Verden/Celle/Hildesheim - Jahrzehnte lebte die mutmaßliche Räuberin und frühere RAF-Terroristin im Untergrund, nun betritt Daniela Klette freundlich lächelnd den Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Celle. Die weißhaarige, ungeschminkte Frau trägt einen schlichten, schwarzen Pullover. Sie wirkt gelassen und gut gelaunt. Zur Begrüßung umarmt die 66-Jährige ihre Verteidiger in einem Glaskasten, der eigentlich für Angeklagte in Terrorismusverfahren vorgesehenen ist.
In dem mit Panzerglas gesicherten Raum wird Klette wahrscheinlich viele Tage verbringen. Vor ihr liegt ein langer Prozess. Aus Sicherheitsgründen wird nicht in den Räumen des Landgerichts Verden verhandelt, sondern im Oberlandesgericht Celle. Einiges aus der Anklageschrift, die zwei Staatsanwältinnen gut anderthalb Stunden vortragen, war bereits vorab bekannt geworden. Die Staatsanwaltschaft wirft der Deutschen versuchten Mord unter anderem aus Habgier vor. Die Anklage spricht zudem von versuchtem und vollendetem schweren Raub als „Mitglied einer Bande“ sowie von unerlaubtem Waffenbesitz. Demnach soll Klette 13 Überfälle gemeinsam mit Ernst-Volker Staub (70) und Burkhard Garweg (56) begangen haben, die wie sie der sogenannten dritten Generation der linksextremistischen Rote Armee Fraktion (RAF) zugerechnet werden. Wo sich die beiden Männer aufhalten, ist unbekannt. Bei den Überfällen soll Klette meistens das Fluchtauto gefahren haben.
2,7 Millionen Euro Beute
Nach den Ermittlungen sollen Klette und ihre Komplizen von 1999 bis 2016 Geldtransporter und Kassenbüros von Einkaufsmärkten in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein überfallen haben. Dabei sei das Trio „arbeitsteilig und äußerst konspirativ“ vorgegangen. Demnach wollten sie mit den Straftaten ihren Lebensunterhalt finanzieren. Bei den Taten sollen sie 2,7 Millionen Euro erbeutet haben. Auch Hildesheim gehört laut Anklage zu den Tatorten: Dort sollen sie am 7. Mai 2016 bewaffnet das Rewe-Center in Bavenstedt überfallen haben. Eine Videokamera hatte die vermummten Täter gefilmt. Die jetzt angeklagte Klette ist darauf direkt allerdings nicht zu sehen. Noch eine weitere Spur bringt eine Verbindung zu Hildesheim: Offensichtlich hatte das Trio vor dem Überfall eine Wohnung in der Nähe der Kaiserstraße angemietet – mutmaßlich um den Raub zu planen. Nach der Tat fand die Polizei das Fluchtauto in der Gemeinde Schellerten, zwischen Ottbergen und Wöhle.
Die Verteidigungsstrategie der drei Klette-Anwälte wird schon am ersten Prozesstag deutlich. Sie sprechen von einer öffentlichen Vorverurteilung. Es werde nicht berücksichtigt, dass sich die RAF 1998 aufgelöst habe. Die Anklageschrift durchziehe der „denunziatorische Grundgedanke, dass es sich bei der Angeklagten um eine skrupellose Schwerverbrecherin handelt“, sagt Ulrich von Klinggräff. Die Verteidiger weisen den Vorwurf zurück, Klette habe billigend in Kauf genommen, dass bei den Überfällen auch Menschen getötet werden könnten.
Verteidiger sprechen von Vorverurteilung
„Die gesamte öffentliche Vorverurteilung steht in Zusammenhang mit der RAF“, sagt die Anwältin Undine Weyers in ihrem Eröffnungsstatement. Darin zieht sie unter anderem auch in Zweifel, dass bei einem Überfall in Richtung des Fahrers geschossen worden sei. Aus Sicht der Verteidigung stellen die Behörden Klette als gefährlicher dar, als sie ist.
Die Verteidigung fordert die Einstellung des Verfahrens und die Aufhebung des Haftbefehls. Gegen die 66-Jährige sei kein fairer, rechtsstaatlicher Prozess möglich, heißt es in dem Antrag, den die Anwälte am ersten Prozesstag stellen. Klettes Anwälte befürchten ein politisches Verfahren, obwohl aus ihrer Sicht die ehemalige RAF-Mitgliedschaft nicht bewiesen ist.
15-minütige Erklärung
In einer rund 15-minütigen Erklärung schließt die frühere Terroristin sich dem Antrag ihrer Verteidiger auf Einstellung des Verfahrens an. Die Angeklagte schildert ihr politisches Weltbild und bezeichnet die Fahndung nach ihren mutmaßlichen Komplizen Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg als „hetzerisch“. „Dieser Prozess wird mit politischem Kalkül geführt“, sagt die 66-Jährige. Der Prozess wird am 1. April fortgesetzt.
