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„Populäre Irrtümer“ über die Scorpions, Sarstedt und die große weite Welt

Sarstedt/Hannover - Hollow Skai im Interview: über den weltweiten Erfolg der Scorpions, frühe Proteste gegen die Band und populäre Irrtümer über Texte und Songtitel. Und welche Rolle spielt Sarstedt dabei?

Klaus Meine und Matthias Jabs beim Scorpions-Konzert im Mai in der hannoverschen ZAG Arena. Foto: Tobias Woelki

Sarstedt/Hannover - Der Journalist und Buchautor Hollow Skai hat früher gegen die Scorpions protestiert, später Bücher über die Band geschrieben. Im Interview sagt er, was er an der Band schätzen gelernt hat.

Vor gut 40 Jahren hat die Punkszene den Scorpions musikalisch den Kampf angesagt: „Ohne die Scorpions, Jane, Eloy in die Achtzigerjahre!“ hieß es da. Sie mittendrin. Was war damals der Hintergrund?

Die Musikszene wurde damals immer pompöser und bombastischer, und man sah kaum eine Möglichkeit, sich musikalisch auszudrücken, wenn man nicht eine riesige Anlage und Lightshow hatte. Die Scorpions, Jane und Eloy waren die Aushängeschilder dieses Trends.

Haben die Scorpions den Protest bemerkt?

Vermutlich schon, wir haben nie drüber geredet. Aber sie hatten wohl die Größe, drüber hinwegzusehen.

Nun haben Sie ein Buch über die Scorpions geschrieben, über „populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“. Was ist denn der populärste Irrtum über die Band?

Natürlich erst mal, dass sie aus Hannover kommt. Sie kommt ja aus Sarstedt. Dann, dass der Song „Virgin Killer“ einen sexistischen Text hat – das Gegenteil ist der Fall. Ein dritter ist, dass der Albumtitel „Blackout“ auf Stimmprobleme bei Klaus Meine zurückgeht. Es war eher so, dass sich Rudolf Schenker auf einer USA-Tournee mal ziemlich betrunken hat. Es gibt übrigens verschiedene Versionen, wo und mit wem.

Wie stehen Sie heute zu den Scorpions?

Wir hatten nie ein intensives Verhältnis. Aber ich schätze ihre Lebensleistung, ich mag ihre Bodenständigkeit und freue mich, dass sie immer noch so erfolgreich sind. Dafür haben sie hart geackert.

Die Scorpions gelten neben Rammstein als international erfolgreichste deutsche Band. Die Menschen lieben die Scorpions, auch wegen ihrer Gradlinigkeit und Verlässlichkeit. Aber in Deutschland funktioniert das bis heute nicht. Woran liegt das?

Viele Leute, die die Scorpions nicht mögen, bewegen sich in einer Blase wie Berlin oder Köln. Da haut dann Klaus Meines Englisch nicht immer hin, oder sie hatten fürchterliche Klamotten. Bei Menschen im Mittleren Westen der USA oder in Sibirien haben sie eine ganz andere Bedeutung, gerade wegen ihrer Bodenständigkeit.

Können Deutsche nicht gönnen?

Könnte sein. Die gelegentliche Unerbittlichkeit gegenüber den Scorpions ist schon besonders. Das ist in Nachbarländern wie Frankreich ganz anders.

Vor Jahren hat die Band ihre Abschlusstour angekündigt und dann nie damit aufgehört. Meine und Schenker sind jetzt 75 und rocken immer noch breitbeinig durch die Welt. Finden Sie das bewundernswert oder peinlich?

Man hört natürlich, dass Meines Stimme nicht mehr ganz so frisch ist wie vor 50 Jahren. Aber es ist beachtlich, welche Show die mit Mitte 70 noch abziehen. Da kann ich nur meinen Hut ziehen.

Stehen Altrocker wie die Scorpions für die Situation des Rock ’n‘ Roll?

Keith Richards von den Stones hat sich schon vor Jahren beschwert, dass man ihnen vorwirft, immer noch auf der Bühne zu stehen. Das würde man keinem Bluesmusiker vorwerfen, die spielen mit 90 noch, und keiner sagt was. Aber Rockmusik ist nun mal sehr mit Jugendlichkeit verbunden. Ich höre auch lieber junge frische Bands, aber wenn alte Haudegen eine gute Platte machen, habe ich natürlich nichts dagegen.

Anfang der Neunziger war die Band mit „Wind of Change“ plötzlich politisch, obwohl sie das vorher nie sein wollte. Mittlerweile haben sich Klaus Meine und Rudolf Schenker auch zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine geäußert.

Die Scorpions haben gut reagiert, den Text von „Wind of Change“ verändert und sich damit positioniert. Sie haben ein besonderes Verhältnis zu Russland, sind oft da aufgetreten, Rudolf Schenkers Frau stammt aus dem Land. Es wird der Band nicht leicht gefallen sein, aber sie haben klare Kante gezeigt.

Hand aufs Herz: Haben Sie einen Scorpions-Lieblingssong, und wenn ja, was verbinden Sie mit ihm?

Was die schnelleren Sachen angeht, da höre ich dann doch lieber Punk. Aber ich habe auch eine sentimentale Seite, deshalb mag ich die Balladen, vor allem „Still loving you“, aber auch „Wind of Change“.

Zur Person: Hollow Skai

Hollow Skai, 68, ist Autor, Journalist und Produzent. Er ist mit Rudolf Schenkers Bruder Michael zur Schule gegangen und hat Biografien und Bücher über die Scorpions geschrieben, zuletzt in diesem Jahr „Rock you like a Hurricane – Populäre Irrtümer und anderen Wahrheiten“ (Klartext). Skai ist auch einer der drei Herausgeber der Chronik „Wie der Punk nach Hannover kam“.



Sarstedter Zurückhaltung

„Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“ haben es dem Klartext-Verlag schon länger angetan. Nach AC/DC, dem Trabi, Thüringen, Wagner, Sisi, Luther und anderen Verdächtigen sind nun die Scorpions an der der Reihe. In 50 kurzen Kapiteln umkreist Hollow Skai ein Phänomen, das offenbar die Menschen in Japan, den USA, Russland und sonstwo auf der Welt besser verstehen als wir.

Man nehme, als Beispiel, das Thema „Staatspreisträger & Friedensbotschafter“. Ob in Spanien, Monaco, Brasilien oder Los Angeles: Die Scorpions sind mit Ehrungen überhäuft worden. „Allein die Geburtsstadt der Band, Sarstedt, hat es bis heute versäumt, ihre prominentesten Söhne in der einen oder anderen Weise zu ehren“, schreibt Hollow Skai.

Das Buch bietet solche Fun Facts in großer Zahl. Der Stil ist eher nüchtern, berichterstatten. Manches wiederholt sich, vor allem die Sache mit dem Propheten, der im eigenen Lande nichts gilt. Trotzdem ist es eine schöne Nebenbei-Lektüre; auch für Leute, die den Scorpions nicht nahe stehen.

„Wind of Change“ wird natürlich erwähnt und mancher andere Song, leider nicht „Loreley“. Als eines der schlimmsten Lieder, die Rockbands im Laufe der Jahrzehnte je verbrochen haben, hätte es gut in dieses Buch gepasst. Ach, jetzt ist es schon wieder passiert! Wir Deutschen sind überfordert damit, die Scorpions einfach nur toll zu finden. Ralf Neite

  • Hildesheim
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