Sarstedt - Für die Serie „Leben im Lockdown“ hat Autorin Kathi Flau den Sarstedter Pastor Matthias Fricke-Zieseniß im Pfarrgarten getroffen
Herr Fricke, hierher in den Pfarrgarten laden Sie zu Sommerandachten ein. Was unterscheidet die in diesem Jahr von denen vergangener Jahre?
Es sind weniger Menschen als sonst dabei, weil wir Abstand halten müssen. Und wir können anschließend nicht gemeinsam essen, wie wir das sonst immer getan haben. Das war toll, jeder hat etwas mitgebracht, vom Kuchen bis hin zu Fleischpflanzerl. Und dann haben wir hier immer noch ein, zwei Stunden zusammengesessen. Jeder so lange, wie er wollte.
Was bleibt, wenn das wegfällt?
Eine kleine, schöne Form der Nähe bleibt. Wir können nicht gemeinsam singen und nicht gemeinsam essen, aber wir können gemeinsam beten. Und uns in einem Kontext zusammenfinden, der unkompliziert ist. Wenn ich hier im Pfarrgarten Besuch bekomme, ist das immer eine Freude.
Trotz der Einschränkungen.
Ist das schon vorgekommen?
Nein. Aber wir hätten das sonst tatsächlich so gemacht.
Viele Menschen mussten und müssen auf Besuche komplett verzichten. Die Senioren in den Heimen zum Beispiel. So klug diese Maßnahme ist – ist so eine Isolation nicht gleichzeitig auch unmenschlich?
Was im Leben hat nicht zwei Seiten? Ziehen Sie in die Großstadt, ist das wunderbar. Da haben Sie das pralle Leben um sich. Aber Sie verpassen, wie der Raps blüht und wie die Gerste gemäht wird. Und umgekehrt genauso. Ziehen Sie aufs Dorf, haben Sie Natur, aber kein Kino. Und die Heime waren ja in besonderer Gefahr, wie man zum Beispiel in Göttingen gesehen hat, die musste man schon tatsächlich schützen. Trotzdem habe ich mit den Menschen mitgelitten.
Die ja nicht nur auf Besuch von außen verzichten mussten, sondern auch auf den Kontakt untereinander.
Ja, und was das bedeutet, davon machen wir uns kaum eine Vorstellung. Wie das ist, Wochen und Monate in einem Zimmer verbringen zu müssen, und der einzige Mensch, der überhaupt mal reinkommt, ist ein Pfleger. Oder eine Reinigungskraft. Und dabei ist ja jedem bewusst, der in einem Heim lebt: Das ist jetzt meine letzte Zeit. Und das macht die Isolation noch einmal zu einem ganz anderen Maß an Leiden, das da auszuhalten ist. Das habe ich auch in der letzten Woche erfahren, als ich zum ersten Mal in unserem Pflegeheim St. Nicolai einen Gottesdienst gehalten habe.
Was war da Ihre wichtigste Botschaft an die Menschen?
Ihr seid nicht vergessen. Und werdet es auch nicht sein. Nie. (überlegt) Diese Botschaft ist ja das Evangelium pur. Und gleichzeitig versuche ich damit aber auch Widerstandskräfte anzuregen. Dieses Gefühl: Ich lasse mich nicht unterkriegen!
Wären in einem Land wie Italien, wo Familien über Generationen hinweg einen ganz anderen Zusammenhalt haben, solche rigorosen Kontaktsperren überhaupt möglich?
Na ja. Zum einen geben wir hier in Deutschland relativ viel auf das, was Institutionen sagen. An Gesetze, an Vorschriften halten wir uns generell erstmal. Das ist in Italien ein bisschen anders. Da gelten Institutionen, insbesondere staatliche, oftmals geradezu als Gegner.
Und zum anderen?
Also würden Sie sagen: Wir haben mit den Kontaktsperren zwar Leid verursacht, aber es ging nicht anders? Letzten Endes haben wir es genau richtig gemacht?
Ja, das würde ich sagen. Die Notbremse zu ziehen, war genau richtig. Und sie auch schnell zu ziehen. Mit Maßnahmen wie dem Lockdown kann man nicht warten, da muss man dann eben die Entscheidungen treffen, die in Deutschland auch getroffen worden sind. Dass wir, verglichen mit anderen Ländern, bislang eine relativ geringe Anzahl von Infizierten und Toten hatten, das ist sicher kein Zufall. Das waren die Maßnahmen, und das war auch unser gutes Gesundheitssystem – denn bei allen Mängeln und nötigen Verbesserungen bietet es doch insgesamt einen Standard, den man anderswo kaum findet.
Gab es in den letzten Monaten, von Unternehmern und wirtschaftlichen Aspekten einmal abgesehen, eine Gruppe von Menschen, die noch mehr unter dem Lockdown litt als die Senioren?
Ich hab da oft an die Kinder gedacht, die in einem Zuhause leben, das eigentlich gar keins ist. Wo es Gewalt gibt und Streit und Übergriffe. Und die dort nicht wegkönnen und der Situation auch nicht mehr, wie vor Corona, wenigstens zeitweise entfliehen können. Das muss die Hölle sein, und das betrifft dann nicht nur Kinder, Frauen natürlich genauso. Ganz furchtbar.
Je stärker bestimmte Risikogruppen von den Corona-Maßnahmen betroffen sind, umso mehr müssten doch andere sagen: Ich verhalte mich so, dass ich niemanden gefährde. Oft genug ist inzwischen aber das Gegenteil der Fall. Sind die Leute der Disziplin müde geworden?
Ja, das sind sie wohl. Dazu kommt, dass ihnen oftmals ein Bewusstsein für die Gefahr fehlt. Die scheint weit weg, gerade dann, wenn man persönlich niemanden kennt, der Corona hatte oder hat. Warum, sagen sich die Menschen, soll ich dann nicht Fußball spielen? Oder ohne Maske auf die Straße gehen? Oder mich nicht mit vielen anderen Leuten treffen? Die Krankheit ist dann wie ein Phantom, die scheint in Wirklichkeit gar nicht zu existieren.
Ein Trugschluss.
Ja, natürlich! Sobald man jemanden kennt oder selbst erkrankt war, weiß man, dass Corona eine Krankheit ist, die einen für viele Wochen lahmlegen kann.
Wie haben Sie die Zeit des Lockdown denn persönlich erlebt?
Tja. Ich lebe von der Begegnung mit Menschen. Darin besteht mein Beruf, und diese Begegnungen haben einige Zeit lang nicht mehr stattgefunden. Da haben wir wie viele andere auch nach neuen Formen der Begegnung gesucht. Und die auch gefunden, zum Beispiel mit den Videoandachten, die wir auf der Seite von St. Nicolai online gestellt haben.
Und mit Ihrer Familie, wie war das?
Nachgedacht?
Ja, eben über dieses Innehalten. Und ich glaube, das haben einige Menschen getan. Neulich zum Beispiel traf ich hier in der Fußgängerzone einen Unternehmer, einen Geschäftsmann aus Sarstedt, der mir sagte, er würde sich wünschen, dass von der Corona-Zeit so ein Bewusstsein bleibe, dass es nicht immer um Wachstum und Leistung gehen muss. Dass man auch mal einfach so zufrieden sein kann, auch mit weniger. Und das als Unternehmer! Das fand ich toll.
