Neun M’era-Luna-Konzerte, die unvergessen sind

Hildesheim - Es ist eines der größten Musikfestivals seiner Art – das M'era Luna steht an. Diese neun Konzerte blieben Claus Kohlmann, Björn Stöckemann und HAZ-Redakteur Ralf Neite, die das Festival über die Jahre begleitet haben, in Erinnerung.

Hildesheim - Es ist eines der größten Musikfestivals seiner Art – das M'era Luna steht an. Diese neun Konzerte blieben Claus Kohlmann, Björn Stöckemann und HAZ-Redakteur Ralf Neite, die das Festival über die Jahre begleitet haben, in Erinnerung. Das schrieben sie damals für die HAZ.

1. Ministry – 1996

1996 hieß das Festival noch nicht M’era-Luna, sondern Zillo. Rund 50 Sicherheitskräfte vor der Bühne, ein hoher Bauzaun statt des üblichen Polizei-Absperrgitters, ein Löschwagen für den Fall, dass übermütige Fans weggespritzt werden müssen, so kündigt sich der Headliner „Ministry“ an.

Trotz überflüssiger Begleitpanik geschieht denn aber doch etwas Besonderes. „Psyche 69“ zum Beginn, danach ein Konzert von totaler Kompromisslosigkeit und Härte in perfekter Präzision. Drei elektrische Gitarren, Schlagzeug, Bass, Keyboards, dazu Effekte von der Sounddiskette schaffen eine Lärmwand von bedrohlicher und zugleich unausweichlicher Schönheit. Grelle Lichtblitze nonstop ins Publikum, die Band im Gegenlicht, Zeitlupentempo: Stehen hier Menschen aus Fleisch und Blut auf der Bühne oder geklonte Humanoide, programmiert mit den aktuellsten Updates?

Übrigens hat man schon lautere Konzerte gehört, das mag die Band enttäuscht haben. „Schuld“ ist der Veranstalter, der die von „Ministry“ angepeilten 120 Dezibel für ungesund befand und die Ansicht vertrat, dass Rockmusik nicht lauter als ein Jumbo sein muss. Darüber kann man streiten, eines aber steht fest: Das Konzert von „Ministry“ hat den Horizont erweitert.

2. Front 242 – 1997

Viel Elektronik wurde 1997 zum Musikmachen benutzt, keiner tat es so konsequent wie „Front 242“. Beat und Sound verschmelzen bei ihnen zu einer Einheit, die ihre unerhörte Wucht nicht zuletzt einem seltenen Gespür für Dynamik verdankt. „Front 242“ baut die Spannung langsam auf, bis sie sich auf ein Codewort der beiden Shouter hin gewitterartig entlädt.

Die Menge gerät jedoch in Rage, als die Band schon nach einer knappen Stunde und ohne Zugabe die Bühne verlässt. Viele waren weit gefahren, um einen der seltenen Auftritte der belgischen Electronic-Pioniere zu erleben. Die Reise wurde belohnt, die Band präsentierte sich in fantastischer Form; nur eben zu kurz.

So kurz, dass sich die aufgebrachte Fan-Menge gar nicht mehr beruhigen wollte. Als die Roadies auf die Bühne kamen, um Platz für „Skunk Anansie“ zu schaffen, regnen Becher und Plastikflaschen auf sie nieder. „Skunk Anansie“, Chart-verwöhnte Aufsteigerband, hatte es als Schlusslicht dann nicht leicht. Der „zwei-vier-zwei“-Chor wollte nicht einmal verstummen, als die Briten schon eine Handvoll Songs gespielt hatten. Da half nur ein klares Wort. „You better fucking shut up“, brüllte Sängerin Skin ins Mikrofon, und fortan war Ruhe.

3. The Cure – 1998

Das Warten war lang, aber es hat sich gelohnt. Um 22.30 Uhr, elfeinhalb Stunden nach Festivalbeginn, kommt die letzte Band des Tages und degradiert alles zuvor Gehörte zum musikalischen Beiprogramm. 20.000 Menschen stehen dicht gedrängt vor der riesigen Bühne, um der Gruppe Tribut zu zollen, die behauptet hat, dass Jungs nicht weinen: „The Cure“.

21 Jahre gibt es sie zu diesem Zeitpunkt schon, aber siehe da: Robert James Smith und Co. sind keine Spur von gruftig. Ausgerechnet die Vorreiter der Gothic-Szene präsentieren sich mit einer positiven Energie, die staunen lässt.

Vom ersten Takt an lässt die Band keinen Zweifel daran, dass dieser Tag genug Klagendes und Verzweifeltes geboten hatte. „Shake Dog Shake“, 1984 entstanden, pulvert als satte Ladung Rock’n’Roll los und bläst alle Müdigkeit davon. Eine ungemein dynamische Spannungskurve sorgt dafür, dass die Band im Verlauf des eineinhalbstündigen Konzerts immer wieder nach- und drauflegen kann. Songs mit harten, entschlossenen Gitarren wechseln mit Passagen, in denen Smith zur akustischen Gitarre greift und die Band in relaxed-pulsierende Weiten entführt. Smith’s Gesang, früher oft wehleidig-weinerlich, hat eine seelenvolle Intensität gewonnen, die tief unter die Haut geht. Und zum Schluss tatsächlich „Boys Don’t Cry“.

4. Marilyn Manson – 2001

Marilyn Manson hat sich nicht an die Abmachung gehalten. Die Abmachung lautete: Er schockt uns bis aufs Blut, provoziert, agitiert und bricht jedes Tabu, das noch zu brechen ist. In Hildesheim ärgert er nur ein bisschen die Veranstalter, indem er eine Privattoilette fordert oder das vorbereitete Buffet ablehnt, um stattdessen für 40 Mark bei einem Fastfoodunternehmen zu bestellen. Keine Exzesse im Backstage-Bereiche, kein Skandal für die Medien.

Auf der Bühne das Gleiche. Nur schlappe zehn Minuten Verspätung, und dann legt er gleich los, ganz ohne sein Publikum zu beschimpfen. Er gibt ein Konzert. Kein schlechtes zwar, eben nur ein normales. Eine angekohlte US-Fahne als Schmuck an der Bühnenrückwand, die Musiker hinter Masken, ein Keyboard, das wie einst Zebulon auf einer Feder herumhüpft, ansonsten viele flackernde Lampen und ordentlich Nebel: Mehr ist nicht.

Ohne das Ächzen, Stöhnen und Schreien Mansons, ohne die soundtechnische Finesse der CDs wird plötzlich klar, dass die finsteren musikalischen Attacken im Grunde nicht anderes sind als straighter Rock’n’Roll. Die Gitarren und Samples natürlich tiefer und finsterer, doch spätestens beim Patti-Smith-Cover „Rock’n’Roll Nigger“ ist der letzte Zweifel beseitigt. Manson spielt mit „Sweet Dreams“ von den „Eurythmics“ noch ein bekanntes Stück, damit die 20.000 am Flughafen etwas zum Mitklatschen und Mitgrölen haben. Geht von der Bühne, kommt für zwei Zugaben wieder und hört mit seinem größten Hit auf: „The Beautiful People.“

5. Editors – 2010

Nachmittags auf einem Festival spielen – nicht immer die dankbarste Aufgabe. Aber eine, die die „Editors“ aus Großbritannien furios nutzen. Es ist ein M’era-Luna-Start, bei dem die Band viel Gummi auf die Straße brennt. Das Quartett zeigt Indie-Rock auf Höchstniveau und legt aus dem Stand den bis dahin besten Gig des Festivals hin.

Wie weit die Eindrücke von Live-Auftritt zu Studioalbum auseinanderklaffen können, wird hier wieder eindrucksvoll deutlich. Wer die „Editors“ noch nicht auf der Bühne gesehen hat, kann von eher introvertierten Künstlerfiguren ausgehen. Das Gegenteil ist der Fall. Extrovertiert, aufgeputscht und musikalisch perfekt zelebrieren die Multi-Instrumentalisten ihren Festival-Auftritt. Dabei wird klar, dass sie keine Attitüden an den Tag legen, sondern wirklich wahrhaftig wirken. Da kann man sich auch mal eine ergreifende Ballade erlauben. Super.

6. Gothminister – 2011

Stürmisch fegt der Wind 2011 über das Festivalgelände. Und im Hangar fegt das Quartett von Gothminister über die Bühne. Düster, hart und mit vielen Showelementen verpasst die Formation den Zuhörern eine kostenlose Herzmassage. Die Verbindung zwischen Gothic-Metal und elektronischen Elementen aus der EBM (Electronic Body Music) führt abwechselnd zu Gänsehaut und exzessivem Kopfnicken. Bei Gothminister geht es viel um Monster und Ähnliches, die dann auch gleich mitgebracht werden. Eine mechanische, sagen wir, Fledermaus in Übergröße hangelt sich am Bühnenrand ein Seil rauf und runter. Und zum Finale kommt dann eine Riesenpuppe auf die Bühne, in der wohl ein Crewmitglied steckt. Ein großartiger Auftritt.

7. Marilyn Manson – 2014

Auch 2014 bleibt das Konzert von Marilyn Manson in Erinnerung – was allerdings weniger an der Musik liegt. Manson und die Band spielen im Grunde noch genau das, was sie immer schon waren: schrill, direkt und schockierend. Doch nach mehr als zehn Jahren haben albtraumhaft-verzerrte Cover vom Eurythmics-Klassiker „Sweet Dreams“ oder die schrille Ansage „Be mOBSCENE“ merklich an Wirkung eingebüßt.

Erst am Ende des Auftritts ist Manson wieder ganz bei sich: als geschminkter Provokateur, der von der Kanzel mit dem rot-weiß-schwarzen Blitzsymbol seine Verse in die Nacht kreischt. Spitzen, die er erbarmungslos ins Fleisch der bürgerlichen und bei Manson immer auch christlichen Gesellschaft treibt wie einst die Nägel in den Leib Christi. Die Menge tobt, während der Sänger unter seinem genüsslichen Grinsen Seiten aus der Bibel reißt und diese rieseln lässt.

8. Rob Zombie – 2015

Am sehnlichsten erwarten die schätzungsweise 25.000 Gäste die Band Rob Zombie um den gleichnamigen Frontmann. Der bekennende Filmfreak lässt riesige Plakate mit Christopher Lee als Graf Dracula oder Boris Karloff als Frankensteins Monster auf die Bühne stellen. Auch Wasserbälle gibt’s auf der Bühne, schade, dass der Wind sie zu schnell wieder wegpustet.

Davor bauen sich er und seine Mitspieler auf. Wilder Bart, hüftlange filzige Haare, fransige Jacke – Zombie wirkt wie ein Hillbilly-Rocker aus einem Monster-Film der Schwarz-Weiß-Ära. Schaurig-brachial und genauso klingt die Gruppe auch. Ganz sicher gibt es bessere Sänger als Zombie, mit seinem kehligen Knurren. Ganz sicher gibt es bessere Musiker als Zombie, deren Gitarrist sein mit Lichtern und sogar Monitoren geschmücktes Instrument teils lieber den Zuhörern zeigt, als es zu spielen.

Aber einen 50-Jährigen, der noch so energiesprühend über die Bühne turnt und das Publikum mit seinen eigenen Songs wie „Never gonna stop“ oder „Mars needs women“ sowie Cover-Versionen von den Ramones und James Brown in Raserei versetzt, findet man nicht so leicht. „I wanna fuckin‘ party“, also etwa, „Ich will verdammt nochmal feiern“, grölt Zombie dem Publikum entgegen und die Menge antwortet. Eine Live-Show vom Feinsten und zurecht ein Highlight in jenem Jahr.

9. Korn und ASP – 2017

ASP sind wieder da. Immerhin: In jenem Herbst 2017 erscheint ein neues Album der Gruppe. Den ersten Höreindrücken nach lohnt sich Vorfreude. Melodischer Rock trifft auf das mächtige Organ von Sänger Alexander Frank Spreng. Gute Sache. Auch das Duett mit Subway-Sänger Eric Fish, „Zauberbruder“ natürlich, gefällt. Weniger schön sind die Begleitumstände. Erst wird die Bühne schwarz. Nicht das gute M’era-Luna-Schwarz, sondern banales Stromausfall-Schwarz. Die Auftritte verzögern sich um 50 Minuten.

Damit verschiebt sich auch der ersehnte Auftritt von Korn: Statt um 22.45 Uhr starten sie erst kurz vor Mitternacht. Dafür geht aber artig von der Bühne ein Gruß raus an die Nordstädter, deren Nacht nun etwas lauter wird, als geplant. Denn die Kalifornier preschen auch nach einem Vierteljahrhundert ordentlich nach vorne. Allerdings – und das scheint der Fluch der M’era- Luna-Headliner – ist die Gruppe trotzdem stehengeblieben. „Ya’ll Want A Single (Fuck That)“ zum Beispiel bleibt eine der Hymnen der frühen 2000er. Und nicht wenige heutige Mittzwanziger dürften daran wohlige Jugenderinnerungen knüpfen. Die erste CD, das erste Konzert, der erste Rausch. Von dieser Nostalgie zehrt Korn bis heute. Stilistisch hat sich nämlich wenig getan.

M'era Luna 2019

Was ist in diesem Jahr auf dem Festival los? Weitere Informationen zum M'era Luna.

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