Autozulieferer plant Kahlschlag

Bosch will in Hildesheim 750 Stellen streichen – das sagen Betriebsrat, IG Metall, Minister Lies und OB Meyer

Hildesheim - Hildesheims größter Arbeitgeber Bosch plant radikale Einschnitte. Binnen gut zwei Jahren soll fast die Hälfte aller Arbeitsplätze im Elektromotoren-Werk wegfallen – und das ist noch nicht alles. Minister Olaf Lies warnt das Unternehmen dringlich, die IG Metall sieht wenig Sinn in dem Bosch-Konzept. (Mit Kommentar)

Das Bosch-Werk im Hildesheimer Wald steht vor gravierenden Einschnitten. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Hildesheims größter Arbeitgeber Bosch plant einen radikalen Personalabbau. Binnen zwei Jahren will der Automobilzulieferer in seinem Werk im Hildesheimer Wald, in dem in erster Linie Elektromotoren gefertigt werden, 600 Arbeitsplätze abbauen. Das wäre knapp die Hälfte der Belegschaft. Die umfasst derzeit laut Bosch 1250 Beschäftigte, davon rund 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit befristeten Verträgen.

Verhandlungen angekündigt

„Bis Ende 2026“ soll der Personalabbau abgeschlossen sein. Hinter diesem Zeitplan steht allerdings ein Fragezeichen. Denn für alle deutschen Standorte des Bosch-Geschäftsbereichs Mobility Solutions gilt eine Zukunftsvereinbarung, nach der betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2027 ausgeschlossen sind. Und Bosch erklärte am Freitag auf HAZ-Nachfrage, das Unternehmen stehe zu diesem Abkommen.

In späteren Jahren soll es indes noch weitere Einschnitte geben. Bis Ende 2032 sollen nach den Vorstellungen von Bosch weitere 150 Stellen im Hildesheimer Werk gestrichen werden, wie das Unternehmen am Freitag erklärt hat.

Der Automobil-Zulieferer informierte am Freitag abteilungsweise die Beschäftigten. Für Montag plant der Betriebsrat eine Betriebsversammlung im Hildesheimer Werk. Bosch will „zeitnah“ mit der Arbeitnehmer-Vertretung in Verhandlungen über den Stellenabbau eintreten. Ziel werde es sein, die geplanten Einschnitte „so sozialverträglich wie möglich gemeinsam zu gestalten“. Ähnlich wie derzeit bei VW dürfte es dabei für Betriebsrat und Gewerkschaft vor allem darum gehen, die nun von Bosch geäußerten Vorhaben abzumildern.

„Keine Besserung zu erwarten“

Das Unternehmen sieht zu seinen Plänen nach eigenem Bekunden gleichwohl keine Alternative. „Der Wettbewerbs- und Preisdruck in relevanten Märkten hat sich insgesamt stark erhöht, und der Automobilmarkt stagniert“, erklärt Bosch seinen Vorstoß in Hildesheim. Insbesondere der europäische Markt für Elektrofahrzeuge wachse langsamer als prognostiziert. Das wirke sich auch im Hildesheimer Werk eindeutig aus: Die Automobil-Hersteller würden deutlich weniger Teile abnehmen als erwartet. Das führe am Standort zu „Personalüberhängen“. Und Bosch legt sich fest: „Eine wesentliche Besserung ist in den nächsten Jahren nicht zu erwarten.“

„Bestand des Werks sichern“

Im Frühjahr hatten führende Vertreter des Unternehmens noch nicht so pessimistisch geklungen, eher von einer „Delle“ gesprochen, die man einigermaßen unbeschadet überstehen müsse. Im Spätsommer schlug dann aber bereits der Hildesheimer Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall Alarm. Ihre Befürchtung damals: Bosch wolle sein Hildesheimer Werk bis Ende 2027 möglicherweise komplett schließen.

Sollte es diese Überlegung wirklich gegeben haben, ist sie zumindest derzeit wieder vom Tisch. Auf dem Tisch liegen hingegen Pläne für den Abbau Hunderter Stellen – und das sogar noch schneller als von der Arbeitnehmer-Vertretung befürchtet. Der Standort müsse „intensiv an seiner Wettbewerbsfähigkeit und Flexibilität arbeiten“, drängt die Bosch-Zentrale in Stuttgart. Der Markt verlange „massive Fortschritte bei Kosten und Geschwindigkeit“. Ein Stellenabbau lasse sich „nicht vermeiden“, um den Bestand des Werks an sich zu sichern. Zugleich betonte eine Bosch-Sprecherin: „Unsere Überzeugung ist, dass ein Werk mit einer kleineren Besetzung und einem hohen Maß an Fertigungskompetenz ein erfolgreiches Konzept darstellen kann.“

Betriebsrat ist skeptisch

Auch im Bosch-Geschäftsbereich Cross Domain Computing Solutions (früher Bosch Car Multimedia) ist ein weltweiter Stellenabbau geplant. Auch dieser betrifft Hildesheim – allerdings nach Angaben des Unternehmens in weit geringerem Maße als die Kürzungspläne für das Werk.

Stefan Störmer, Betriebsratsvorsitzender im Hildesheimer Bosch-Werk, zeigte sich in einer ersten Reaktion sehr skeptisch, ob die Vorstellungen des Unternehmens sich tatsächlich so umsetzen lassen würden. Er verweist auf den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis Ende 2027. Wolle Bosch schon ein Jahr früher 600 Stellen abgebaut haben, gehe das nur über eine Regelung mit der Arbeitnehmer-Vertretung und sehr viel Freiwilligkeit seitens der Beschäftigten.

Lies: Nicht zu akzeptieren

Der Betriebsrat habe aber keinerlei Interesse daran, „möglichst viele Kolleginnen und Kollegen für Vorruhestand oder Abfindungen zu begeistern“. Vielmehr gehe es ihm darum, das Werk und alle Arbeitsplätze dort zu erhalten. Schließlich habe der Hildesheimer Bosch-Standort „die Transformation schon hinter sich“ und sei mit der Umstellung auf E-Mobilität „bereits bei einem Zukunftsprodukt angekommen“.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) sprach in einer ersten Reaktion von einem „herben Schlag für die Belegschaft und die Region“ und erklärte: „Ich bin nicht bereit, das so zu akzeptieren.“ Vor allem habe er die klare Erwartung an die Bosch-Geschäftsführung, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen gibt.

Minister sieht Licht am Horizont

Lies gesteht Bosch zu, dass sich die deutsche Automobilindustrie „in einem äußerst schwierigen Umfeld befindet“. Er blicke deshalb „mit Sorge nach Berlin“. Vom Bund erhofft sich der Minister nach eigenem Bekunden zum Beispiel neue Anreize zum Kauf von Elektroautos sowie Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise.

Zugleich betont er aber, bei allen Problemen gebe es derzeit auch hoffnungsvolle Signale. So würden die Autos auf Deutschlands Straßen im Schnitt immer älter, weshalb bei vielen Menschen der Kauf neuerer Fahrzeuge anstehe. Auch würden Batterien immer günstiger. „Neue, bezahlbare E-Auto-Modelle werden bald verfügbar sein“, ist Lies überzeugt.

Warnung vor Knowhow-Verlust

Vor diesem Hintergrund dürfte der geplante Personalabbau bei Bosch „keine Einbahnstraße sein“, so der Minister weiter. „Die nun eingeleiteten Maßnahmen müssen wieder zurückgedreht werden, wenn der Absatz von E-Autos anzieht.“ Schließlich sei Bosch Hildesheim im Konzern bisher als das Leitwerk für E-Auto-Motoren bezeichnet worden. Lies mahnte zudem: „Jeder Arbeitsplatz, jede Produktionskapazität und alles damit verbundene Knowhow, das jetzt abgebaut wird, ist unwiederbringlich verloren.“ Deutschland brauche all das aber, wenn der Markt wieder anziehe.

Die Gewerkschaft IG Metall reagierte am Freitag mit Unverständnis auf die Bosch-Pläne. Derzeit würden mehrmals pro Woche befristete Verträge verlängert, um genug Beschäftigte an den derzeit noch ausgelasteten Produktionslinien für Daimler und Porsche zu haben, sagte die Erste Bevollmächtigte Karoline Kleinschmidt der HAZ.

Zweifel an kleinerem Werk

Ohnehin könne sie die Abbaupläne nicht nachvollziehen: „Bosch hat in den vergangenen Jahren in Hildesheim wirklich stark in das Thema Elektromobilität investiert und Personal dafür aufgebaut“, sagt sie. Umso weniger könne sie nachvollziehen, dass das Werk Bosch-intern offenbar keine Aufträge mehr zugewiesen bekomme. Dieser Aspekt wiederum lasse sie auch zweifeln, ob ein kleineres Werk in Hildesheim, wie von Bosch avisiert, erfolgreich arbeiten könne: „Es fehlen ja trotzdem die Aufträge ab 2027! Ich frage mich, wie das funktionieren soll!“

Meyer: „Darf so nicht bleiben“

Hildesheims Oberbürgermeister Ingo Meyer sprach auf HAZ-Anfrage von einem „bitteren Tag für die Beschäftigten, ihre Familien und die gesamte Region“. Würde Bosch seine Pläne vollumfänglich umsetzen, würde das Hildesheimer Werk um mehr als die Hälfte schrumpfen. „Das darf so nicht bleiben“, fordert der Oberbürgermeister. Er hoffe, dass es der Arbeitnehmerseite in den anstehenden Verhandlungen gelinge, noch eine deutliche Verbesserung herbeizuführen. dabei sei auch klar, „dass der Druck so groß ist, dass man es auch nicht einfach wie bisher weiterlaufen lassen kann“.

Meyer betonte, er sei in stetigem Austausch mit der Bosch-Geschäftsleitung und dem Betriebsrat in Hildesheim. Er wolle das Unternehmen auch weiterhin darauf hinweisen, welche Bedeutung Bosch für Hildesheim habe.


Kommentar: Die Pläne sind heftig – doch es gibt Raum für Verhandlungen

Hildesheim - Bosch hat in den vergangenen Jahren wieder stärker auf Hildesheim gesetzt, enorme Summen investiert, neue Stellen geschaffen – um beim Thema E-Mobilität vorn dabei zu sein. Doch die kommt nicht so ins Rollen wie erhofft, und nun schlägt bei dem Unternehmen das Pendel in die andere Richtung aus: Radikaler Stellenabbau – und offenbar wenig Optimismus für die Zukunft. Das ist bitter. Und womöglich etwas kurzsichtig, denn noch immer spricht viel dafür, dass die Elektromobilität langfristig zur dominierenden Antriebsart wird.

Eher eine Maximalforderung

Wenn es aus Hildesheimer Sicht einen positiven Aspekt gibt: Die 600 Stellen bis Ende 2026 sind offenbar eher als Maximalforderung zu verstehen, mit der Bosch in die Verhandlungen mit der Arbeitnehmerseite geht. Schließlich sind betriebsbedingte Kündigungen erst in gut drei Jahren überhaupt möglich. Beide Seiten sollten die Zeit nutzen, sich nachhaltigere Lösungen zu überlegen. Auch, damit sich Boschs Investitionen in Hildesheim doch noch irgendwann für die Firma auszahlen.

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