Hildesheim - In der zweiten Hälfte der Nullerjahre galten Podcasts noch als Nischenmedium für Radio-Enthusiasten. Das ist lange her. 2016 hörten bereits 16 Prozent aller Deutschen gelegentlich Podcasts. Bis zum Jahr 2023 waren es sogar 43 Prozent. Mit der wachsenden Beliebtheit des Mediums wuchs auch das Angebot. Um etwas Übersicht zu schaffen, gibt es hier sieben Empfehlungen aus der Redaktion.
Politik gut und leicht erklärt
Eigentlich müsste dieser Podcast „Komplexe Politik leicht erklärt“ heißen. Denn genau das machen Philip Banse und Ulf Buermeyer seit 2016. Doch „Lage der Nation“ klingt natürlich anspruchsvoller. Und diesem Anspruch werden Banse, einst langjähriger freier Journalist beim Deutschlandfunk, und Buermeyer, Jurist und bis vor kurzem freigestellter Richter, tatsächlich Woche für Woche auch gerecht. Das Duo hat inzwischen mehr als 400 Folgen herausgebracht. In der jüngsten geht es unter dem Titel „Merz untergräbt die Brandmauer zur AfD“ unter anderem um die Ereignisse rund um die CDU-Anträge der CDU in Sachen Migration. Banse und Buermeyer lassen sich politisch im linken Lager verorten. Das heißt allerdings nicht, dass sie übersehen, was dort politisch schief läuft. Sie liefern unabhängigen, analytischen und meinungsstarken Journalismus. Wie ernst sie genommen werden, zeigt die Liste ihrer Gesprächspartner. Ob Olaf Scholz, Christian Lindner oder Robert Habeck: Banse/Buermeyer hatten sie alle.
Lage der Nation gibt es in der Regel einmal wöchentlich dort, wo es Podcasts gibt.
Für Nostalgiker und Krimi-Fans
Ein Tipp für Nostalgiker: der Hörspiel-Podcast Kein Mucks, moderiert von Comedian Bastian Pastewka, der dafür alte, spannende Krimi-Klassiker aus allen Rundfunkarchiven der ARD wieder zurückbringt, vor allem aus den 1950er- bis 1980er-Jahren. Aus einer Zeit, als diese Radio-Hörspiele Straßenfeger waren: Wenn sie liefen, versammelte sich die Familie, fieberte und rätselte mit. Für mich ist der Podcast perfekt, um einfach mal dem stressigen Alltag zu entfliehen und abzuschalten – mörderisch gute Unterhaltung inklusive. Es ist eine Zeitreise mit zeitlosem Grusel und bekannten Stimmen wie Evelyn Hamann oder Herbert Steinmetz. Ich durfte Pastewka vor vielen Jahren bei einem Live-Krimi-Hörspiel erleben, als er den Meisterdetektiv Paul Temple spielte. Spätestens seit dem war meine Begeisterung für Krimi-Hörspiele auch als Erwachsene wieder erweckt, nachdem ich schon als Kind Fan von den drei ??? war.
Kostenlos in der ARD Audiothek, während einer neuen Staffel wöchentlich neue Folgen
Der bessere Geschichtsunterricht
Ich weiß nicht genau, ob das für gesunden Schlaf förderlich ist, aber ich habe mir angewöhnt, abends im Bett so lange Podcast zu hören, bis ich weg bin. Einer der Podcasts, von dem ich keine Folge auslasse, ist „Was bisher geschah“. Die beiden Hosts, GEO-Epoche-Chefredakteur Joachim Telgenbüscher, und Nils Minkmar von der Süddeutschen Zeitung bringen einem darin jede Woche neu historische Ereignisse und Figuren dabei so anschaulich und verständlich nahe, wie es keiner meiner Geschichtslehrer je vermocht hat. Unterhaltsam, nicht belehrend sind ihre Gespräche; die beiden unterhalten sich eher, dozieren nicht – spannende Geschichte wird so begreifbar. Eine besondere Empfehlung: Die drei Folgen über Napoleon. Ach ja, weiterer Pluspunkt: Die beiden haben angenehme Stimmen (was absolut nicht für alle Podcaster gilt), das Einschlafen klappt also ganz wunderbar.
Was bisher geschah, wöchentlich dienstags neue Folgen auf gängigen Streaming-Plattformen.
Falsch gedacht
Yoko Ono hat die Beatles auseinandergerissen, eine Frau hat mehrere Millionen Euro von McDonalds bekommen, weil ihr Kaffee zu heiß war, und menschliches Verhalten lässt sich mit dem von Wölfen vergleichen? Der englischsprachige Podcast „You’re wrong about“ greift immer wieder kuriose Geschichten, Ereignisse oder Theorien auf und erklärt, weshalb wir uns falsch daran erinnern. Die Autorin Sarah Marshall lädt in den neueren Folgen oft die Personen ein, die von den Falschdarstellungen betroffen waren oder Expertinnen in dem Gebiet sind. In den Folgen vor 2022 ist auch der Journalist Michael Hobbes zu hören und die beiden unterrichten sich abwechselnd über eine Thematik, die sich falsch ins gesellschaftliche Bewusstsein eingeprägt hat. Wie wurde die tragische Geschichte des Models Anna Nicole Smith zu einer Lachnummer? Was geschah am Djatlov Pass? Und wie werden Statistiken zu Gang-Kriminalität geführt? Wahrscheinlich gehen Sie vom Falschen aus.
You’re wrong about erscheint ungefähr alle zwei Wochen überall, wo es Podcasts gibt.
Für Fußball-Romantiker
Ich war lange Zeit kein Podcast-Hörer, mir fehlte die Zeit und ich wollte einen Podcast gerne am Stück hören, nicht ständig unterbrechen. Als ich vor einigen Jahren wieder mehr und längere Strecken mit dem Auto fuhr, konnte ich auch Podcasts für mich gewinnen. Und selbst jetzt, da die Zeiten im Auto wieder etwas weniger geworden sind, finde ich freie Zeiten für Podcasts. Vor allem Copa TS von Tommi Schmitt. Mit fünf wechselnden Gästen redet der leidenschaftliche Fußball-Fan einmal die Woche über das Geschehen in der schönsten Nebensache der Welt. Ob Groundhopper-Reisen, ob Bundesliga, ob Nationalmannschaft – da ist für jeden etwas dabei, sogar für die Fußball-Romantiker, denn als so einen betitelt sich Schmitt immer selbst. Gewissermaßen spricht er als Fan mit Profis, Taktik-Experten und Sport-Moderatoren über all das weshalb alle irgendwann einmal Fan dieses Sports geworden sind.
Copa TS erscheint einmal wöchentlich immer dienstags um 0 Uhr Zu hören auf: Spotify, Podigee, Apple, …
Comedy mit Tiefgang
Zwei Comedians, die einen Podcast haben: Dieses Konzept ist erstmal nicht sonderlich innovativ. Till Reiners und Moritz Neumeier haben ihren aber schon seit 2017 – und begonnen hat alles mit einer wöchentlichen Radiosendung, in die die beiden Comedians immer einen oder mehrere Gäste eingeladen haben. Gekommen sind die aber nie, stattdessen schickte der oder die Eingeladene eine Sprachnachricht mit einer wenig überzeugenden Entschuldigung. So mussten die beiden eben einen Talk ohne Gast führen. Seit 2020 bemühen sie sich nun nicht mehr um Interviewpartner und sprechen stattdessen über die Dinge, die sie beide bewegen: über Neumeiers Leben als dreifacher Vater, der ein Haus gekauft hat, das sich später doch mehr als Bruchbude denn als Familienheim herausgestellt hat. Über Reiners‘ ständige Treffen mit dem Mann vom Schlüsseldienst und die Dinge, die sich der Boden holt – oder wo sind die Kopfhörer etwa schon wieder? Neumeier und Reiners widmen sich auch politischen Themen und liefern damit trotz oder gerade wegen einer oft satirischen Komponente neue Denkanstöße. Ergänzt wird der Podcast durch nicht ganz ernst gemeinte Rubriken wie „Sachen, die nach Fakten klingen“, in der die beiden Podcaster dem Halbwissen beikommen wollen. Und wer sich schon immer gefragt hat, in welchen Situationen man behaupten kann, aus dem Schneider zu sein, und auch sonst mehr über den garantiert treffsicheren Gebrauch von Redewendungen erfahren will, für den ist die Rubrik „Cooles Deutsch für coole Anfänger:innen“ genau richtig.
Talk ohne Gast, immer freitags neu, in der ARD Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt.
Wie regieren mit absoluter Mehrheit?
Ich erinnere mich noch an die Anfangszeit – späte Nullerjahre – , als kaum jemand was mit dem Begriff anfangen konnte. Podwas? Selbst in meiner Uni-Zeit – mittlere Zehnerjahre – dachte ich noch, Podcasts wären total nerdy. Nicht falsch verstehen – ich habe Literatur studiert und war mit meinem Interesse für Prosa und Lyrik selbst ziemlich nerdy. Aber als ich zufällig mitbekam, wie sich ein Pärchen aus meinem Studiengang dazu verabredete, am Nachmittag einen Podcast zu hören, hielt ich das für irgendwie staubig und seltsam strebsam. Wie falsch ich lag! Mittlerweile durfte ich rausfinden, dass Podcasts eine ziemlich coole Sache sind. Man kann sie unterwegs hören, beim Kochen, Staubsaugen oder Fensterputzen, sie sind unterhaltsam und bieten oft sogar einen Lerneffekt. Da wir uns im Wahlmonat befinden, möchte ich Ihnen an dieser Stelle, liebe Leserinnen und Leser, den Podcast „Absolute Mehrheit“ empfehlen. Das ist der Politik-Podcast des Funk-Formats „DIE DA OBEN!“ Das richtet sich ja bekanntlich an eine jüngere Zielgruppe, ist aber sicherlich auch für alle Boomer ganz spannend. Gerade nach dem Ampel-Aus ist das Konzept des Podcasts interessant. Denn Politikerinnen und Politiker werden darin gefragt, wie sie das Land regieren würden, wenn ihre Partei eine absolute Mehrheit im Bundestag hätte – Verhandlungen mit Koalitionspartnern also komplett überflüssig wären. Das erlaubt es, politische Ansichten und Vorhaben mal etwas genauer zu beleuchten. Echt hörenswert.
Absolute Mehrheit, jeden Dienstag, überall wo es Podcasts gibt.







