Hildesheim - Es ist Vollmond. Ein Naturspektakel, das die Menschen seit Urzeiten fasziniert. Doch diesmal hat der Erdtrabant Konkurrenz, und was für eine! Noch nie konnte man dem Mond so nah sein wie jetzt. Er hängt mitten in der St.-Andreas-Kirche, knapp über den Köpfen der Besucherinnen und Besucher. Eine weiß strahlende, originalgetreue Nachbildung, sieben Meter im Durchmesser – ein Zentimeter entspricht fünf Kilometern auf der Mondoberfläche. Der Mann im Mond, das Meer der Stille: Sie sind zum Greifen nah. Es ist eines der vielen Highlights bei den fünften EVI Lichtungen, die am Donnerstagabend in Hildesheim gestartet sind und bis Sonntag laufen.
Schon am frühen Abend herrscht reges Treiben in St. Andreas, es ist einstetigem Kommen und Gehen. Aber die Leute drängen sich nicht dicht an dicht. Wer einfach seine Mondsucht stillen will, findet eine ruhige Ecke oder eine freie Bank.
Neben St. Andreas werden noch vier weitere Innenstadt-Kirchen bei den Lichtungen bespielt. In zweien geht es besonders bunt zu. In der St. Bernwardkirche, gegenüber vom Wasserparadies, erscheinen auf drei großen LED-Wänden Unterwasserfilme, die von einer Künstlichen Intelligenz bearbeitet worden sind. Der Titel „Sediment Nodes“ (Knotenpunkte in Ablagerungen) klingt kryptischer als das Ergebnis. Offenbar ist die KI reichlich mit „Findet Nemo“ gefüttert worden, jedenfalls liebt sie knallige Farben und dekorative Schnörkel. Den – seltsam unpassenden – Teppich dazu bilden düster dräuende Elektroniksounds.
St. Michaelis in Pastelltönen
St. Michaelis ist ebenfalls farbenfroh und fröhlich, nur überwiegen hier die Pastelltöne. Auf dem Boden sind hunderte von runden, bunten Spiegeln aufgestellt, die von schräg oben mit Licht bestrahlt werden. Die Reflexionen hüllen die Kirche in ein unbewegliches Muster ellipsenhafter Formen. Ein besonders guter Platz zum Betrachten ist die Orgelempore.
Vom Michaelishügel sind es nur wenige Schritte zur Kanustrecke an der Bischofsmühle. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Studierende der HAWK haben Obdachlose interviewt und werfen die Antworten mit Diaprojektoren auf die Betonwände, die die Kanustrecke umschließen. Eine nachdenklich stimmende Installation mit Sätzen wie: „Ich weiß nicht mehr, wann ich aufgewacht bin, weil ich nicht weiß, ob ich geschlafen haben.“
Es ist eine von mehreren Studi-Arbeiten bei den EVI Lichtungen, weitere befinden sich im Roemer- und Pelizaeus-Museum (wo auch der Isländer Olafur Eliasson eine Installation hat) und an der Rückseite des Dommuseums am Bohlweg. Auf drei Seiten dient die große Fassade als Leinwand für eine Projektion mit dem Titel „Hildesheimatgefühl“. Zur Straße hin stehen positive Gefühle wie „Entspannung“ oder „gemütlich“ sowie das Wort „Studierende“. Auf einer anderen Wand schälen sich aus verschlungenen Formen Wörter wie „Unbehaglich“, „Stress“ und „Rentner“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Bildergalerie: Das bieten die Lichtungen 2024
Auf der Achse zwischen Bischofsmühle und Bohlweg liegt der illuminierte Waisenhaus-Garten (hinter Schlegels Weinstuben), vor allem aber der Dom. ZHier wirft Laurenz Theinert sein Visual Piano an. Damit steuert er acht Beamer, die den gesamten Raum in eine Kathedrale aus fließendem Licht verwandeln. Zur Orgelmusik von Domkantor Michael Culo schafft er psychedelisch pulsierende Muster. So hat man den Dom noch nie gesehen – was für ein Erlebnis! Zugleich ist es auch ein Publikumsmagnet: Schon vor der ersten Performance gibt es eine lange Warteschlange, und viele werden nicht mehr eingelassen. „Nur“ 600 Menschen pro Konzert sind erlaubt.
Großes Spektakel
Weitaus ruhiger, aber ebenfalls eindrucksvoll geht es in der nahen Kreuzkirche zu. Die französische Künstlerin A.I.L.O. hat eine Säule aus Spiegel-Würfeln in die Mitte des Altarraums gestellt. Eine simple Glühbirne sinkt und steigt durch diesen Turm und erzeugt dabei Muster an den Wänden und am Boden.
Fünf bis zehn Fußminuten entfernt, je nach Tempo, wartet wieder großes Spektakel: Über die Straße am Rosenhagen kommt man in einen Hinterhof, der an die Rückseite des ehemaligen Galeria-Parkhauses grenzt. Über die komplette Breite von 70 Metern erstreckt sich eine Videoinstallation von William Kentridge. Im Publikum herrscht gebannte Stille, während Marschmusik aus den Boxen tönt. Fotos, Kreidezeichnungen, Schattenspiel und Videosequenzen vereinen sich zu einem faszinierenden Totentanz, den Erwachsene sehen, kleinen Kindern aber eher ersparen sollten..
Kurzes Zögern, nachdem die Musik verklungen ist. Dann erhebt sich von Handschuhen gedämpfter Applaus. „Cooler Beamer, perfekt fürs Wohnzimmer“, scherzt ein Mann mit Blick auf fünf wuchtige Apparaturen auf Stahlträgern, die aussehen, als hätte man sie aus einem Star-Wars-Film entnommen. „So sehenswert war es nicht“, findet eine Dame. „Alles grau in grau.“
Ein zweiter Lichtungen-Bereich, in dem es viel zu erleben gibt, ist das Viertel am Bahnhof. Auf einer Großleinwand im Marienfriedhof hat sich der Italiener Quayola von den Gemälden Vincent van Goghs inspirieren lassen. Gleich in der Nähe, am Hauptbahnhof, hat Apvis aus den Niederlanden eine passgenaue Videoprojektion für das Amt für regionale Landesentwicklung erstellt. Es ist erstaunlich, was man aus dieser langweiligen Gebäudefassade mit ihren 85 Fenstern machen kann. Und am Angoulêmeplatz wirft ein Projektor vom Puls-Dach seltsame Muster aufs Pflaster: Es ist eine Karte der Kanalisation Hildesheims, abwechselnd mit verfremdeten Luftaufnahmen der Kläranlage.
„Man muss das ja erstmal auf sich wirken lassen“ Kommentar eines Passanten am Angoulêmeplatz
„Hat das schon angefangen?“ Eine Gruppe aus zwei Frauen und einem Mann bleibt stehen. „Weiß ich nicht“, antwortet die Begleiterin. „Man muss das ja erstmal auf sich wirken lassen“, erklärt der Mann. Nur wenige Passanten trauen sich über die Grenzen des Lichtscheins zu treten. Die Mutigen wagen einen Schritt nach vorne, der Rest streckt das Smartphone vor. Eine Gruppe Jugendlicher springt lachend über die Linien.
Überall in der Stadt, an Kreuzungen und Plätzen, bieten sich das gleiche Bild. Die Leute schauen und staunen, rätseln und runzeln die Stirn, filmen und spielen. Im öffentlichen Raum und unter sich sind die Urteile auch ungekünstelt. „Nicht so spektakulär.“ Im Theater würde es niemand aussprechen. Hier kommen die Leute ins Gespräch.
Im Liegen genießen
Von hier aus ist man schnell in der Speicherstraße, und dort, in der Glashalle der Sparkasse, ist noch ein Höhepunkt der Lichtungen, den man unbedingt gesehen haben muss: „Einder“ ist der Titel für eine Installation, bei der man sich gerne ein bisschen mehr Zeit nehmen darf. Boris Acket hat ein riesiges, hauchdünnes Tuch unter die Decke der Halle gehängt. Es ist an Fäden befestigt, die Acket über 25 Motoren in unterschiedlichen Rhythmen auf- und absenkt.
Darunter hat die Sparkasse extra einen Teppichboden und Kissen ausgelegt, so dass man das Schauspiel auf dem Rücken liegend genießen kann (vorher bitte die Schuhe ausziehen!). Aber auch im Stehen, etwa von der Treppe aus, ist es – verbunden mit wechselnden Lichteinstellungen und elektronischen Klanglandschaften – ein großartiger Anblick: Als würde man von unten in Meereswogen oder flüssiges Metall hineinschauen. Ein Freiflugschein für die Fantasie.
Die Anfangszeiten
Die EVI Lichtungen laufen noch bis Sonntag, 28. Januar, jeweils von 18 bis 23 Uhr. In diesen Zeiten zeigt das auch Kunstmuseum im Schloss Derneburg Kunstwerke, die mit Licht arbeiten. Die Installation „More Sweetly Play the Dance“ auf der Rückseite des Galeria-Parkhauses ist im halbstündigen Rhythmus zu sehen. Die erste Vorstellung beginnt um 18 Uhr, die letzte um 21.30 Uhr. Die Performances von Laurenz Theinert und den Domorganisten im Mariendom beginnen am Freitag und Samstag um 20, 21 und 22 Uhr, am Sonntag um 20 und 21 Uhr. Die geplante Lichtskulptur auf dem Platz An der Lilie konnte wegen des Sturms am Mittwoch nicht aufgebaut werden. Sie wird erst 2026 zu sehen sein. Das Programmheft bekommt man am Infostand auf dem Marktplatz oder im Internet.




