Direktkandidat für Hildesheim

Ottmar von Holtz von den Grünen: „Olaf Scholz als Bundeskanzler zu ertragen – das wäre nicht einfach für mich“

Hildesheim - Sein Verbleib im Bundestag hängt davon ab, ob sein Listenplatz reicht – doch da ist der Grüne Ottmar von Holtz recht zuversichtlich. Aber eine Sache bereitet ihm Unbehagen.

Der Hildesheimer Grünen-Politiker Ottmar von Holtz sitzt seit vier Jahren im Bundestag, vorher gehörte er bereits dem niedersächsischen Landtag an. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Sein Verbleib im Bundestag hängt davon ab, ob sein Listenplatz reicht – doch da ist der Grüne Ottmar von Holtz recht zuversichtlich. Aber eine Sache bereitet ihm Unbehagen.

Hallo Herr von Holtz, sind Sie eigentlich sauer auf Annalena Baerbock?

Warum soll ich auf sie sauer sein?

Weil der verstolperte Start Ihrer Kanzlerkandidatin Sie den Wiedereinzug in den Bundestag kosten könnte.

Nein, ich bin nicht sauer und das wird auch nicht so kommen, mein 14. Listenplatz wird reichen. Annalena ist eine wunderbare Frau und eine super Politikerin. Ich bin nach wie vor von ihr überzeugt.

Ist Baerbock wirklich die richtige Kandidatin? Von den Grünen-Wahlkämpfern ist zu hören, dass viele Bürger meinten, Habeck wäre für die Partei die bessere Wahl gewesen.

Es gab schon immer ein Habeck-Lager und ein Baerbock-Lager, ich sage mal halbe-halbe. Ich gehöre definitiv zum Baerbock-Lager.

Aber woher kommt diese demoskopische Talfahrt der Grünen?

Das ist ja gar keine Talfahrt.

Sie waren bei knapp 30 Prozent, nun liegen Sie bei 17 Prozent.

Vor drei Wochen hat das eine Umfrageinstitut für die CDU 27 Prozent ausgewiesen und ein anderes 21 Prozent. Das soll mir einer erklären – da muss doch entweder bei den 27 Prozent etwas nicht gestimmt haben oder bei den 21 Prozent. Diese Umfragen sind ganz schwierig zu bewerten. Fakt ist: Nach der Baerbock-Nominierung gab es ein Hoch, weil wir das erste Mal eine Kanzlerkandidatin aufgestellt haben. Ich glaube, bei Robert Habeck wären die Werte genauso hochgegangen. Und bei Habeck hätten die Leute auch etwas gefunden...

Also gab es gar keine Fehler?

Es gab kleine Fehler, ja. Das hat Annalena Baerbock auch zugegeben. Komischerweise redet niemand über die Milliarden, die Finanzminister Olaf Scholz bei Wirecard oder Cum-Ex verbrannt hat, es redet niemand davon, dass Armin Laschet einen rechtswidrigen Polizeieinsatz im Hambacher Forst angeordnet und dies auch zugegeben hat.

Warum sollten die Menschen im Landkreis Hildesheim eigentlich ihre Erststimme an einen Grünen- Kandidaten vergeben – ist die nicht verloren, weil Sie kein Direktmandat gewinnen werden?

Vielleicht holen wir ja mal eins.

Bei der nächsten Wahl?

Mal sehen.

Das ist aber sehr optimistisch angesichts von 8,6 Prozent bei der Wahl vor vier Jahren.

Natürlich ist das optimistisch. Aber wenn ich das nicht wäre, würde ich in der Politik falsch sein.

Vor vier Jahren sind Sie bei den Erststimmen nur Vierter hinter dem AfD-Kandidaten geworden, die AfD lag auch bei den Zweitstimmen im Landkreis vorn. Wie sehr schmerzt das noch, wird das diesmal anders ausgehen und wenn ja, wieso?

Das schmerzt nicht mehr. Wir haben vor vier Jahren bewusst eine Zweitstimmenkampagne gefahren und dazu aufgerufen, die Erststimme dem SPD-Kollegen zu geben. Aber diese Zeiten sind vorbei. Die AfD wird diesmal hinter mir und meiner Partei landen. Weit dahinter.



Sie haben sich im Bundestag viel mit Entwicklungshilfe beschäftigt, sitzen im entsprechenden Ausschuss, sind Vorsitzender des Unterausschusses für Zivile Krisenprävention und Konfliktbearbeitung. Wie wichtig sind diese Themen den Wählern im Landkreis Hildesheim?

Die Themen sind für Hildesheim wichtig, weil wir nicht allein sind auf der Welt. Und wenn man an die Lieferketten denkt und daran, wie Corona diese beeinflussest hat, zeigt das, wie wichtig das zum Beispiel für die Hildesheimer Wirtschaft ist. Außerdem haben wir hier eine sehr große Dritte-Welt-Arbeit-Szene, die ich politisch gern unterstütze.

Aber ist den Menschen klar, wie wichtig das ist?

Tatsächlich ist das Thema Zivile Krisenprävention in der breiten Bevölkerung eher wenig bekannt.

Mögen Sie es erklären?

Das hat nichts mit dem THW zu tun, wie viele meinen, wenn ich davon erzähle. Es geht um Mediation, Vergangenheits- und Traumaarbeit bei Konflikten, auf einer unteren Ebene – es muss nicht gleich der Krieg in Syrien sein; es gibt auch viele andere Länder, wo Konflikte drohen, zum Beispiel in Kenia oder Kamerun, die man frühzeitig entschärfen kann, präventiv. Das unterstütze ich als Bundestagsabgeordneter..

Wie das?

In dem ich mit den Partnerorganisationen in den betroffenen Ländern spreche, aber auch hier in Deutschland. Es gibt eine sehr große Friedens-Szene mit hunderten von Organisationen; das habe ich auch nicht gewusst, bevor ich in den Bundestag gekommen bin.

Also haben Sie nicht die Sorge, dass viele Menschen das gar nicht zur Kenntnis nehmen, was Sie da machen? Bei Ihrer Nominierung fragte ein Grünen-Mitglied, was Sie denn für Stadt und Landkreis tun…

Die Sorge habe ich, weil für diese Themen zu wenig Öffentlichkeitsarbeit gemacht wird. Die Bundeswehr geht mit Jugendoffizieren in die Schulen – jeder weiß, was die Bundeswehr macht. Bei der Friedensarbeit gibt es das nicht, dabei ist das so wichtig. Auch Hildesheimer profitieren davon, wenn die Welt friedlicher ist. Wenn es überall Kriege gäbe... Am Ende würde eine instabile Welt dazu führen, dass auch Hildesheimer abends vor der Tagesschau sitzen und denken: Muss das denn wirklich sein?

Wieso sollten die Menschen am 26. September die Grünen wählen?

Weil wir die einzige Partei sind, die konsequente Maßnahmen zum Klimaschutz anbietet. Und dabei – anders als die SPD – auch die soziale Komponente im Blick haben, also Ideen anbieten, wie wir das finanziell abfedern.

Also müssen nicht ärmere Menschen dafür mehr Miete zahlen?

Genau. Wir planen ja auch eine Steuerreform. Wir müssen Familien mit geringem Einkommen entlasten, brauchen zum Beispiel eine Kindergrundsicherung.

Was haben Sie in den letzten vier Jahren für den Wahlkreis bewirkt?

Wir haben nicht regiert. Als Opposition kann man nur den Finger in die Wunde legen und sagen, da muss sich etwas ändern – ändern müssen das die Regierungsparteien.

Nach derzeitigem Stand reicht eine Zwei-Parteien-Koalition nicht; die Grünen bräuchten zwei Partner zum Regieren. Wer soll’s sein und warum?

Am Verhandlungstisch wird sich zeigen, wer bereit ist, unseren Weg mitzugehen.

Wer wäre Ihnen lieber, SPD oder CDU?

Schwierige Frage. Der SPD-Spitzenkandidat hat so viele Milliarden versenkt, das Finanzministerium so viele Vorlagen des Umweltministeriums ausgebremst... Olaf Scholz als Kanzler zu ertragen, das wäre nicht einfach für mich. Bei den Sondierungen nach der letzten Wahl waren wir mit der CDU und der FDP beim Kohleausstieg weiter als später die Große Koalition.

Sind die Grünen vorbereitet, das Land zu regieren, vielleicht sogar den Kanzler zu stellen? Können Sie das?

Ja. Weil wir viel Erfahrung haben. Ich selber komme aus der Ministeriumswelt, ich weiß, wie man regiert. Und es gibt viele andere, wir regieren ja in mehreren Ländern mit. Und da werden einige nach Berlin gehen, wenn wir regieren.

Wie geht die Wahl aus, wagen Sie eine Prognose? Auch für sich selbst? Sie haben ja am Tag nach der Bundestagswahl Geburtstag, werden 60 – gibt es dann etwas zu feiern?

Wir werden auf jeden Fall etwas zu feiern haben. Es ist 100-prozentig sicher, dass wir den größten Zuwachs aller Parteien haben, die Großen werden verlieren. Ob es zum Regieren reicht, zeigen aber erst die Sondierungen nach der Wahl.

Sie hätten vielleicht auch Oberbürgermeister in Hildesheim werden können. Schmerzt es nicht, wenn Sie das Wahlergebnis von 24 Prozent bei den Stadtratswahlen sehen, dass Sie niemanden aufgestellt haben? Sie saßen in der Findungskommission.

Das schmerzt – aber das wäre nichts für mich gewesen. Ich gehe lieber in den Bundestag. Wir haben ja auch intensiv gesucht, auch gute Frauen gefunden. Aber so ein Wechsel ist ein großer Eingriff in die Karriere- und Familienplanung und daher nicht trivial. Menschen dafür zu gewinnen, das ist nicht einfach.

Zur Person

Ottmar von Holtz wurde in Namibia geboren, seine Jugend verbrachte er zur Zeit der südafrikanischen Besetzung in Windhoek. Er studierte an der Universität Stellenbosch in Südafrika, sein Diplom als Wirtschaftswissenschaftler machte er Ende der 1980er Jahre in Hannover. Von 2013 bis 2017 saß von Holtz im Landtag, seit 2017 gehört er dem Bundestag an. Er ist geschieden und hat zwei Kinder. Von Holtz arbeitete vor seiner Abgeordneten-Zeit im niedersächsischen Wirtschaftsministerium, dorthin könnte er zurückkehren, falls er nicht wieder in den Bundestag kommt.

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