Wohnen auf einer Baustelle

Ostend Hildesheim: Wie Familie Witt das Leben auf einer Baustelle erlebt

Hildesheim - Rund 160 Menschen leben bereits im größten neuen Wohn- und Gewerbegebiet Hildesheims – auf einer riesigen Baustelle, auf der noch mindestens bis 2024 gearbeitet wird. Was ist schon gut und was sind die Schattenseiten.

Hildesheim - Viele Wege führen ins Ostend – aber noch sind nicht alle frei. Zum Beispiel Richtung Westen über die Bahn. Oder Richtung Galgenberg über eine großzügig geplante Parkallee in Richtung Brauerei und durch die Kleingärten.

Doch einen Weg gibt es auf dem 120 000 Quadratmeter großen ehemaligen Kasernengelände, der führt direkt nach Bullerbü. Wenn man zum Beispiel von den Supermärkten an der Einumer Straße den Elisabethgarten betritt. Und wenn man dann weiter Richtung Galgenberg geht, entlang an 56 Schulter an Schulter stehenden Wohnhäusern, die alle irgendwie ein eigenes Fassadengesicht haben und fast alle bewohnt sind. Mal weiß verputzt, häufig verklinkert in verschiedenen Farbtönen.

Der Weg nach Bullerbü

Und während man da entlang geht und einem immer wieder Bauarbeiter über den Weg laufen, die einen kurz mustern und bei denen sich ein Lächeln unter den Helm zaubert, wenn man kurz „Hallo“ sagt, dann sieht man auch die großen Hausblöcke, die weit vorangeschritten sind, etwa der vom Beamtenwohnungsverein, der im Oktober bezugsfertig sein soll. Man geht bei trockenem Wetter über eine Straße mit diesem schönen Namen Elisabethgarten und steht dann ganz am Ende in der Kurve plötzlich nach all diesen aus Stein gebauten Wohnhäusern vor einem kleinen Paradies.

Ein blaues mit Holz verschaltes Häuschen, mit weiß abgesetzten Rahmen und einer kleinen Veranda und denkt, huch, bin ich jetzt mitten in Schweden gelandet? Und denkt vielleicht noch: Auf dieser Veranda könnte jetzt auch der Kleine Onkel von Pippi Langstrumpf stehen. Aber dann öffnet einem Lena Witt die Tür und sagt nur: „Moin.“

Leben auf Hildesheims größter Baustelle

Wir haben zuschauen können, wie das alles hier vorangeht

Lena Witt

Denn sie kommt eigentlich von Fehmarn her, und hinter ihr tauchen dann noch ihr Mann Michael auf, der Lehrer am Augustinus ist, und die drei Kinder Jette (7), Johan (12) und Emil (15), die alle jetzt seit ziemlich genau einem Jahr hier wohnen. Die mitten auf der größten Hildesheimer Baustelle leben und sehr glücklich sind, hier zu sein. Trotz der Baufahrzeuge und der Erde, die sich bei Regen in Matsch verwandelt und bei Sonne in Staub. Denn nicht mehr lange, dann sieht das hier alles ganz anders aus. Das wissen die Witts nämlich genau. „Wir haben zuschauen können, wie das alles hier vorangeht“, sagt die 40-jährige Kulturwissenschaftlerin Lena Witt. Sie arbeitet auf dem Neustädter Markt im Käsewagen. Das will sie so.

Auch das mit dem Leben hier, auch wenn es wahrscheinlich noch rund zwei Jahre dauern wird, bis alles so fertig ist, wie auf den Prospekten. Denn von ihrem kleinen Stückchen Bullerbü aus schaut man auf eine große freie Fläche, wo noch Eigenheime entstehen, dahinter ein kleiner grüner Park, dann das Vorhaben der Genossenschaft Gemeingut, das in einem Jahr im März mit 43 Mietwohnungen bezugsreif sein soll. Oder gleich daneben die frisch eingezäunte Baustelle der Kreiswohnbau, die hier bis Frühjahr 2023 zwei Blöcke mit insgesamt 96 Wohnungen stehen haben will, 68 zur Vermietung, 18 davon als Sozialwohnungen. Und gleich daneben wiederum wird die gbg im Herbst beginnen, ihr „Q8“ hochzuziehen, eine Servicewohnanlage, die 2024 fertig sein soll.

Wohngebiet für 1200 Menschen

Entstehen soll hier ein gemischter Stadtbereich für rund 1200 Menschen mit Gewerbe, Gastronomie und Nahversorgung. Im März 2021 ist Witts Familie hierhingezogen, wie viele andere vor und nach ihnen auch. Im Dezember waren bereits 160 neue Bewohner gemeldet. Schubweise werden es auch dieses Jahr wieder mehr. Viele Autos sieht man allerdings nicht, und das könnte künftig so bleiben. Denn unter den großen Wohnblöcken, die die drei Wohnungsbaugesellschaften gbg, BWV und kwg bauen, liegen Tiefgaragen.

Wir fahren viel mit dem Rad, die Wege in Hildesheim sind eigentlich kurz, aber alles ist auf das Autofahren ausgerichtet

Janina Madau-Affelt

Es gab viele Ankündigungen zum Beginn der Vermarktung für ein stadtnahes Wohnen im Grünen. Doch noch ist die Welt hier eher grau – wie die Restmülltonnen vor den Häusern. Das ärgert Bewohner wie zum Beispiel Janina Madau-Affelt mit ihrer vierköpfigen Familie, die ebenfalls im Elisabethgarten wohnt. „Wir haben hier gleich nach dem Kauf gebaut, so wie viele andere auch, wir haben unseren Teil für das Ostend geliefert“, sagt sie.

Enttäuschte Hoffnungen

Sie hat gehofft, das der Park schneller fertig wird, doch noch wird die Fläche durch eine Baustraße gekreuzt die erst verschwinden wird, wenn die Flächen dort bebaut sind. Aber es geht ihr auch darum, dass das Ostend als „1A-Lage“ verkehrstechnisch für sie nicht gut an die Stadt selbst angebunden ist. „Wir fahren viel mit dem Rad, die Wege in Hildesheim sind eigentlich kurz, aber alles ist auf das Autofahren ausgerichtet“, sagt sie.

Sie hat gehofft, dass der Weg über die Oststadt endlich fertig wird. Eigentlich war der Plan für den Übergang in Richtung Goethestraße schon 2019 auf dem Weg. Dann protestierten dort Anlieger, auch die Bahn ist als Eigentümerin involviert. Alles verzögert sich nun. Vielleicht bis ins nächste Jahr.

Protest der Anwohner gegen einen Überweg

Auch Jana Witt freut sich auf diesen Weg, von dem das Ostend schneller in Richtung Zentrum zu erreichen ist. Ihre Familie verzichtet ganz aufs Auto. Wenn man im Ostend lebt, funktioniert das, sagt sie. Sie braucht noch nicht mal ein Lastenrad. Und: „Wir Nachbarn helfen uns auch gegenseitig.“

Das Häuschen von Familie Witt mit Schuppen und Vordach liegt auf einer Grundfläche von 335 Quadratmetern. Das sind ungefähr 0,3 Prozent des Ostends. Als Wohnfläche rechnet Lena Witt rund 200 Quadratmeter auf zwei Etagen vor, sie zählt die breiten Flure mit dazu, denn dort halten sich häufig die Kinder zum Spielen auf. Gebaut hat das Holzhaus ein Bauunternehmer aus Husum.

Leben im Holzhaus

Ein paar Steinplatten führen zur Veranda, der Vorgarten ist noch nicht an der Reihe. Aber das schwedisch anmutende Häuschen ist schon schnell zu einer Sehenswürdigkeit im Ostend geworden, erzählt sie. Wenn die Baustellenbesucher im neuen Wohngebiet unterwegs sind, halten sie hier häufig länger an und staunen. Es sieht nach Urlaub aus.

Eigentum, Mietwohnungen, betreutes Wohnen, Cafés, Geschäfte, Grünanlagen – all das wächst Monat für Monat weiter heran und Baustelle wechselt Baustelle ab. Wie bei dem Genossenschaftsprojekt der Gruppe Gemeingut, die im März nächsten Jahres ihre Anteilseigner hier einziehen lassen will, kündigt deren Architekt Christian Stock an. Ein ehrgeiziges Unterfangen, denn derzeit sieht man nur die Baugrube, die Raum für Tiefgarage und Keller schafft.

Keine Preissteigerungen

Wir haben unsere Preise vereinbart, und die späteren Käufer und Mieter müssen keine Preissteigerungen befürchten

Matthias Kaufmann, Kreiswohnbau-Chef

In Kürze wird dort der Kran aufgebaut, der wenige Meter noch der kwg beim Bauen geholfen hat. Wie eine Art Nachbarschaftshilfe wird er weitergereicht. Doch natürlich geht es hierbei um Absprachen und Zeitpläne, die einfach passen und Baufirmen, die so etwas nutzen können. Denn sie müssen so ökonomisch wie möglich arbeiten, was man gut am Beispiel der kwg zeigen kann.

Die investiert rund 24 bis 25 Millionen Euro im Ostend für zwei Objekte, erläutert Kreiswohnbau-Chef Matthias Kaufmann. Im März soll alles fertig sein. Die Verträge für den Bau wurden frühzeitig nach dem Erwerb geschlossen. Das in der Zwischenzeit die Baupreise explodiert sind, lässt Kaufmann ruhig bleiben: „Wir haben unsere Preise vereinbart, und die späteren Käufer und Mieter müssen keine Preissteigerungen befürchten.“

Betreutes Wohnen

Fertig werden 96 Wohnungen, von denen 28 als Eigentum bereits verkauft sind. Hinzu kommen 24 Appartements, die künftig für Betreutes Wohnung zur Verfügung stehen. Im Gebäude wird Sebastian Adamski ein Domizil für eine Tagespflegeeinrichtung beziehen. Und dann ist noch Platz für 44 weitere Mietwohnungen, die rund 60 bis 86 Quadratmeter Platz bieten und für zehn Euro pro Quadratmeter angeboten werden sollen.

Und natürlich gibt es auch eine Tiefgarage, begrünte Decke und niedrige Energiekosten. Wie fast alle Objekte wird die EVI auch die beiden kwg-Blöcke mit Fernwärme versorgen.

Grüne Dächer und Fernwärme

Was das bedeutet, und wie man dabei von der Sonne profitiert, kann Lena Witt am eigenen Beispiel erzählen. Denn ihr Bewerbungsschreiben an die Stadt, um eine der Grundstücksflächen für ein Eigenheim zu bekommen, hat die Bedingungen an nachhaltiges Bauen erfüllt: „Wir waren schon spät dran, kurz vor Ende des Verfahrens, aber wir hatten dann ganz schnell die Zusage, auch weil wir unseren Strom selbst erzeugen.“

Das Häuschen liegt mit seinem Garten direkt an der Lärmschutzwand zur Bahntrasse, die sich über 300 Meter bis zur Höhe Goethestraße entlangzieht, wo ein Übergang geplant ist. Geheizt wird bei Witts ebenfalls mit der EVI-Fernwärme. Das Haus hat Fußbodenheizung, die Kinder toben barfuß durchs Haus. Die Fenster sind dreifach isoliert, wenn man in der Küche sitzt und in Richtung Oststadt schaut, sieht man zwar die Züge vorbeirauschen, hört sie aber so gut wie gar nicht.

Im Sommer waren wir zu 100 Prozent autark

Lena Witt

Auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage installiert, die eine Leistung von knapp unter 10 000 Kilowattstunden liefern kann. Damit wird eine Batterie aufgeladen, der Rest fließt ins Stromnetz. „Im Sommer waren wir zu 100 Prozent autark“, erzählt Lena Witt. Die Familie hat für die eingespeiste Energie rund 500 Euro von der EVI zurückerstattet bekommen. Wie die Gesamtbilanz aufgeht, weiß sie aber noch nicht – die Abrechnung kommt noch. Aber Sorgen macht sie sich nicht.

Aber was ist denn nun mit dem Schmutz? Lena Witt lacht nur: „Das wird irgendwann aufhören. Wir fegen eben die Veranda, und wer ins Haus kommt, zieht die Schuhe aus.“ Das klingt einfach, ist manchmal auch ganz anders. Etwa, als die Kinder, und zwar auch alle aus der Nachbarschaft, im letzten Sommer so herrlich auf einem Baufeld spielten, dass noch unberührt geblieben war.

Spielen im Matsch

Die Kleinen haben aus allem, was sie dort fanden, ein Hüttendorf gebaut. Und auch im Matsch gespielt. Einmal musste Jette, völlig eingeschlammt, vor der Veranda mit dem Schlauch abgespritzt werden. Ein anders Mal wurde sie komplett in einen großen Müllsack gepackt und nach oben in die Dusche getragen. Mit der Spielplatzidylle ist es inzwischen vorbei, auch das Baufeld ist nun Baustelle und damit eingezäunt. „Sehr ärgerlich“, sagt Jette dazu.

Doch das wird sie bald vergessen haben, denn sobald es draußen wieder wärmer wird, verwandeln sich die Wege im Ostend bestimmt wieder in eine Spielstraße. Einiges ist schon zum Greifen nah, so wie der Bau des Beamtenwohnungsvereins (BWV), der im Oktober Läden, ein Restaurant und betreutes Wohnen bieten wird. Ganz in der Nähe wird der BWV gleich zwei weitere Gebäude errichten, Start Anfang 2023, Baufeld Nummer eins ist nach einem Jahr fertig, der zweite Komplex Ende 2024.

Noch fehlt das Grün

Das wächst hier doch alles auch sozial zusammen

Lena Witt

Noch ist das Ostend als Wohnquartier eher zu erahnen oder auf den Internetseiten der Anbieter als Planskizze zu sehen. Flanierende auf dem Weg zu einem Café, dem Naturkostladen, den nahe gelegenen Supermärkten oder vielleicht der Brauerei am alten Wasserwerk.

Doch die Freiflächen haben auch was Positives: Man sieht sich. „Es wohnen viele junge Familien mit kleinen Kindern hier“, sagt Lena Witt. Einige hat sie schon kennengelernt, andere kennt man schon und man grüßt sich beim Vorbeigehen. „Das wächst hier doch alles auch sozial zusammen“, sagt Lena Witt. Und das mit dem Grüßen ist für sie sowieso normal: „Ich komm ja von Fehmarn her, da macht man das so.“

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