Sottrum - Bis Ende August sind Reisen aus Deutschland in die meisten Ecken der Erde nicht möglich. Peter Deicke, Weltenbummler und Macher des Familienparks Sottrum, ist in 89 Lebensjahren bisher sowieso schon fast überall gewesen zwischen Grönland und der Südsee, vom Dschungel Südamerikas bis Indien. Und im Familienpark ist seit dem durch Corona verzögerten Saisonstart ein großer Schatz zu erleben, den er zu einem großen Teil von seinen eigenen Reisen mitgebracht hat: Spiele aus 72 verschiedenen Ländern, einfach und ohne große Hilfsmittel zu spielen. Das Spielbrett ist jeweils ein Muster im Pflaster eines 2000 Quadratmeter großen, neu angelegten Weges rund um den Park. Kurz die Erläuterung auf einer Tafel durchlesen und loslegen: Die Spiele – an die 200 sollen es einmal werden – folgen dem Prinzip, das Deicke, der jahrzehntelang eine Tanzschule in Hildesheim betrieb, seit über 30 Jahren in seinem zweiten Lebenswerk, dem Familienpark, anstrebt. Der Park setzt auf die Faszination, Einfaches mit anderen Augen zu entdecken.
Motorik plus Mathe
Zahlreiche der neuen Spiele verbinden Bewegen und Denken, Motorik und Mathe. „Ein Kind, das nicht rückwärts gehen kann“, sagt Deicke, „das kann auch nicht gut rechnen.“ Integriert sind auf dem neuen Weg auch viele Spielideen, die nicht nur aus anderen Ländern, sondern auch aus ferner Vergangenheit stammen: das Lieblingsspiel von Pharao Tutenchamun, außerdem 4000 Jahre alte „Magische Quadrate“ oder Spielfelder, die römische Soldaten einst in den Boden ritzten.
Außerhalb der Saison entsteht im Familienpark alle Jahre wieder eine neue Welt, die Arbeiten laufen dann aber auch im Frühjahr und Sommer weiter. Gerade entsteht ein neuer Bereich mit Wissenswertem und Spielerischem rund um das Herz. Er soll noch in dieser Saison erlebbar werden, voraussichtlich im Herbst. Manche Idee hat Deicke jahrelang im Hinterkopf, das Projekt mit dem Spieleweg reifte sogar im Laufe von Jahrzehnten. „Ich habe bei meinen Reisen überall auch mit den Kindern gespielt“, erzählt Deicke. So wuchs der Schatz quasi ganz spielerisch.
Wahrsagen selbst gemacht
Die zweite große Neuerung ist der Zauberwald. Zu dem gehört unter anderem ein hölzerner Tausendfüßler mit 1600 Füßen und ein Wahrsager-Wägelchen mit Selbstbedienung. Da kann man sich die Zukunft selbst vorhersagen. „So hat man das besser im Griff“, meint Deicke schmunzelnd. Der Familienpark ist gespickt mit unzähligen verrückten Ideen. Auch skurrile Stationen, die schon Jahre stehen, wecken bei Deicke auf einem Rundgang über das Areal noch heute eine fast kindliche Freude. Der 89-Jährige liebt und lebt seinen Park.
Das Geheimnis der Fibonacci-Zahlen
Freilich können auch Erwachsene viel lernen, zum Beispiel über die Fibonacci-Zahlenfolge, ein Wachstumsmuster, das sich überall in der Natur findet. „Das kannte ich vorher auch nicht“, sagt der Park-Inhaber. Er stieß auf das Phänomen und verarbeitete es für seine Besucher. Von denen sind viele Stammgäste mit Dauerkarten. „Und die entdecken auch beim zehnten Besuch oft noch was Neues“, weiß Deicke von Rückmeldungen der großen und kleinen Gäste. Er berichtet, dass an Stationen, die den Verlauf der Erdgeschichte veranschaulichen, sogar Geologen beeindruckt waren. Jeder Meter steht für eine Million Jahre. „Der Urknall war sozusagen in Hannover“, erklärt der Park-Tüftler. „Da sind Dimensionen, die sich selbst die Geologen so noch nicht vorstellen konnten.“
Kein Gedränge im Park
Die Corona-Pandemie schränkt den Betrieb auf dem Gelände kaum noch ein. Denn der Park ist 200000 Quadratmeter groß. „Da verteilen sich die Leute“, sagt Deicke. Eine Maskenpflicht gilt nur in Innen-Bereichen wie Toiletten und Gaststätte.
An diesem Samstag wird der neue Spieleweg mit einem kindlichen Spektakel eingeweiht: Alle Kinder können sich darauf künstlerisch mit Kreide austoben. Die Idee entstand, wie vieles andere im Familienpark, ganz spontan. Deickes Enkel Nora und Erik saßen auf dem Boden und bemalten das Pflaster mit bunter Kreide. „Wisst Ihr was“, sagte der Opa, „daraus machen wir eine Aktion.“
Eine Lehre fürs Leben
Wer eine Lehre fürs Leben mit nach Hause nehmen will, sollte sich zum Schluss des Besuches noch die Zeit nehmen, sich in der Nähe des Ausgangs auf eine Bank zu setzen. Davor enthält ein Holzgestell mehrere Fenster. Und wenn man so nebeneinander sitzt, blickt jeder durch ein anderes und sieht einen anderen Ausschnitt des Treibens auf dem Teich davor. Einen anderen Teil der Wirklichkeit aus seiner eigenen Perspektive. „Jeder sieht etwas anderes und jeder hat Recht“, sagt Deicke und zeigt auf einen Spruch auf dem Holz: „Ehe Sie sich streiten, machen Sie sich die Mühe, durch das Fenster des anderen zu sehen.“
