Hildesheim - Bruno Gröning hatte einen Kropf, eine Halsgeschwulst in der Größe eines Baseballhandschuhs. Sein Hals war auf diese abnorme Größe angeschwollen, zumindest sehen es seine Anhängerinnen und Anhänger bis heute so, weil Gröning darin, in seiner geistigen Verwandtschaft mit Jesus Christus, die Krankheiten und das Leid aller Menschen absorbierte. Er würde alle Heilsuchende, so das Versprechen, genesen lassen – allein durch seinen Kontakt zum göttlichen Heilstrom; jedoch gab es drei Bedingungen: Man musste aufrichtig an „den Herrgott“ glauben, außerdem an Bruno Gröning und seine spirituellen Fähigkeiten, und man musste ein „guter Mensch“ sein. Für wen das zutraf, gelte dann der Satz: „Es gibt kein Unheilbar!“
Es war ebendieses Zitat des von Zeitungen der Nachkriegszeit als „Wunderdoktor“ bezeichneten Gröning, das der Hildesheimer Bruno-Gröning-Freundeskreis (BGF) als Titel für einen Vortrag wählte, zu dem er am 8. März dieses Jahres in den Riedelsaal der Hildesheimer Volkshochschule (VHS) einlud. Die Hildesheimer Gruppe ist laut der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) einer von rund 200 Freundeskreisen in Deutschland. Die regionalen Gemeinschaften umfassen in der Regel zehn bis 50 Mitglieder. Der BGF selbst spricht von mehreren hundert solcher Gemeinschaften in Deutschland und einigen tausend weltweit. Der Fachöffentlichkeit seien die Freundeskreise seit langem bekannt, sagt Heike Hausmann-Paefgen. Sie ist Mitglied im Stab für Öffentlichkeitsarbeit des Bundesverwaltungsamtes (BVA), in dem das Referat „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ als Informations- und Dokumentationsstelle des Bundes angesiedelt ist.
Der Wunderheiler starb an Krebs
Der 1959 in Paris an Magenkrebs verstorbene Gröning habe zu Lebzeiten zahlreiche Gemeinschaften gegründet, nach seinem Tod seien sie erst von seiner Anhängerin Grete Häusler (Gründerin des gleichnamigen Verlags) und dann von ihrem Sohn Dieter fortgesetzt worden. Letzterer bildet noch heute zusammen mit Helga List den Vorstand des BGF-Trägervereins „Kreis für natürliche Lebenshilfe“. Dieser Verein sei es auch gewesen, der sich bei der VHS wegen der Nutzung des Riedelsaals gemeldet habe, wie Geschäftsführerin Christin Eschmann der HAZ auf Nachfrage mitteilt. Die VHS biete unterschiedlichen Organisationen, Gruppen und Vereinen ihre Räume zur externen Vermietung an. Es sei jedoch nicht bekannt gewesen, dass hinter dem „Kreis für natürliche Lebenshilfe“ der BGF stehe. In vorherigen Gesprächen mit der Ansprechpartnerin des Vereins sei lediglich auf die Stärkung der inneren Kräfte verwiesen worden. „Da der Verein ’Kreis für natürliche Lebenshilfe’ nicht unter das Vereinsverbot fällt, sind wir an dieser Stelle mehr als schockiert über den Inhalt und fühlen uns durch den Deckmantel des anerkannten und gemeinnützigen Trägervereins getäuscht“, sagt Eschmann und kündigt Konsequenzen an.
Doch wer war dieser Wunderheiler, der auch mehr als 60 Jahre nach seinem Tod noch von vielen Menschen verehrt wird? Die Geschichte Bruno Grönings beginnt 1906 mit seiner Geburt im Danziger Vorort Oliva. Damals hieß er noch Bruno Grönkowski, den Namen änderte die Familie erst mit dem Erstarken des Nationalsozialismus. Um sich über Wasser zu halten, hatte Gröning in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg viele verschiedene Tätigkeiten ausgeübt, unter anderem als Elektriker, Zimmermann, Kellner, Tischler oder Kurierbote. Seine Laufbahn als Wunderheiler begann deutlich später, in den ersten Jahren der Nachkriegszeit mit dem „Wunder von Herford“. Gröning hatte einen gelähmten Jungen besucht, der daraufhin, zumindest für einige Wochen lang, wieder aus dem Bett aufstehen konnte. Diese Nachricht verbreitete sich im Nachkriegsdeutschland wie ein Lauffeuer, bald pilgerten die Heilungssuchenden scharenweise in die westfälische Kleinstadt. Später gab es sogar „Massenveranstaltungen, an denen bis zu 30.000 Menschen täglich seine Hilfe gesucht haben sollen“, berichtet BVA-Sprecherin Hausmann-Paefgen. Bei diesen Veranstaltungen sollen sich „biblische Szenen“ abgespielt haben, die Menschen sollen fanatisiert und verzückt gewesen sein.
Darum verteilte Gröning Fingernägel, Blut und Sperma
Seinen Lebensunterhalt habe Gröning in dieser Zeit aus den Einnahmen der Heilungssuchenden bestritten. Laut der Historikerin Monica Black sollen mitunter an nur einem Abend 34.000 Mark Spendengelder zusammengekommen sein. Gegen Ende der 50er Jahre ist Gröning schließlich mehrfach wegen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz angeklagt worden. Unter anderem war ihm zur Last gelegt worden, den Tod eines 18-jährigen Mädchens herbeigeführt zu haben. „Er wurde zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von 5.000 Mark verurteilt“, sagt Hausmann-Paefgen. Doch davon ließ sich Gröning offenbar nicht aufhalten. Nachdem ihm in Nordrhein-Westfalen (NRW) und später auch in Bayern alle Heiltätigkeiten untersagt worden waren, begann er ein Wanderleben.
Den Menschen gegenüber, die er dabei traf, behauptete er, Orte und Gegenstände mit seiner Heilkraft aufladen zu können. Auf diese Weise würde später die Berührung der Gegenstände ausreichen, um die Heilung herbeizuführen. „Eigens zu solchen Heilungszwecken stellte er Stanniolpapierkugeln her, in die er Kopfhaare, Fingernägel, Blutstropfen und sogar Sperma von sich einwickelte“, sagt Hausmann-Paefgen. Weil heute nur noch wenig Gröning-Kugeln greifbar seien, hätten sich die Freundeskreise inzwischen darauf verlegt, Fotos von Gröning als sogenannte „Antennen“ zu nutzen. Das BVA sieht im Vertrieb dieser Bruno-Porträts eine wesentliche Einnahmequelle des Grete-Häusler-Verlags.
Sekteninfo kritisiert VHS als Veranstaltungsort
Dieter Häusler betont auf HAZ-Nachfrage, dass im Bruno-Gröning-Freundeskreis keine Eintrittsgelder, Mitgliedsbeiträge, Gebühren oder andere finanzielle Forderungen erhoben würden. „Sowohl die regionalen Gemeinschaften als auch der Bruno-Gröning-Freundeskreis im Ganzen finanzieren sich ausschließlich durch freiwillige Spenden.“ Solche werden auch auf dem Flyer erbeten, mit dem der BGF in Hildesheim für seine Veranstaltung in der Volkshochschule geworben hat. Dass der Freundeskreis dort einen Vortrag gehalten hat, sieht Christoph Grotepass von der Sekten-Info NRW kritisch. Er verweist auf das Positionspapier Gesundheitsbildung vom Deutschen Volkshochschul-Verband. Darin heißt es zwar, dass es die VHS als ihre Aufgabe ansehen, auch Gesundheitsthemen und -fragestellungen aus anderen Traditionen und Kulturkreisen oder aus die Schulmedizin ergänzenden Bereichen aufzugreifen. Aber: „Mit dieser grundsätzlichen Offenheit gegenüber neuen Themen korrespondiert eine umfassende Gewährleistung von Seriosität.“
Die VHS stehe in der Verantwortung, zu schauen, wen sie bei Gesundheitsthemen ins Haus lasse, betont Grotepass. „Ich bezweifle dass sich eine Veranstaltung des BGF mit dem Bildungsauftrag der VHS verträgt.“ So sieht es prinzipiell auch VHS-Chefin Christin Eschmann. „Die eigenen Bildungsangebote der VHS Hildesheim, von denen diese Veranstaltung ganz klar abgegrenzt werden muss, haben einen hohen Qualitätsstandard, der jährlich extern geprüft wird“, unterstreicht sie. Die HAZ-Recherche zum BGF werde sie zum Anlass nehmen, die Qualitätsstandards für externe Raumvermietungen zu analysieren. Sie werde die Recherche auch nutzen, um als VHS Hildesheim selbst Aufklärungsarbeit in Form von Bildungsangeboten zu leisten, etwa dazu wie psychologische Techniken erkannt werden können.
Bonbons für 107 Euro
Als Referent für den Vortrag im Riedelsaal hatte der Hildesheimer Freundeskreis den Anästhesisten Dr. Wolfgang Vogelsberger eingeladen. Er ist Mitglied der sogenannten Medizinisch-Wissenschaftlichen Fachgruppe des Bruno Gröning Freundeskreises. „Das klingt erstmal so, als könnte es für die Glaubensaussagen und Heilungsberichte eine wissenschaftlich bestätigende Basis geben“, sagt Christoph Grotepass von der Sekten-Info NRW. Doch das treffe natürlich nicht zu.
Von Dr. Vogelsberger, der schon seit Jahren Vorträge für regionale Ableger des BGF hält, kursieren diverse Videos im Internet. In einem davon, das ihn 2017 bei einem Kongress im Fire & Ice Hotel Neuss zeigt, bewirbt der Arzt Produkte der Firma APLGO LTD mit Sitz auf Zypern. Der Hersteller spricht an keiner Stelle von Medikamenten, auf seiner Website stehen nur „Bonbons“ zum Verkauf, die dabei helfen sollen „tief durchzuatmen“ oder täglich „neue Energie, Leichtigkeit, Geschmack und Erlebnisse“ zu genießen. Packungspreis für 30 Bonbons: 50 bis 107 Euro. Vogelsberger spricht dabei von einer Art neuen Heilkunde. „Es gibt keine Krankheiten“, behauptet er in Neuss. Es gebe nur „Regulationen“, also Heilungsvorgänge, und die Produkte von APL würden diese auf natürliche Weise unterstützen.
Gröning und die Nazis
In einem anderen Video sieht man den Mediziner im Gespräch mit BGF-Sprecher Jürgen Block sowie Michael Vogt von der Internetseite Alpenparlament.tv. Der Kanal wird von Martin Frischknecht betrieben; laut Neue Zürcher Zeitung gilt er als Verschwörungstheoretiker mit Hang zu Esoterik und rechtsradikalen Positionen. Die Nähe zum rechten Milieu überrascht nicht wirklich; Bruno Gröning war selbst spätestens ab 1936 Mitglied der Hitler-Partei NSDAP. Laut der Historikerin Monica Black war das zu jener Zeit erstmal nicht ungewöhnlich, Gröning selbst sei zu keiner Zeit mehr gewesen als ein einfaches Parteimitglied. Trotzdem habe er sich später beständig mit anderen ehemaligen Nazis umgeben, darunter auch prominente Gestalten der NSDAP wie den SS-Mann Otto Meckelburg, der Kriegsverbrechen begangen hatte, oder Egon Arthur Schmidt, der einst in der Hörfunk-Abteilung des Reichspropagandaministeriums gearbeitet hatte und später Grönings Manager werden sollte.
Der BGF selbst bezieht auf HAZ-Nachfrage keine eindeutige Stellung zu Grönings NS-Vergangenheit. Dieter Häusler spricht diesbezüglich von einem der „großen Rätsel“ in Grönings Biografie. „Seine in seiner Lehre geäußerten Überzeugungen stehen in krassem Widerspruch zur NS-Ideologie“, meint Häusler. So habe Gröning gesagt, alle Menschen – gleich welcher Nation, Rasse oder Religion – seien es wert, dass ihnen geholfen werde. Wann und in welchem Kontext Gröning das gesagt haben soll, führt Häusler nicht an. Er sieht darin aber eine klare Aussage gegen den NS. Dass Gröning immer wieder davon gesprochen hatte, dass nur „gute Menschen“ geheilt werden könnten, und „böse“ oder „schlechte Menschen“ einer Heilung nicht würdig oder sogar „Abfall“ seien, erwähnt Häusler nicht.
Eine düstere Parallele
Allerdings war schon zu Lebzeiten des Heilers Kritik an derartigen Äußerungen aufgekommen. Nichtgeheilte würden durch Grönings Auslegung zu von Gott verstoßenen Menschen, sagte etwa der frühere Präsident der Bayerischen Ärztekammer Dr. Karl Weiler. Die Historikerin Monica Black erkennt in Grönings Auftritten vor teils hunderten von Heilsuchenden noch eine weitere Parallele zur NS-Zeit; in Herford, später aber auch in Bayern hatte Gröning von Balkonen aus zu tausenden von Menschen gesprochen. Wenn der Heiler, etwa 1949 in Rosenheim, „in seiner eigenen Art von Uniform den Blick über die versammelte Menschenmenge schweifen ließ, mag er, zumindest für einige Anwesende, eine ganz besondere und unverkennbare Erinnerung heraufbeschworen haben: die an Hitler, der zum Volk sprach“, schreibt Black in ihrem Buch „Deutsche Dämonen“.
Dass, wie bei den mit Sperma oder Blut gefüllten Gröning-Kugeln, Körperteile oder -flüssigkeiten zu spirituellen Zwecken verwendet würden, ist in der Geschichte übrigens nichts Neues, wie Grotepass von der Sekten-Info erinnert. „Das ist ähnlich wie bei christlichen Reliquien, wo auch Körperteile oder Teile vom heiligen Kreuz aus Jerusalem enthalten sein können.“ Tatsächlich spielt das Christentum in Grönings Lehre eine wichtige Rolle. So hat er sich selbst immer nur als eine Art Medium dargestellt, das den Kranken und Geschwächten half, sich mit dem göttlichen Heilstrom zu verbinden. Laut Grotepass gibt es innerhalb der Freundeskreise sogar einen Richtungsstreit. „Da sind manche eher esoterisch unterwegs und verbinden den Heilstrom mit dem asiatischen Konzept der Lebenskraft Chi, und andere engagieren sich, wie Bruno es empfahl, in der Kirche.“
Davor warnt die Landeskirche
Die Kirche hat sich auf HAZ-Nachfrage ebenfalls zum BGF geäußert. Laut Benjamin Simon-Hinkelmann, Pastor und Pressesprecher der Landeskirche Hannovers, hat es in den letzten Jahren keine Beratungsanfragen dazu gegeben. Der BGF ist der Kirche aber durchaus ein Begriff. „Die größte Gefahr besteht in ’übersteigerten’ Heils- und Heilungsversprechen“, sagt Simon-Hinkelmann. Die klare Erwartung, dass die Verbindung zum sogenannten Heilstrom letztendlich alle Krankheiten heile, könne einen enormen Druck ausüben, der sich kontraproduktiv auf den Gesundheitszustand und die Lebenszufriedenheit auswirke. „Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass Menschen Medikamente absetzen und ärztliche Behandlungen abbrechen oder verweigern.“
Der BGF wehrt sich gegen Vorwürfe wie diesen. „Im Bruno Gröning-Freundeskreis wird nicht von Arztbesuchen, Medikamenteneinnahme, Therapien oder operativen Eingriffen abgeraten“, sagt Dieter Häusler auf HAZ-Nachfrage. Heilversprechen würden nicht gegeben. „Die Heilung auf geistigem Weg nach der Lehre Bruno Grönings steht in keinerlei Konkurrenz zu Ärzten und Medizin, sondern ist eine zusätzliche aufbauende Ergänzung“, so Häusler.
Darum ist Bruno Grönings Lehre so gefährlich
Doch auch das Bundesverwaltungsamt berichtet von Gröning-Anhängern, die Medikamente verweigerten. Und Sprecherin Hausmann-Paefgen nennt noch ein weiteres Problem: Eine durch den Heilstrom erfolgte Heilung könne Grönings Lehre zufolge wieder verloren gehen, wenn das soziale Umfeld skeptisch gegenüber dieser Heilung sei. „Misserfolge bei der Heilung sind folglich niemals auf mangelnde Fähigkeiten Grönings zurückzuführen – wie auch immer eingetretene Heilungen jedoch stets.“
Anhänger Grönings nehmen Hausmann-Paefgen zufolge an, dass Satan durch Menschen wirkt, die nicht an Grönings Heilslehre glauben. Um sich selbst zu schützen, soll Kontakt zu jenen, die nicht daran glauben, vermieden werden. Angehörige hätten berichtet, dass Menschen, die wegen gesundheitlicher Probleme an den BGF geraten seien, seither einen sozialen Kontakt nach dem anderen geopfert hätten. Laut Christoph Grotepass von der Sekten-Info NRW ist das ein typisches konfliktträchtiges Merkmal, das man auch in anderen sogenannten Sekten findet. Der Begriff Sekte sei jedoch – ungeachtet des Namens der vom Land NRW geförderten Beratungsstelle – besser zu vermeiden. Der (gesellschaftlich) als Problemanzeiger geläufige Begriff würde natürlich von Anhängern konfliktträchtiger Gemeinschaften als diffamierend empfunden und abgewehrt.
Handelt es sich um eine Sekte?
So sieht es auch das BVA. Von staatlicher Seite werde die Bezeichnung „Sekte“ nicht verwendet, teilt Hausmann-Paefgen mit. Die Einstufung einer religiösen Gruppierung als Sekte wäre auch im Hinblick auf die Religionsfreiheit sehr problematisch, betont sie. Es könne von staatlicher Seite keine Bewertung religiöser Inhalte vorgenommen werden. „Allerdings hat der Staat das Recht, in bestimmten Fällen vor den Aktivitäten von Gruppierungen zu warnen.“
Zu diesem Zweck kann es auch vorkommen, dass der Verfassungsschutz religiöse Gemeinschaften beobachtet. Das sei in manchen Bundesländern bei Scientology der Fall (u.a. in NRW), berichtet Grotepass von der Sekten-Info. Wie das Niedersächsische Innenministerium auf HAZ-Nachfrage berichtet, fällt der BGF „nach überschlägiger Bewertung“ jedoch nicht in den Zuständigkeitsbereich des Verfassungsschutzes. Allerdings hat die Enquette-Kommission der Bundesregierung bereits im Jahr 1998 vor den möglichen Folgen einer Mitgliedschaft gewarnt.
So haben Anhänger offenbar ihre eigenen Kinder gefährdet
Wie das BVA mitteilt, agieren die Freundeskreise mittlerweile nach außen hin im Rahmen der bestehenden Gesetze. Daher ergebe sich auch keine rechtliche Handhabe gegen den Freundeskreis und seine Lehren. „Ein Vorgehen gegen Einzelpersonen bei Bekanntwerden von Gesetzesverstößen bleibt natürlich davon unangetastet und könnte gegebenenfalls auch auf den Freundeskreis durchschlagen“, unterstreicht Hausmann-Paefgen.
Wie gefährlich die Lehren Grönings sein können, zeigen Berichte von Anhängern, die 1990 vom BGF in den sogenannten Kinderschulungsbriefen veröffentlicht worden sind. Diese bestärken laut Hausmann-Paefgen Menschen in dem Glauben an eine Heilung durch den Heilstrom Grönings, und empfehlen mitunter ärztliche Hilfe gar nicht oder erst spät in Anspruch zu nehmen. „So berichtet eine Mutter, sie habe eine Mittelohrentzündung ihres Sohnes dadurch behandelt, dass sie ihm ein Gröning-Bild aufs Ohr gelegt, sich ’eingestellt’ und freudig bei Bruno Gröning bedankt habe“, sagt Hausmann-Paefgen.
Mit bewusstlosem Kind zum Freundeskreis statt zum Arzt
In einem anderen Fall habe eine Mutter berichtet, dass sie nach einem Treppensturz ihrer zweijährigen Tochter mit anschließender Bewusstlosigkeit keinen Arzt aufgesucht habe, sondern sich gemeinsam mit ihrem Gemeinschaftsleiter vor einem Gröningbild ’eingestellt’ habe. Zumindest im letzten Fall scheint laut BVA eine Kindeswohlgefährdung vorzuliegen – vorausgesetzt die Schilderung der Mutter sei zutreffend. Aber: „Damit die entsprechenden Stellen handeln können, müssen die Umstände des jeweiligen Einzelfalles dem Jugendamt oder der Staatsanwaltschaft bekannt werden.“ Sich einzustellen muss im Übrigen so viel bedeuten, wie sich geistig oder spirituell für Grönings Kräfte zu öffnen, vermutlich, indem man sich gedanklich auf die Heilung konzentriert und versucht, keine Zweifel daran zuzulassen.
Generell scheinen die Freundeskreise bemüht zu sein, neue Mitglieder zu akquirieren, ohne große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Zur Hildesheimer Gruppe sind im Internet keine Informationen zu finden. Nach Informationen der HAZ hat die Gemeinschaft aber Räume an der Goslarschen Straße angemietet. Veranstaltungen wie die im Riedelsaal bewirbt der BGF mit Flyern, die an verschiedenen Orten, etwa an Pinnwänden in Supermärkten, aufgehängt werden. Unter der Telefonnummer auf dem Flyer für den Vortrag in der VHS war für die HAZ jedoch niemand zu erreichen. Eine Anfrage an die E-Mail-Adresse, die ebenfalls darauf zu finden war, blieb unbeantwortet.

