Rechtsextremismus

Rechtes Frauennetzwerk wirbt in Hildesheim: Extremismus-Expertin im Interview über Hintergründe und Verbindungen zur AfD

Hildesheim - Zahlreiche junge Frauen inszenieren sich in den sozialen Medien als heimatliebende Patriotinnen und propagieren massenhafte Abschiebungen von Migranten. Bei Treffen vor Ort wollen sich Aktivistinnen vernetzen – auch in Hildesheim.

Auf Instagram inszenieren sich junge Frauen für das rechtsextreme Frauennetzwerk Lukreta als heimatliebende Patriotinnen – für den 14. März haben sie ein Netzwerktreffen in Hildesheim angekündigt, um Mitstreiterinnen zu gewinnen. Foto: Jan Fuhrhop

Hildesheim - Auf zahlreichen Social-Media-Accounts inszenieren sich junge Frauen als heimatliebende Patriotinnen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als ein Leben als Mutter und Hausfrau – und massenhafte Abschiebungen von Migranten. „Echte Frauen sind rechts“, lautet ein Slogan auf dem Instagram-Kanal der Gruppe Lukreta, die für Samstag, 14. März, ein Treffen in Hildesheim ankündigt, um „Gleichgesinnte zu vernetzen“. Zur weiblichen Inszenierung in der rechtsextremen Szene und Verbindungen zur AfD hat diese Zeitung die Sozialwissenschaftlerin Dr. Juliane Lang von der Universität Gießen befragt.

Frau Lang, welche Rolle spielen Frauen heute in der rechtsextremen Szene in Deutschland – und hat sich ihre Bedeutung in den vergangenen Jahren strategisch verändert?

Frauen waren zu allen Zeitpunkten aktiv im deutschen Rechtsextremismus; sie beteiligten sich sichtbar, etwa indem sie für Parteiposten kandidierten oder Reden auf Versammlungen hielten. Viele Frauen beteiligten sich weniger sichtbar in der zweiten Reihe, bereiteten Parteiveranstaltungen vor und hielten Männern an ihrer Seite den Rücken frei. Einige von ihnen gründeten seit den 1990er-Jahren vermehrt rechtsextreme Frauengruppen und sogenannte Mädelkameradschaften. Ein Teil dieser Gruppierungen verfolgte das Ziel, Frauen für die Übernahme politischer Positionen zu schulen. Auch wenn heute keine der Gruppierungen mehr aktiv ist, können wir beobachten, dass mehr Frauen heute sichtbare Posten im Rechtsextremismus bekleiden. Die Szene als solche hat sich diesbezüglich geöffnet, aber auch die Frauen selbst treten mit einem anderen Selbstverständnis auf, als es frühere Generationen rechter Frauen taten: Die extreme Rechte kann es sich schlichtweg nicht mehr leisten, auf aktive Frauen in den eigenen Reihen zu verzichten.

Es häufen sich Social-Media-Profile junger Frauen, die sich darin offen zum Rechtskonservatismus oder auch zu extremeren politischen Positionen bekennen. Haben sie sich früher nicht getraut, sich zu bekennen, oder sind es inzwischen wirklich mehr Frauen, die so ticken, als noch vor einigen Jahren?

Die sozialen Medien dienen der Inszenierung und geben jungen Frauen hier eine Möglichkeit, sich selbst auszuprobieren. Kehrseite der Medaille: Das, was zuvor an anderen offline Orten stattfand, ist jetzt für alle Welt sichtbar. Allein hieraus eine Zunahme rechter Positionen abzuleiten, halte ich für fragwürdig. Die extreme Rechte hat es vermutlich früher als andere politische Akteure geschafft, die sozialen Medien als Ort politischer Sozialisierung für die eigene Mobilisierung zu nutzen – und so finden wir heute eine Vielzahl rechter Aktivistinnen, die über die sozialen Medien rechtsextreme Inhalte verbreiten. Nicht wenige verbinden das mit einer spezifisch weiblichen Inszenierung.

Für den 14. März hat die Gruppierung Lukreta ein Vernetzungstreffen in Hildesheim angekündigt. Auf ihrem Instagram-Profil wird Lukreta als „unabhängige Initiative für Frauen, die sich gegen die Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Raum und für Frauenrechte einsetzt“ beschrieben. Im Mittelpunkt stünden „traditionelle Familienwerte und die zentrale Rolle der Frau als liebende Mutter“. Klingt auf den ersten Blick sehr konservativ, aber nicht extrem. Wie sind die Frauen hinter Lukreta einzuordnen, was treibt sie an?

Lukreta ist eine der wenigen extrem rechten Frauengruppen, die es heute noch gibt – und die ihre Präsenz in den sozialen Medien zur Inszenierung wie auch Mobilisierung von Anhängerinnen nutzen. Die Gruppierung gründete sich im Kontext der Debatten um die sexualisierten Übergriffe in der Silvesternacht vor zehn Jahren in Köln. Sie besetzte von Beginn an das Thema „Frauenrechte“ von rechts, indem sie die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum in Verbindung mit dem Thema Migration setzte. So ignorierten sie lange frauenpolitische Anliegen wie den alltäglichen Sexismus oder das Thema häusliche Gewalt und fokussierten sich auf Gewalttaten migrantischer Männer.

Inwiefern unterscheidet sich die Radikalisierung junger Frauen von der junger Männer – sowohl ideologisch als auch organisatorisch?

Radikalisierungsprozesse verlaufen nicht einspurig. Zunächst lässt sich aus Sicht der Forschung sagen: Die Suche nach Zugehörigkeit, nach Action, nach politischer Betätigung bringt Frauen wie Männer dazu, sich rechten Zusammenhängen anzuschließen. Die Frage, ob junge Frauen sich etwa aufgrund der geschlechterpolitischen Agenda rechter Parteien diesen anschließen oder diesen zum Trotz, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wir finden sowohl jene, für welche die geschlechterkonservativen bis frauenfeindlichen Positionen Antrieb ihrer politischen Radikalisierung sind, als auch jene, die solche Positionen in Kauf nehmen, weil es andere politische Motive sind, die ihre Hinwendung in rechte Gruppierungen befeuern. Aus Einstellungsuntersuchungen wissen wir: Frauen vertreten nicht weniger rassistische oder völkisch-nationalistische Positionen als Männer, und dem verleihen sie mit ihrer Hinwendung in rechte Gruppierungen Ausdruck.

Welche Verbindungen gibt es zwischen Lukreta-Aktivistinnen und der AfD sowie rechtsextremen Gruppen wie den Identitären?

Einige der prominenten Aktivistinnen von Lukreta waren zuvor in der Identitären Bewegung aktiv – der Schritt hin zu Lukreta entsprach einer Verlagerung der eigenen politischen Aktivitäten in den vorpolitischen Bereich. Eine Doppelmitgliedschaft zwischen Lukreta und der AfD fällt nicht unter die Nichtvereinbarkeit – und Aktivistinnen betreiben aktiv Wahlkampf für die AfD.

Es gibt auch in anderen Ländern ähnliche Frauen-Netzwerke wie Lukreta. Welche Erkenntnisse gibt es über eine internationale Kooperation in der Szene?

Lukreta und andere Gruppen aus dem Netzwerk der ehemals Identitären Bewegung sind stark bemüht um die internationale Vernetzung mit rechten Gruppierungen in Europa und den USA. Regelmäßig nehmen sie an internationalen Vernetzungstreffen teil.

Im Landkreis Hildesheim ist Shaleen Fuller bei der AfD aktiv, eine Influencerin, die allein auf Instagram fast 30.000 Follower hat und damit in etwa so viele wie der Lukreta-Kanal, dem sie auch folgt. Auf einer Fotomontage zeigt sie sich in einer Kapitänsuniform am Steuer eines Schiffes, hinter ihr sind Männer zu sehen, die Geflüchtete darstellen sollen; überschrieben ist das Bild mit den Worten „Unterwegs Richtung Heimat“. Auf einem anderen Bild hält sie einen Flyer mit der Aufschrift „All I want for Christmas is Remigration“ hoch. Welche Rolle spielen Ihrer Einschätzung nach die AfD und deren weibliche Mitglieder im Zusammenhang mit den immer offensiver auftretenden Frauen in der rechten und rechtsextremen Szene?

Die AfD hat, anders als etwa die Partei „Die Heimat“, früher NPD, keine offiziell von der Partei anerkannte Frauenorganisation. Und dennoch gilt etwa die Parteivorsitzende Alice Weidel als Vorbild für junge Frauen, sich rechtspolitisch zu engagieren. Die Sichtbarkeit rechter Frauen in Führungspositionen der AfD, aber auch weiterer europäischer Rechtsparteien, ermuntert junge Frauen. Zugleich wissen wir von ehemaligen Mitgliedern der Partei, dass weibliche Parteimitglieder innerhalb der Partei auch schnell zurückgepfiffen werden – und somit die Anzahl von Frauen auf den Wahlplakaten nicht gleichzusetzen ist mit der eingeschränkten politischen Mitsprache innerhalb der Partei.

Shaleen Fuller hat vor Kurzem Autogrammkarten drucken lassen und davon Bilder gepostet. Der Slogan unter einem Porträtfoto: „Raus aus dem Feminismus, zurück zu Weiblichkeit & Kraft!“ Ist Feminismus in der Szene ein Schimpfwort?

Ja! Und es ist Teil einer antifeministischen Strategie der extremen Rechten, zu behaupten, der Feminismus würde den “wahren“ Anliegen von Frauen zuwiderlaufen. Rechte Frauen, so sagen sie selbst, können dies authentischer, insbesondere gegenüber anderen Frauen, vertreten, als es Männer können. Und somit entsteht für junge Frauen ein Feld politischer Betätigung, das diese nutzen.


Zur Person

Dr. Juliane Lang (41) ist Sozialwissenschaftlerin und forscht an der Universität Gießen zu Rechtsextremismus und Geschlechterpolitiken. Lang hat Geschlechterforschung in Berlin und Buenos Aires studiert und in Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln promoviert. Zuletzt erschien von ihr die Monografie „Rechtsextremismus und Geschlecht im Wandel“ (2025, Springer-Verlag). Aktuell forscht sie im Forschungsverbund GERDEA zu „Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen und der zeitgenössischen extremen Rechten.“

  • Hildesheim
  • Hildesheim