Sottrum - Wohl niemand kennt den Familienpark Sottrum so gut wie dessen Erfinder – der 94-jährige Peter Deicke. Vor 39 Jahren begann er mit dem Aufbau seines Familienparks am Ortsrand von Sottrum. Damals eine Fläche ohne nennenswerte Erhebungen, es gab kaum Bäume. „Wenn man sich das jetzt ansieht, da ist das kaum vorstellbar, nicht wahr?“, fragt Peter Deicke. Er setzte von Anfang an auf einfache, aber unterhaltsame Angebote. Zu den ersten gehörte ein Eisenrohr, durch das man in die Erde sehen kann. Was man dort erblickt? Das, was der Maulwurf sieht. „Schon im ersten Jahr war das Fernsehen da und berichtete über meinen Park“, erinnert sich Deicke. Und der HAZ zeigt der Senior-Chef nun seine fünf liebsten Plätze im Park.
Andock-Station für Säuglinge
Weil diese Lieblingsplätze auf dem mittlerweile 200.000 Quadratmeter großen Areal ganz schön weit voneinander entfernt sind, startet Deicke dafür ein kleines Elektromobil. Die erste Station ist gleich in der Nähe des Eingangs. Auf einem Schild steht: Baby Andockstation. Tanken, Inspektion, Unterbodenschutz. Hinter einem kleinen Pförtchen steht eine Bank, die vom Weg nicht einsehbar ist. Mit einem Vorhang ist die Seite blickdicht zu machen. „Hier können Mütter in Ruhe ihren Nachwuchs stillen und wickeln“, sagt Deicke. Und weil meistens noch andere kleine Kinder dabei sind, hat er die Ecke mit Spielen und Schildern ausgestattet, auf denen Reime stehen. Deicke lehnt sich zurück. „Ich finde es hier so schön, weil ich hier zur Ruhe komme“, sagt er – und schaut auf den See, auf dem Kinder und Erwachsene in die Pedale der Schwanenboote treten. „Ich kann von hier aus sehen, wie die Besucher runterkommen“, sagt Deicke.
Weiter geht es zum Louvre von Sottrum. Am Eingang die Sphinx, Mona Lisen aus allen Ländern der Erde, die Venus von Milo (das Original mit Armen), der Schrei von Munch als Plastik, die sich bei jedem Windstoß wild bewegt. Von Loriot bis zur Kunst von Außerirdischen und Bildern von Baselitz ist im Sottrumer Louvre vieles zu sehen. Doch eine Künstlerin ist in Deickes Augen unübertroffen. „Kommen Sie mal mit“, sagt er und führt zu einer Bank, die vor einem großen Holzrahmen steht. Zu sehen sind Bäume, ein Teich, mit etwas Glück der Eisvogel beim Fischen oder eine andere der 96 verschiedenen Vogelarten, die auf dem Areal heimisch sind. „Das ist die größte Künstlerin aller Zeiten: die Natur“, sagt Deicke. Dieses Kunstwerk übertreffe alles, was Menschen geschaffen haben. Beim Betrachten schwinde die menschliche Überheblichkeit.
Erste Anschaffung nach acht Jahren
Auf der Fahrt zum dritten Lieblingsplatz erzählt der Parkchef, dass er die ersten acht Jahre nach der Parkeröffnung nichts gekauft habe. Jedes Teil baute er selbst, Recycling ist bis heute Deickes Zauberwort. „Ich bin ein Kriegskind, ich musste aus Schiete etwas machen können.“ Seine erste Anschaffung für den Park war dann das kleine Riesenrad, das sich nur mit Muskelkraft in Bewegung setzt. Der dritte Lieblingsplatz ist schließlich die Fensterbank. Wieder eine Sitzgelegenheit, wieder mit Blick auf den Teich, wieder mit tieferem Sinn. Das Thema, so plaudert Deicke, greife er immer auch in seinen Seminaren auf, weil es das Leben schöner und leichter mache. Es geht um Sichtweisen und darum, dass niemand die Welt objektiv sehen kann, jeder sieht etwas anderes. Das sei bedingt durch Erziehung, Beruf, Bildung, Wetter, Ängste und viele andere Faktoren. „Wir schauen alle durch ein Fenster und sehen doch nicht das Gleiche“, sagt der 94-Jährige. Wenn man das verstehe, die Sicht des anderen akzeptiere, könne es keinen Streit mehr geben. Wenn es im Park mal Konflikte unter den Mitarbeitern gibt, führt sie der Chef zu dieser Bank.
Vorbei am Kleinen Onkel
Das Elektromobil quält sich eine Anhöhe am Parkrand hinauf, vorbei an der Villa Kunterbunt und Pippis Pferd Kleiner Onkel, es geht auf den 60 Meter langen Entdeckerpfad. Ganz ruhig ist es dort, rechts und links entlang des Weges stehen Holzliegen. Auf der einen liegt man auf dem Rücken und schaut in den Himmel, sieht die Baumkronen im Wind und die Wolken ziehen. Auf die nächste legt man sich bäuchlings, schaut auf die Erde, was da alles krabbelt. Auf einer anderen lauscht man, hört den Wind, die Vögel und vielleicht einen Pups, so steht es auf der Anleitung – alles aus Deickes Feder. Die Ideen kommen ihm einfach so, wenn er durch seinen Park läuft, physisch oder nachts im Geiste. Sein vierter Lieblingsplatz ist Zuhören. „Das hat man verlernt, zuhören ist ein fürchterlicher Mangel geworden“, erklärt Deicke. Die Menschen fallen sich ins Wort, lassen den anderen nicht ausreden, schauen dem Gesprächspartner nicht in die Augen. „Ich lese mir das hier immer und immer wieder durch. Selbstreflexion ist so wichtig“, meint der Parkchef.
Der fünfte Platz ist oberhalb der neuen Rutschlandschaft. Erst neulich stand Deicke dort und zählte an einem Sonntag zwei Minuten lang die Menschen, die den Weg nach oben gingen. 32 waren es in zwei Minuten. Das macht Deicke glücklich und ein bisschen stolz, weil so viele seinen Park lieben – den er mit so günstigen Materialien geschaffen hat. Die Geländer sind aus Abfallholz, schief und krumm, für den Bau nicht zu gebrauchen. Steine bekam er von Greenpeace. Alle angebohrt, sie sollten in der See versenkt werden, um gegen das Schleppnetzfischen zu demonstrieren. Doch dazu kam es nicht. Die Rutschen kaufte er gebraucht für 52.000 Euro, ohne, dass er das passende Gelände dafür hatte. Das schuf er, in dem er einen Berg aufbauen ließ. Beim aktuellen Edelstahlpreis würde er heute wohl ein Vielfaches für die Rutschen zahlen. Die Anlage ist die neue Parksensation.
Blick auf das Lebenswerk
Nicht oft, aber immer mal wieder nimmt sich Peter Deicke die Zeit, um an diesem fünften Lieblingsplatz zu stehen und auf sein Lebenswerk zu schauen, das er vor 39 Jahren begonnen hat. Fertig, fertig ist er noch lange nicht. Im kommenden Jahr kommt wieder viel Neues dazu. Die Pläne dafür, die hat er schon im Kopf.



