeschrieben wurde. Aber der Cultural Hub ist das Gesicht vom „Plan B“. Deshalb darf dieses Vorhaben auch nicht scheitern. Hieran können alle, die an der Bewerbung mitgewirkt haben, zeigen: Das Geld, das in die Bewerbung investiert wurde, ist nicht verloren, sondern hier geht es weiter.
Welche Fehler darf Hildesheim nicht machen?
Neben den kulturpolitischen Errungenschaften – definitiv gehört die interkommunale Vereinbarung hierzu – muss nun auch die Finanzierung gesichert werden. Hierbei können die neuen Netzwerke und auch das Know-How über europäische Fördertöpfe produktiv eingesetzt werden. Es gilt nun, am Ball zu bleiben und die kooperative und insgesamt positive Grundstimmung zu nutzen.
Gibt es aus Ihrer Erfahrung Städte, die letztlich froh waren, den Titel nicht gewonnen zu haben?
Ein paar Jahre, nachdem die letzte Kulturhauptstadt in Deutschland verkündet worden war, sprach ich mit Vertretern einer Finalistenstadt, die den Titel nicht erlangt hat. Die sagten mir: „Wie gut, dass wir den Titel nicht bekommen haben. So haben wir von der Energie des Wettbewerbs profitiert und sind unseren Zielen vor Ort näher gekommen - und ein bombastisches Spektakel und zu bespaßende Touristen sind uns erspart geblieben. So bleibt der Fokus auf dem, was uns in unserer Stadt wichtig ist.“
