Was Kandidaturen für Rat oder Kreistag erschweren kann

Politik als Smalltalk-Thema beim Tanzen? „Tödlich“, sagt der Lehrer

Hildesheim - Politisches Engagement könnte für Kandidaten, die in der Öffentlichkeit stehen, auch mit Nachteilen verbunden sein – zum Beispiel, wenn ein Tanzlehrer für die Grünen kandidiert.

Jens Schulte-Koch schlägt ein neues Kapitel auf: Das Tanzhaus Buresch hat er verkauft, nun setzt er sich in der Kommunalpolitik ein – beides miteinander zu vereinen, hätte er sich in seiner Rolle als Tanzlehrer nur schwer vorstellen können. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Er habe sich schon immer für Politik interessiert, sagt Jens Schulte-Koch. Im Elternhaus gehörte der Austausch über die täglichen Nachrichten dazu, der große Bruder mit seiner Neigung zu Umweltthemen diente als Vorbild. Und doch hätte sich der Neuhofer vermutlich noch vor einiger Zeit sehr gewundert, wenn ihm jemand erzählt hätte, dass er sich 2021 bei der Kommunalwahl auf der Liste der Grünen für ein Mandat im Hildesheimer Stadtrat bewerben würde.

Denn Schulte-Koch ist gelernter Tanzlehrer, er arbeitet seit mehr als 25 Jahren in dem Beruf. „In dem sollte man immer unpolitisch sein, damit sich die Kunden wohlfühlen und reden können, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.“ Und nicht etwa die Sorge haben müssen, vielleicht eine andere politische Ansicht als ihr Tanzlehrer zu vertreten. Denn so wichtig Small-Talk in Tanz-Pausen sei, so tödlich sei Politik als Thema, meint Schulte-Koch. Dabei gerate man immer an einen Punkt, wo es um eine Haltung zu dieser oder jener Angelegenheit gehe. „Und das kann dann eine Schärfe ins Gespräch bringen, die jeden heiteren Smalltalk zerstört.“

Nach der Geburt des Kindes kam der Wunsch, etwas für die Allgemeinheit zu tun

Da passte es gut, dass Schulte-Kochs Wunsch, sich politisch einzubringen, in einer Zeit der beruflichen Veränderungen heranreifte. Die begannen mit der Geburt seines Sohnes Wendelin 2015. Bis dahin habe er „voll in seiner Blase gelebt“, erzählt der 48-Jährige: „Ich hatte weder den Kopf noch die Luft dafür, etwas anderes neben meinem Job zu machen.“

Schulte-Koch war damals seit 15 Jahren Eigentümer des Tanzhauses Buresch, damit Chef von bis zu 30 Mitarbeitern. Nach Wendelins Geburt habe er sich gefragt, wie er etwas für die Allgemeinheit tun könne – ein Bedürfnis, das noch wuchs, als drei Jahre später Tochter Adele zur Welt kam. Und so trat er nicht nur beruflich etwas kürzer, um sich mehr um die Kinder kümmern zu können. Sondern auch bei den Hildesheimer Grünen ein.

Zunächst „nur als stilles Fördermitglied“, sagt Schulte-Koch. Zwar ohne Sorge, dass ihm das im Beruf zum Nachteil gereichen würde. Aber auch ohne den Wunsch, das an die große Glocke zu hängen. Als ihn ein Mitarbeiter, der zur Grünen Jugend gehörte, im Tanzhaus auf die gemeinsame Parteizugehörigkeit ansprach, machte er deutlich: „Das ist meine Privatangelegenheit.“

Doch dann geschahen zwei Dinge, die dies änderten. Zum einen zog sich Schulte-Koch zunehmend als Tanzlehrer zurück und kümmerte sich mehr um das Veranstaltungsgeschäft des Tanzhauses. Zum anderen zwang ihn die Corona-Pandemie zu einer Auszeit, weil sein Betrieb mehr oder minder über ein Jahr ruhte.

So stockte seine Frau, eine Juristin, ihre Arbeitszeit auf; Schulte-Koch übernahm im Gegenzug mehr Aufgaben zu Hause. Und hatte plötzlich Zeit, bei den Grünen aktiv zu werden: Er half beim Werben um Unterschriften für das Volksbegehren Artenvielfalt in der Innenstadt, nahm an Versammlungen teil, stellte das Tanzhaus für solche zur Verfügung, kam mit Mitgliedern und der Hildesheimer Parteispitze ins Gespräch. Und wurde schließlich auf den zweiten Platz der Kandidaten-Liste für den Stadtrat in der Weststadt gewählt – eine aussichtsreiche Position, um wirklich einen Sitz in der Bürgervertretung zu erobern.

Kandidat für Grüne? „Da haben manche vornehm geschwiegen“

Furcht vor politischen Kollisionen in seinem beruflichen Umfeld muss er nicht mehr haben: Das Tanzhaus hat er zum 1. Juli verkauft. Dass er aber mit seiner früheren Zurückhaltung richtig lag, wurde ihm jüngst bei einer Abschiedsfeier mit Kunden bestätigt: Als seine Kandidatur für die Grünen zur Sprache kam, „da haben die einen interessiert gefragt und andere vornehm geschwiegen.“

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