Hildesheimer Museum

Neue Museumsdirektorin im Interview: Gibt es bei Ihnen künftig noch Sonderausstellungen, Frau Götzky?

Hildesheim - Die 41-Jährige hat im August die Geschäftsführung im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Musem übernommen. Eine Interimslösung, so sagt sie. Was für Pläne hat sie bis Ende 2023?

Auf den Stufen nach oben: Dr. Doreen Götzky verantwortet künftig die Geschicke des überregional bekannten Roemer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Innerhalb von nur wenigen Tagen musste sie sich entscheiden: Ist Doreen Götzky bereit, die Interimsgeschäftsführung im Roemer- und Pelizaeus-Museum zu übernehmen? Die Leiterin des Kreismuseums Peine überlegte nicht lang – und sagt kurz vor der entscheidenden Ratssitzung zu. Damit erfüllt sie einen wichtigen Punkt im Zukunftskonzept der Stadt, um das angeschlagene Haus vor der Insolvenz zu retten. Im ersten großen Interview spricht die 41-jährige Wahl-Hildesheimerin über ihre Motivation, herbe Schläge sowie Zukunftspläne.

Vom Kreismuseum Peine zur Leitung des größten kommunalen Museums Norddeutschlands – sind das nicht zwei Welten?

Naja, es geht hier ja gerade um eine Interimslösung. Und so verstehe ich auch mein Engagement im RPM. Ich helfe aus, die GmbH könnte ohne Geschäftsführung rein rechtlich nicht funktionieren. Ich habe natürlich schon als Bürgerin großes Interesse daran, dass dieses Haus erhalten bleibt. Aus meiner bisherigen Vita habe ich einige Erfahrungen und Kompetenzen, die man in der Interimszeit gut gebrauchen kann.

Zwei Jobs in zwei Museen: Sind Sie in Peine nicht ausgelastet?

Terminlich ist das gerade ein ziemliches Jonglieren. Ich habe aktuell aus unterschiedliche Gründen in Peine nur eine halbe Stelle. In Hildesheim werde ich 20 Stunden sein, also zu 50 Prozent. Im Wechsel werde ich drei beziehungsweise zwei Tage hier und in Peine arbeiten.

Die Entscheidung ist ja sehr kurzfristig gefallen. Wie überrascht waren Sie beim Anruf der Stadt?

Ich bin ja Hildesheimerin, lebe hier seit 20 Jahren – und habe viel mit Museums- und Kulturarbeit zu tun. Von daher war ich überrascht, hielt es aber nicht für völlig abwegig.

Was reizt Sie an dem neuen Job?

Das haben mich natürlich viele gefragt. Macht man sich da nicht mehr Probleme, als man haben will? Grundsätzlich würde ich mein Naturell so beschreiben, dass ich jemand bin, die Verantwortung übernimmt, die Entscheidungen treffen kann. Eine meiner Kernkompetenzen ist Struktur und Organisation. Auch ist es reizvoll, mit den Menschen hier einen neuen Weg zu gehen. Daher bin ich da ganz guter Dinge. Mein Angebot an Haus und Kollegen ist jetzt: In einer sehr schwierigen Zeit versuchen, das Schiff wieder auf Kurs zu kriegen.

Wie soll das konkret gelingen?

Grundlage meiner Arbeit ist das Zukunftskonzept, dass der Rat gerade beschlossen hat. Wir müssen konsolidieren, wir müssen einsparen – dafür gibt es in dem Konzept auch schon Vorschläge. Die werde ich jetzt gemeinsam mit Frau Fuhrich (Anm. d. R.: zweite RPM-Geschäftsführerin) zunächst nochmal prüfen, denn ich war an der Entwicklung nicht beteiligt. Bevor hier schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden, möchte ich mich natürlich versichern, dass das auch der richtige Weg ist. Vielleicht gibt es weiteres Einsparpotenzial.

Was haben Sie da im Blick?

Im Zukunftskonzept steht ganz klar: Personalkosten müssen reduziert, Sonderausstellungen kompakter und konzentrierter werden, das Foyer mit der Shop-Situation muss umgebaut, die Gastronomie wiederbelebt werden – all diese Bausteine versuche ich, jetzt gemeinsam mit Frau Fuhrich anzugehen. Es geht darum, dass Haus zu stabilisieren, die Einnahmesituation sowie die Kosten zu verbessern.

Nun hat das Haus plötzlich aber sogar drei Direktorinnen. Das steigert doch die Ausgaben eher noch?

Nein, wir sind weiter zwei geschäftsführende Direktorinnen. Neben mir als leitende Direktorin ist Svenja Fuhrich als kaufmännische Direktorin mit 30 Prozent dabei. Meine Vorgängerin Regine Schulz wird das Museum bis zu ihrem Vertragsende (Anm. d. R.: Januar 2024) weiter mit ihrer wissenschaftlichen Kompetenz begleiten. Sie ist eine renommierte Ägyptologin, wird das Haus international und in einer weltweit vernetzten Community weiter vertreten, wofür ich sehr dankbar bin. Sie ist aber nicht mehr im operativen Geschäft tätig. Ja, es entstehen da zunächst mehr Kosten, aber nicht dauerhaft.

Kann es da nicht zu unliebsamen Überschneidungen kommen?

Sagen wir mal so, ich glaube, allen ist klar, dass in so einer Konstellation nicht alles konfliktfrei über die Bühne gehen wird. Bisher haben wir sehr intensive, vertrauensvolle Gespräche mit Frau Schulz geführt. Ich bin da sehr zuversichtlich. Auch weil meine Aufgabe ganz wesentlich darin besteht, die Organisation der Arbeit hier neu aufzustellen, Prozesse zu strukturieren und zu optimieren. Vor allem die Zusammenarbeit effektiver, teamorientierter zu gestalten. Wir wollen auf gar keinen Fall im nächsten Jahr vor einer ähnlichen Situation stehen. Noch bin ich in der Phase, mir einen Überblick zu verschaffen, ganz viele Menschen, ihre Perspektiven und Themen hinter den Zahlen kennenzulernen. So lassen sich Maßnahmen viel besser zuschneiden, damit sie wirken können.

Stehen Entlassungen an?

Wenn wir es nicht schaffen, über andere Wege wie Verrentung oder ähnliches die Personalkosten zu senken, wird es wahrscheinlich auch Entlassungen geben.

Das sind interne Veränderungen, was werden die Gäste spüren – neue Öffnungszeiten kündigen Sie schon an?

Ja, genau. Wir haben die Öffnungszeiten angepasst wegen personeller Engpässe bei Kassen- und Wachdienst. Ab dem 15. August haben wir nicht nur montags, sondern auch dienstags geschlossen. Mittwochs bis sonntags ist nur noch von 11 bis 17 Uhr geöffnet – statt bislang von 10 bis 18 Uhr. Wichtige Ausnahme: Gebuchte Gruppen sind auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich.

Was ändert sich noch?

Für die nächste große Sonderausstellung wird uns die Martini-Kirche nicht zur Verfügung stehen – aus Brandschutzgründen. Wir hatte gerade eine Begehung mit der Feuerwehr und der Stadt, das hat verdeutlicht, die Kirche hat in ihrem derzeitigen Zustand gravierende Sicherheitsmängel. Das können wir nicht verantworten. Das Gebäude – es gehört der Stadt – muss brandschutzsaniert werden. Wie hoch die Kosten sind, ist noch völlig offen. Für das Museum ist es nochmal ein herber Schlag, weil große Ausstellungsflächen erstmal wegfallen.

Eine weitere Veränderung wird der Umzug des Stadtmuseums vom Marktplatz ins RPM sein...

...perspektivisch schon. Der Umzug ist ja Ratsbeschluss, einen Termin gibt es noch nicht. Doch Ausstellungsfläche, die für das Stadtmuseum potenziell hätte genutzt werden können, steht erstmal nicht mehr zur Verfügung steht. Das passiert mir hier gerade jeden Tag: Wir gehen ein Thema an, ziehen an einem Ende und aufeinmal ploppen ganz viele weitere Probleme auf. Das ist alles sehr eng verzahnt.

In dem Zukunftskonzept steht auch, dass jährlich 60000 Gäste angepeilt werden. Wie wollen Sie das schaffen, wenn so eine aktuelle Ausstellung wie die „Seuchen“ das knapp verfehlt?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass an allen großen Museen die Dauerausstellungen nicht die wahren Besuchermagneten sind. Solche hohen Zahlen können tatsächlich nur mit attraktiven Sonderausstellungen erreicht werden.

Was für eine Sonderausstellung ist demnächst geplant?

„Entdeckt Entziffert – 100 Jahre Tutanchamun, 200 Jahre Hieroglyphen“ heißt sie. Nach aktuellem Stand werden wir sie am 9. September 2023 eröffnen. Wir müssen viel umplanen, da auch die Martinikirche als Ausstellungsfläche vorgesehen war.

Das bedeutet, es soll weiter Sonderausstellungen geben. Das RPM wird nicht zur Aufbewahrungshalle für die Hildesheimer Ägypten-Schätze?

Um Gottes willen. Nein, nein. Ich bin fest überzeugt, ein Museum kann man dauerhaft nur über Sonderausstellungen attraktiv bespielen. Gleichwohl muss man dabei auf die Taktzahlen gucken. Sonderausstellungen binden im Haus viele Ressourcen – das ist nicht am laufenden Band möglich. Ich bin hier in einer Interimssituation und wahrscheinlich nicht so lange da, um eigene Ausstellungen zu planen.

Sitzen Sie jetzt eigentlich an dem Schreibtisch Ihrer Vorgängerin?

Nein. Ich hab noch kein Büro. Finde ich auch überhaupt nicht schlimm. Menschen, mit denen ich hier Termine habe, suche ich gern dort auf, wo sie arbeiten. Ich gehöre zu einer Generation, die mit Co-Working-Spaces groß geworden ist. Vor allem brauche ich fürs Laptop LAN-Kabel und Netz – das reicht mir fürs Erste völlig.

Ihre Vorgängerin und der Oberbürgermeister haben keinen Zweifel daran gelassen, dass das RPM dauerhaft mehr Geld braucht – mindestens 300 000 Euro pro Jahr. Wo soll das herkommen?

Das Museum ist schon relativ stark in der Drittmittel-Aquise. Aber grundsätzlich bleibt die Frage: Was können wir uns leisten? Ich bin keine Anhängerin von einer Museumsphilosphie, die nur große Sachen für gut hält. Mit guten Themen, die sehr gut umgesetzt sind, eine Strahlkraft auf Menschen haben, so erreicht man gute Besucherzahlen.

In Peine locken Sie gerade mit einer Ausstellung zu Strom und Elektrizität.

Eine Mitmachausstellung, die wir gar nicht so sehr wegen des Themas, sondern wegen der Zielgruppe gemacht haben. Wir haben unsere Planung sehr darauf fokussiert, wen erreichen wir, wer lebt hier – wir haben wenige Touristen in Peine. Familien und Schulklassen sind ganz zentrale Zielgruppen.

Wer ist im RPM das Zielpublikum?

Tatsächlich sind Touristen für diese Stadt ein wichtiges Publikum und auch fürs Museum. Aus der Besucherforschung, wo ich auch ein bisschen herkommen, wissen wir, dass Menschen, da wo sie leben, oft nicht ins Museum gehen. Aber im Urlaub sieht das anders aus. Also ist die Kooperation mit Hildesheim Marketing wichtig. Und natürlich zugkräftige Themen, die wie zuletzt die Seuchen eine überregionale Bedeutung haben. Ich bin ja keine originäre Museumsfrau, sehe Kulturarbeit immer aus der Sicht der Stadt, der Kommune, des Landkreises. Hier spannende Angebote zu machen, damit die Menschen in ihr Museum kommen – nicht nur wenn Besuch da ist. Ich bin sicher, alle sind hier stolz, so ein berühmtes Museum in der Stadt zu haben. Aber man muss eben auch hingehen wollen. Und dafür müssen wir attraktive Angebote machen.

Welche Ausstellung haben Sie zuletzt im RPM gesehen?

Natürlich die „Seuchen“. Aber so gigantisch muss es gar nicht immer sein. Ich würde mir wünschen, dass die großartigen Sammlungsbestände, die wir hier haben, viel interdisziplinärer gedacht werden: Zusammenhänge zwischen Ägypten, Südamerika, China und der Naturkunde-Sammlung mehr heben, so dass es nicht nur ein fachwissenschaftlicher Zugang im Museum bleibt.

Meinen Sie populärkulturellere Ansätze?

Ja. Ich hab kein Problem mit populäreren Formaten, die sich viel stärker an der Lebenswelt, an aktuelleren, kulturellen Interessen orientieren – dort, wo man aus historischer Perspektive etwas beitragen kann. Ich bin ein großer Fan von multiperspektiver Herangehensweise, also gleichberechtigtes Arbeiten von Vermittlung, Marketing und Fachwissenschaft. Fachleute können sich manchmal nur ganz schwer vorstellen, was Nicht-Fachleute verstehen und was nicht. Ich bin nach Hildesheim gekommen, als hier Publikumsmagneten wie die Eiszeit-Ausstellung, Lego oder James Bond gezeigt wurden. Das hat dem wissenschaftlichen Renomee des Hauses überhaupt keinen Abbruch getan.

Heißt das zurück zu alten Zeiten?

Nein, das heißt vielmehr: Themen aus dem Hier und Heute mit dem verknüpfen, was uns andere Kulturen aus vergangenen Zeiten zu sagen haben. Beispiel: Es geht bei uns nächstes Jahr um Hieroglyphen. Und jeder, der Emojis in einem Chat nutzt, kommuniziert über eine Bildschrift. In der Museumsarbeit mehr Schnittstellen in unsere Lebenswelten zu schaffen, das finde ich sehr spannend – so funktioniert Bildung für mich. Das ist ja auch der Auftrag von Museen. Kann das RPM nicht Hildesheims größtes Klassenzimmer werden, das hat mit Sozialdezernent Malte Spitzer vor kurzem gefragt? Auf jeden Fall – aber eines, in dem Lernen auch immer Spaß machen sollte.

Wenn es Ihnen Spaß macht, könnten Sie sich auch vorstellen, dauerhaft im RPM zu bleiben?

Nach aktuellem Stand habe ich nicht vor, mich um die Stelle zu bewerben. Aber ich habe auch im Leben gelernt, nichts rigoros auszuschließen.

Zur Person

Doreen Götzky wurde 1980 in Osterburg in der Altmark geboren. Sie hat Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim mit den Schwerpunkten Bildende Kunst, Kulturpolitik, Kulturmanagement und BWL studiert. 2012 hat sie promoviert. Schon während des Studiums arbeitete sie für das Kulturamt des Landkreises Hildesheim, wo sie unter anderem an der Entwicklung der Kulturdatenbank beteiligt war und das Netzwerk Kultur & Heimat mitgründete. Als langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Kulturpolitik der Uni Hildesheim lehrte und forschte sie unter anderem in den Bereichen Kulturmanagement und Kulturmarketing. Der weitere berufliche Weg führte sie nach Lemgo zum Landesverband Lippe. Hier verantwortete sie die Kulturabteilung, zu der auch das Lippische Landesmuseum in Detmold und das Weserrenaissance Museum auf Schloss Brake in Lemgo gehören. Seit 2017 lenkt sie die Geschicke des Kreismuseums Peine. Die 41-Jährige lebt mit Mann und Kind in Hildesheim.

 Interview: Renate Klink

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