Kreis Hildesheim - Bei der Pro-Kopf-Verschuldung der 18 Städte und Gemeinden im Kreis Hildesheim gibt es riesige Unterschiede. Das geht aus einer aktuellen Aufstellung des Niedersächsischen Landesamtes für Statistik hervor. Am geringsten war sie zum 31. Dezember 2022 in der Gemeinde Diekholzen mit 7 Euro pro Kopf, am höchsten in der Stadt Alfeld mit 4932 Euro – das ist 700-mal so viel. Alfeld gehört auch landesweit zu den fünf Kommunen mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung – neben Pattensen und Heeseberg bei Helmstedt sowie den beiden Nordseeinseln Spiekeroog und Wangerooge. Letztere müssten allerdings, bezogen auf die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner, wegen ihrer Lage und ihrer Rolle für den Tourismus eine überdurchschnittliche Infrastruktur vorhalten, gibt das Amt zu bedenken.
Lamspringe und Leineberglandmit hohen Belastungen
Diekholzen ist mit Abstand die am wenigsten verschuldete Gemeinde der Region, dann folgen Harsum (389 Euro pro Kopf), Schellerten (562 Euro) und Freden (611 Euro). Am anderen Ende der Rangliste gibt es neben Alfeld noch drei Kommunen, deren Pro-Kopf-Verschuldung über 2000 Euro liegt: Lamspringe (2991 Euro), die Samtgemeinde Leinebergland (2952) und Nordstemmen (2580).
Insgesamt beläuft sich der kommunale Schuldenstand in Niedersachsen auf rund 14 Milliarden Euro oder – pro Kopf berechnet – auf durchschnittlich 1741 Euro. Das heißt: Elf Städte und Gemeinden des Landkreises Hildesheim liegen unter dem Landesdurchschnitt, die restlichen sieben darüber.
Schuldenfreiheit als Selbstzweck nicht ratsam
Schuldenfreiheit als Selbstzweck gilt dennoch nicht unter allen Umständen als erstrebenswert. So gab es im Rat der Gemeinde Diekholzen in den vergangenen Jahren auch Kritik an dem Ziel, das jahrelang zu sehr die Politik bestimmt habe. Denn: Durch Investitionskredite wird schließlich auch Vermögen geschaffen, werden Sanierungsstaus beseitigt. Die gibt es in der Gemeinde mittlerweile in einigen Bereichen, zum Beispiel beim Leitungsnetz für Trink- und Abwasser. In der Grundschule Diekholzen samt Turnhalle musste die gesamte Elektrik erneuert werden, was mal eben mehr als 400 000 Euro kostete. Und der neue Bauhof, der im Grunde seit Jahren fällig ist, wird auch nach intensiven Einsparungsüberlegungen noch zwischen 3,5 und 4 Millionen Euro kosten. Um diese Investition kommt die Gemeinde Diekholzen schon aus Gründen des Arbeitsschutzes für die Mitarbeitenden nicht mehr herum. So wird die Pro-Kopf-Verschuldung im Laufe dieses Jahres von 7 auf über 100 Euro steigen. An Zinsen zahlt die Gemeinde nun mehr als vor einigen Jahren, als Geld fast nichts kostete.
Der Gegenpol: das Vermögen
Ein rundes Bild ergibt sich indessen nur, wenn beim Blick auf die Schulden auch der Gegenpol betrachtet wird – das Vermögen. Zum Beispiel das der Gemeinde Giesen: Es beträgt laut Bürgermeister Frank Jürges 65 251 650,87 Euro – woraus sich quasi ein „Pro-Kopf-Vermögen“ von 6684,25 Euro ergibt. Werden davon die Schulden abgezogen, verbleibt ein „Pro-Kopf-Guthaben“ von fast 4900 Euro. „Ein Betrag, der deutlich macht, dass die Gemeinde Giesen gut aufgestellt ist“, meint Jürges, „und mit diesem ausgewogenen Verhältnis von Schulden und Vermögen weiterhin handlungsfähig bleibt.“
Beispiel Algermissen: Kurswechsel wider Willennach 37 Jahren
Ein extremes Beispiel, wie sich die Lage schnell mal ändern kann, ist die Gemeinde Algermissen. Die nahm seit 1982 genau 37 Jahre lang keine Kredite auf, gab nur das Geld aus, was sie hatte. Investitionen konnte sie stets erwirtschaften – das funktionierte freilich auch, weil der Haushalt nicht durch Tilgung und Zinsen belastet war. Der niedrige Schuldenstand zahlte sich also durchaus aus. 2015 war die Gemeinde schuldenfrei, 2019 musste sie ihren Kurs ändern: Sie musste sich wieder Geld pumpen, um damit Anbauten an zwei Kindergärten zu finanzieren. Dass es so kommen würde, hatten Rat und Verwaltung schon zwei Jahre vorher kommen sehen: 2017 hatte der Gemeinderat einstimmig eine Resolution an das Land verabschiedet mit der Forderung, die Kommunen stärker bei der Finanzierung der Kitas zu unterstützen.
Hildesheim: 130 Millionen Euro Schulden erlassen
Deutlich schlechter stünde die Stadt Hildesheim heute ohne finanzielle Hilfe des Landes da. Das erließ Hildesheim im Jahr 2014 quasi über Nacht 130 Millionen Euro Schulden im Rahmen eines Entschuldungsvertrages – allerdings mit strengen Vorgaben, die Hildesheim zehn Jahre lang bei der Haushaltsplanung beachten musste.
Bei dieser ist derzeit – und wahrscheinlich auch in den kommenden Jahren – zum Beispiel auch die Gemeinde Lamspringe deutlich eingeschränkt. Der Schuldenstand (nach Alfeld pro Kopf der höchste) verengt die Spielräume. Jetzt muss die Gemeinde sogar auf 2,8 Millionen Euro Zuschüsse aus dem Förderprogramm „Lebendige Zentren“ verzichten, mit denen sie eigentlich das Zentrum des Fleckens zeitgemäß sanieren und umgestalten wollte – die Gemeinde kann sich aber wegen ihrer Haushaltslage den Eigenanteil von 1,4 Millionen Euro, verteilt auf etwa Jahrzehnt, aus heutiger Sicht nicht leisten – und kommt dadurch nicht an die Fördermittel.
