Kolumne Gefundenes Fressen

Reisen bildet – oder bilden wir uns das etwa nur ein?

Hildesheim - Wer klug werden will, muss die Welt sehen! Reisen bildet, das weiß jedes Kind, das weiß auch HAZ-Kolumnistin Kathi Flau. Aber wieso haben dann einige überaus kluge Menschen noch nie oder zumindest nie freiwillig ihre Koffer gepackt?

Die Kolumne Gefundenes Fressen erscheint jeden Montag in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung. Foto: HAZ

Hildesheim - Im Sommer gehen viele von uns auf Reisen. Was gut ist, denn Reisen bildet, wie jedes Kind weiß, es übt uns in Toleranz, Nervenstärke, Kulturverständnis und noch mehr Toleranz. Endlich haben wir Aji de Gallina probiert, die Akropolis gesehen, auf Kroatisch ein Eis bestellt und uns als ziemliche Nullen auf dem Surfbrett erwiesen. Wenn das nix is!

Doch es finden sich vermehrt Leute, die das Gegenteil behaupten, die nämlich sagen: „Wir behaupten das Gegenteil! Reisen macht nicht klüger! Das hätten wir zwar alle gern, aber in Wahrheit wollen wir am Ziel unserer Reise gar nichts Neues erfahren, sondern wünschen dort alles so vorzufinden, wie wir es uns zuvor ausgemalt haben.“ Den Pool wie im Katalog, den Grand Canyon im amtlichen Sonnenuntergang, die Einheimischen der deutschen Sprache mächtig und superlieb, auch zu denen unter uns, die morgens um zehn an der Hotelbar aggressiv „Bier!“nuscheln. Solche Erfüllung finden wir auf Reisen nicht zu viel verlangt, dafür haben wir schließlich bezahlt, das wurde uns versprochen, also her damit!

Die Touristen, das sind immer die anderen

Natürlich gibt es auch Reisen, die statt All-inclusive und eingezäuntem Ressortauslauf tatsächlich die Nähe zu Land und Leuten bieten – und mit Tourismus nichts zu tun haben wollen. Touristen, das sind die anderen, die, die sich hinterher ein Hardrockcafé-Shirt kaufen oder eine Schneekugel vom Eiffelturm, baaah! Doch auch vermeintliche Nicht-Touristen, so schreibt etwa die Philosophin Agnes Callard, kehren selten wirklich verändert von ihren Touren zurück. Weil es nur noch um das Aufsaugen alles Fremden geht und nicht mehr darum, was man selbst mag und sehen will. Ohne mindestens drei Einheimische am Tisch schmeckt’s nicht. Oder isst man hier gar nicht an Tischen, sondern auf dem Boden? Ja, dann runter von den Stühlen, hopphopp, dann muss sich die Kniescheibe eben mal zusammenreißen.

Und deshalb ist das alles nicht so einfach, das mit dem Urlaub und der Bildung. Der britische Gelehrte Samuel Johnson schrieb im 18. Jahrhundert: „Was ich von meiner Reise nach Frankreich gelernt habe, ist, zufriedener mit meinem eigenen Land zu sein.“ Na also. Vielleicht reicht’s ja sogar, wenn der Tapetenwechsel einfach nur Spaß macht, das Eis in Kroatien, die Akropolis, das Surfen eher nicht so.

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