Warenhaus-Kette

Neue Spekulationen um Galeria – warum Hildesheim Chancen auf einen Weiterbetrieb hat

Hildesheim - Ein Investor will Dutzende Filialen der insolventen Galeria-Kette übernehmen. Hildesheim ist nicht dabei – darf aber aufgrund der örtlichen Konstellation auf ein Überleben hoffen.

Galeria prägt die Hildesheimer Innenstadt. Foto: Chris Gossmann (Archiv)

Hildesheim - Das Bangen um die schwer angeschlagene Warenhauskette Galeria, einst Galeria Karstadt Kaufhof, geht weiter: Nach einem Bericht des Magazins Focus liebäugelt das Management von Galeria-Eigner Signa mittlerweile damit, im neuen Jahr maximal 75 bis 80 der 131 Standorte weiterzuführen – was noch einmal mehr Schließungen bedeuten würde, als zuletzt im Gespräch waren.

Allerdings dürfte Hildesheim dabei nach Einschätzung von Branchenkennern durchaus gute Chancen haben. Ihr Argument: Signa hat vor allem ein Interesse daran, dass Kaufhäuser bestehen bleiben, bei denen auch die Immobilien direkt oder indirekt Signa gehören, die Unternehmensgruppe sich also die Mieteinnahmen erhalten will.

Benkos Hildesheim-Verbindung

HAZ-Recherchen zufolge ist die Hildesheimer Immobilie seit 2020 im Besitz der Firma KH Hildesheim S. C. S. mit Sitz in Luxemburg. Diese wiederum gehört zu 100 Prozent der Kaufhof Hildesheim GmbH mit Sitz in Frankfurt. Ausweislich des Unternehmensregisters war einzige Gesellschafterin der Kaufhof Hildesheim GmbH im Jahr 2020 die Horten GmbH mit Sitz in Köln – offenbar ein Nachfolge-Unternehmen jener Kaufhauskette, aus der Kaufhof einst hervorging. Zugleich heißt es dort aber auch, die Kaufhof Hildesheim GmbH werde im Rahmen ihrer „Konzernzugehörigkeit“ in den Jahresabschluss der Signa Prime Selection AG mit Sitz in Innsbruck einbezogen. Sie gehört also letztlich dem Konzern des Galeria-Eigners René Benko . Der Österreicher hat also ein Interesse daran, dass in dem Gebäude an der Fußgängerzone weiter Betrieb herrscht – ob durch Galeria oder einen anderen Mieter.

Schön will 47 Filialen

Galeria wollte derlei am Freitag nicht bestätigen, wie ein Sprecher der Warenhauskette sagte. Ihm zufolge gilt seitens der Warenhauskette weiterhin, „dass die Filialstruktur voraussichtlich mindestens um ein Drittel reduziert wird“, was auf den Erhalt von maximal 87 Filialen hinauslaufen würde. Die sollen dann „konzeptionell und baulich“ schnellstmöglich auf ein neues Konzept umgerüstet werden, „an dieser Aussage hat sich bislang nichts geändert“, so der Sprecher.

Zugleich geht auch der Bieterkampf um Teile des Galeria-Filialnetzes weiter. Und vor allem Markus Schön, Chef des Detmolder Onlinehändlers Buero.de, trägt ihn mit großer Entschlossenheit öffentlich aus. Schön will 47 Filialen samt des Personals übernehmen, vor allem Standorte in mittelgroßen Städten hat er im Blick. Hildesheim steht aber nicht auf seiner Wunschliste.

Ein Logo gibt es schon

Einen Namen samt Logo gibt es nun: „Schön hier“ würde die mögliche Galeria-Abspaltung heißen, kündigte Schön an. „Buero.de hat uns einen klaren Auftrag für die Entwicklung des Logos gegeben, nachdem mit „Schön hier“ ein sehr passender Vorschlag für das Warenhauskonzept feststand“, sagte dazu die Chefin der zuständigen Markenberatung Addways.

Auch präzisierte Schön die Pläne für die besagten 47 Standorte – bei denen unklar ist, ob sie alle von der Schließung bedrohten Galeria-Filialen umfassen. Dass Schön das Onlineangebot, auch in Kooperation mit Buero.de, stärken will, ist bekannt, ebenso wie die angedachte Etablierung von Store-in-Store-Konzepten in Galeria-Häusern. Nun kündigte er an, je nach Standortgröße fünf bis zehn Prozent der Verkaufsfläche für regionale Angebote vorhalten zu wollen.

Was sagt Verdi?

„Da aus unserer Sicht die Mitarbeitenden den größten Schatz des Unternehmens darstellen, würden wir bei der Umsetzung der Übernahme schnellstmöglich in den Tarifvertrag Einzelhandel zurückkehren“, sagte der Manager außerdem dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). So würde engagierte „und bei unserem Konzept auch sehr erfolgsversprechende“ Arbeit angemessen bezahlt werden, erklärte er weiter.

Damit geht Schön einen Schritt auf die Verdi zu. Obwohl Fachleute vor allem wegen des erstarkten Onlinehandels am Konzept Warenhaus zweifeln, hatte die Gewerkschaft zuletzt immer wieder vor allem Managementfehler bei Galeria für die Probleme verantwortlich gemacht. Zugleich sorgt sich Verdi um die insgesamt rund 17.400 Galeria-Beschäftigten. „Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz“ hatte Verdi-Vorstand Stefanie Nutzenberger kürzlich dem RND gesagt - und dabei auch die Bedeutung der tariflichen Absicherung hervorgehoben.

Weitere Interessenten?

Zu den erneuten Avancen Schöns äußerte sich Verdi am Freitag nicht. Bislang hat sich die Gewerkschaft zu einer möglichen Aufspaltung von Galeria nicht klar positioniert. Stattdessen hoffte man lange, Investor Signa würde weiteres Geld zuschießen, um dann auch Wirtschaftshilfen vom Staat zu bekommen. Eine dritte Rettung des Unternehmens in wenigen Jahren stieß in der Politik aber auf wenig Gegenliebe, deshalb entschied sich die Unternehmensleitung für die Insolvenz in Gestalt eines Schutzschirmverfahrens.

In dem buhlt nun Schön um Teile des Konzerns – aber nicht nur er. Am Freitag erklärte ein Galeria-Sprecher, dass bereits mit verschiedenen Interessenten Gespräche – aber keine Verhandlungen – geführt wurden. „Zu den Interessenten, dem Status einzelner Gespräche wie auch den jeweiligen Gesprächsinhalten äußern wir uns aus Gründen der Vertraulichkeit nicht öffentlich“, so der Galeria-Sprecher.

Mehr als große Worte?

Und obgleich unternehmensnahe Kreise mittlerweile bestätigen, dass bei Galeria über das Angebot gesprochen wird, haben Insider an Schöns Offerte weiterhin Zweifel: Vollmundige Ankündigungen seien das eine, der Betrieb einer angeschlagenen Warenhauskette mit großem Investitionsstau das andere, hieß es am Freitag.

Mit Christoph Höland

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