Bad Salzdetfurth - Gespentisch wirkt es. Unwirklich. Es knackt, rattert und rauscht, dazwischen immer wieder lautes Pfeiffen. Wie von Zauberhand schieben sich schwere Paletten durch die Halle. Blauweiße Säcke sind sorgfältig gestapelt, 80 Stück pro Europalette. Der Inhalt ist immer der gleiche: Katzenstreu. Das nahezu schneeweiße Catsan Hygiene wird einzig in Bad Salzdetfurth produziert, verpackt und auf die Reise in die ganze Welt verschickt. Auf einem Laufband drehen die Paletten ihre Runde, bewegen sich mit einem Fahrstuhl in ein unterirdisches Tunnelsystem, verschwinden vorerst aus dem Blick, um in einer anderen Halle wieder aufzutauchen. Alle haben ein Ziel: Das riesige Hochregal, das sich in der knapp 30 Meter hohen Halle befindet, die das Gelände an der Entlastungsstraße prägt.
Alles automatisch
Menschen bekommt man in der Halle nur vereinzelt zu Gesicht. „Das läuft hier alles automatisch“, sagt Ulrich Fuhrich und strahlt wie ein Junge, der seine elektrische Eisenbahn beobachtet. Ein kleines bisschen ist es ja auch so. Fuhrich ist Leiter Produktion und Technik bei Kali und Salz (K+S) in Bad Salzdetfurth – noch, muss man sagen, denn Ende des Jahres ist Schluss. Nach 50 Jahren und acht Monaten geht der 65-Jährige in den Ruhestand – mit einer noch immer großen Portion Begeisterung für seinen Job. Zufrieden blickt er den Paletten hinterher, die jetzt im Hochregal ankommen, auf eine Hebebühne fahren und von einer Art Kran ruckzuck nach oben gehievt werden während der auf seinen Schienen tief ins Regalsystem eintaucht und einen passenden Stellplatz für die Palette sucht. „Das sind 20-Kilo-Säcke für den englischen Markt“, sagt Fuhrich nach kurzem Blick auf die Säcke. Mit Kennerblick registriert er sofort, welche Säcke für welches Land gerade eingelagert werden. Damit das automatische System das auch weiß, werden die gepackten Paletten auf ihrer Tour durch die Hallen etikettiert und gescannt. So können die Kollegen in der Steuerungszentrale auf einen Blick in den Computer sehen, wie viel Ware vorhanden ist.
Früher sei das viel komplizierter gewesen, zudem gab es deutlich weniger Lagerkapazitäten, erinnert Fuhrich. Da fuhren die Kollegen auch noch mit Gabelstaplern durch die Halle, um die Paletten in den Regalen abzustellen. Jetzt erledigt das die Technik im vollautomatischen Hochregal, dem größten und modernsten im ganzen Landkreis. Fuhrichs „Kind“, wenn man so will. „Da bin ich schon stolz drauf“, sagt er.
Zurück zum Anfang. Mit knapp 15 Jahren begann Fuhrich seine Ausbildung bei K+S zum Energieanlagenelektroniker. „Das gibt es heute gar nicht mehr in der Form“, sagt er. Rund 1600 Menschen waren damals am Standort Bad Salzdetfurth beschäftigt, an dem in drei Schächten Kali unter Tage abgebaut wurde. Auch Fuhrich fuhr in seiner Ausbildung in den Schacht ein. 1992 stellte K+S die Kaliproduktion ein, der Bergbau war plötzlich Geschichte. Viele Menschen kostete das den Job. Auch Fuhrich spielte mit dem Gedanken, sich wegzubewerben. Doch der damals 34-Jährige wurde vom Chef überredet zu bleiben. Mit dem amerikanischen Mars-Konzern hatte das nun inaktive Werk einen neuen Besitzer und eine neue Aufgabe: „Damals haben wir mit der Produktion von Catsan begonnen“, erinnert sich Fuhrich. Er selbst mittendrin im Umstellungsprozess. Maschinen, Arbeitsabläufe, alles wurde neu justiert. Fuhrich absolvierte etliche Fortbildungen, um mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten, sie sogar voranzutreiben. Heute gibt es wohl keine Maschine, kein Gerät auf dem großen Gelände, dass der Zwei-Meter-Mann nicht in- und auswendig kennt.
Höhepunkt zum Schluss
An sämtlichen technischen Neuausrichtungen war er beteiligt. Der Höhepunkt seines Berufslebens kam nun quasi zum Schluss – und begann ganz winzig. Im Kleinformat sozusagen. Beim Besuch der Miniaturwelten in Hamburg sah der Bodenburger die Zukunft des Produktionsstandortes: ein vollautomatisches Hochregal der Firma SSI Schäfer aus Neunkirchen. „Ich hab das fotografiert und mit dem Bild bin ich zu den Verantwortlichen bei Mars gegangen“, erzählt Fuhrich und schmunzelt. Dass ihn der eine oder die andere für verrückt erklärte, nahm er gerne in Kauf. Der Erfolg gab ihm am Ende recht. Das 28 Meter hohe und 14.000 Paletten fassende Hochregal ist seit 2020 in Betrieb. 48 Paletten stehen in den Reihen jeweils hinter einander, 18 übereinander. Riesige Bedienarme rauschen zwischen den Reihen hindurch, um Waren einzulagern und für den Abtransport heraus zu holen. Etwa 3000 bis 6000 Paletten laufen täglich rein und raus. Abgeholt werden sie von etlichen Lastwagen, die an acht Rampen laden können, oder einmal in der Woche von einem Güterzug, der mit sechs bis zwölf Waggons unmittelbar an der Halle hält. 144 Paletten passen allein in einen Waggon, „das entspricht drei LKW-Ladungen“, rechnet Fuhrich vor.
Die Produktion des Katzenstreus habe in den Jahren stetig zugenommen, erzählt Fuhrich. Die Nachfrage sei groß, sogar in Indien oder Saudi-Arabien käme die weiße Einstreu in die Katzenklos. Im Gleichschritt mit Partner Cirkel, der auf der anderen Seite der Entlastungsstraße das Vorprodukt für das Katzenstreu herstellt, werden in Bad Salzdetfurth die Waren für den weltweiten Markt produziert. „England ist vor Frankreich der größte Abnehmer“, weiß Fuhrich – er kennt auch die jeweils besonderen Wünsche der Kunden im Ausland. Wenngleich der Inhalt immer derselbe ist, so variieren Beutelgrößen, Verpackungen und Lieferdetails erheblich. Um den gestiegenen Mengen und diesen Sonderwünschen wirtschaftlich zu begegnen, haben Fuhrich und seine Leute den Standort zunehmend modernisiert – und automatisiert. An mehreren computergesteuerten Verpackungslinien werden die Beutel gepackt, anschließend auf Paletten gestapelt, die wiederum selbstständig auf einem Schienensystem weitere Stationen abfahren, an denen die Ware zum Beispiel rutschsicher mit Plastikfolie umwickelt wird. Der Mensch müsse nur eingreifen, wenn die Maschinen einen Fehler anzeigen würden. Arbeitsplätze habe das aber nicht gekostet. „Ganz im Gegenteil, wegen der vielen Maschinen und der Steigerung der Mengen haben wir sogar mehr Leute eingestellt.“ Etwa 160 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen seien es aktuell. In drei Schichten arbeiten sie an sechs Tagen in der Woche. In gut einer Woche gehört Ulrich Fuhrich nicht mehr dazu.
Besuch angekündigt
In seinem Büro in dem roten Backsteingebäude an der Griesbergstraße stapeln sich allerlei Papiere, Ordner und Kartons auf dem Schreibtisch. „Ich räume auf“, sagt er schmunzelnd mit einem Blick auf das Durcheinander. In über 50 Jahren hat sich eben so einiges angesammelt. Beim Aussortieren erinnert den Bodenburger so manches an die vielen Projekte, die er in diesem halben Jahrhundert geleitet hat. Das Hochregal war für ihn das letzte Projekt, vor K+S werden aber wohl noch so einige liegen. Als Freund und Besucher will Fuhrich wiederkommen und sich die dann genau ansehen.


