Bockenem - Der bisher bei weitem größte Wärmespeicher im Landkreis Hildesheim soll den Gasbedarf des Bockenemer Automobil-Zulieferers Meteor deutlich verringern. Die Bioenergie Ambergau GmbH errichtet am Nordende des Werksgeländes einen 18 Meter hohen Silo mit einem Durchmesser von 13 Metern. Darin sollen 2000 Kubikmeter Wasser mit der Abwärme von der nahen Biogasanlage erhitzt werden. „Wir gehen davon aus, dass wir damit unsere Heizungen auf dem gesamten Areal, in allen Hallen und Büros betreiben können“, sagt Meteor-Geschäftsführer Christian Schneider. Meteor brauche dann ein Drittel weniger Erdgas als bislang. Das Gas für die Produktion müsse aber weiter aus dem Netz kommen.
Für den Betreiber der Biogasanlage wiederum ist der Neubau bei Meteor Teil eines groß angelegten Gesamtkonzeptes, um künftig die komplette Wärme, die bei der Stromproduktion in der Biogasanlage entsteht, zu nutzen. „Wir produzieren Strom, wenn er gebraucht wird, und speichern Wärme für den Zeitpunkt, an dem sie gebraucht wird – und alles basiert auf Rohstoffen aus der Region“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Bioenergie Ambergau, Andreas Lindenberg. Insgesamt investiere das Unternehmen gut 2,6 Millionen Euro.
Viel größer als in Hildesheim
Schon seit dem Jahr 2013 versorgt die Bioenergie Ambergau Meteor mit Wärme – allerdings nur in vergleichsweise geringem Maßstab. Der bestehende Silo ist acht Meter hoch und hat eine Kapazität von 36 Kubikmetern. Der geplante Neubau soll hingegen 2000 Kubikmeter fassen – also bis zu 2 Millionen Liter. Zum Vergleich: Der Wärmespeicher der EVI Energieversorgung Hildesheim in Drispenstedt, der dort Dutzende Wohneinheiten mit Wärme versorgt, hat ein Fassungsvermögen von 240 Kubikmetern.
Die ersten Gespräche zwischen Meteor und der Bioenergie Ambergau über das aktuelle Großprojekt gab es vor gut einem Jahr. Zu einem Zeitpunkt also, als eine mögliche Gasknappheit, gar eine drohende Abschaltung der Versorgung für das Werk überhaupt kein Thema war. „Es ging damals in erster Linie um die Reduzierung des CO2-Ausstoßes“, erinnert sich Lindenberg. Und Schneider bestätigt: „Ein wesentlicher Aspekt war neben einer kostengünstigeren Versorgung auch ein geringerer Bedarf an CO2-Zertifikaten.“
Start im nächsten Jahr geplant
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar, den daraus folgenden Sanktionen des Westens gegen Russland und wegen der Sorge, der Kreml könne Deutschland den Gashahn zudrehen, hat das Wärme-Abkommen eine ganz neue Aktualität bekommen. Wie viel Erdgas genau Meteor durch den neuen Wärmespeicher ersetzen kann, sagte Schneider zwar nicht. Die Heizung von Hallen und Büros mache aber grob ein Drittel des Gesamtbedarfs aus. Andreas Lindenberg hat errechnet, dass für die Bereitstellung der Wärme, die künftig der Speicher liefert, ansonsten beispielsweise 450.000 Liter Heizöl nötig wären.
Für die Nutzung in der Produktion ist die Reinheit des Biogases aktuell nicht ausreichend.
Den Gasbedarf für die Produktion selbst kann die Biogasanlage allerdings nicht decken. Selbst wenn Lindenbergs Unternehmen das Gas zum Teil liefern statt für die Stromerzeugung verbrennen würde, könnte Meteor es nicht nutzen. „Die Reinheit ist so nicht ausreichend“, erklärt Geschäftsführer Schneider. Die Produktion bleibe auf Erdgas angewiesen. Wenn allerdings „jede Kilowattstunde zählt“, wie Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck gesagt hat, bringt das Bockenemer Projekt gleichwohl eine ganze Menge. Auch wenn der Speicher erst ab Ende Februar oder Anfang März nächsten Jahres Wärme liefern kann, wie Lindenberg prognostiziert.
Größte Biogasanlage im Kreis
Aktuell warte die Bioenergie Ambergau auf die Baugenehmigung, diese werde für August erwartet. Rege Bautätigkeit herrscht auf dem Meteor-Gelände allerdings schon jetzt. Insgesamt rund zwei Kilometer Leitungen werden verlegt, von der Biogasanlage zum Speicher-Standort und – zur Verteilung – auch unter dem Werksgelände. „Im voll laufenden Betrieb“, wie Lindenberg betont. Denn wenn das Okay da ist, soll der Speicher-Bau zügig starten. Ebenfalls beantragt ist eine Baugenehmigung für ein großes Blockheizkraftwerk, das eventuellen zusätzlichen Wärmebedarf decken soll – anders als beim Speicher soll dieser Bau aber nicht sofort beginnen.
„Wir produzieren saubere Energie mit rohstoffen aus der Umgebung und sind extrem effizient.“ Andreas Lindenberg, geschäftsführender Gesellschafter der Bioenergie Ambergau
Für die Bioenergie Ambergau ist Meteor in Sachen Wärme der bei weitem größte, aber längts nicht der einzige Kunde, wie der geschäftsführende Gesellschafter erläutert. Denn die 2011 fertiggestellte Biogasanlage ist die größte Anlage dieser Art im Kreisgebiet, produziert 14 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr – rechnerisch genug für gut 3500 Einfamilienhäuser. „Und zwar komplett aus Rohstoffen aus Niedersachsen, viel davon aus der unmittelbaren Umgebung“, wie Lindenberg betont.
Strom und Wärme nach Bedarf
Mit dem Bau einhergegangen sei von Anfang an ein Konzept für die Nutzung der entstehenden Wärme. 60 Wohneinheiten in Bockenem werden damit versorgt, zudem die Firma Betonbau und eben Meteor. „Bisher werden 70 Prozent unserer Wärme genutzt, das ist bereits ein sehr guter Wert – mit dem neuen Speicher werden es 100 Prozent sein“, kündigt Lindenberg an. Zumal auf dem Areal der Biogasanlage selbst noch ein weiterer Wärmespeicher entsteht, der mit 500 Kubikmetern Fassungsvermögen ein Viertel so groß wie der Meteor-Speicher, aber immer noch doppelt so groß wie die EVI-Anlage in Drispenstedt ausfallen soll.
Die Biogasanlage produziert ihren Strom allerdings nicht kontinuierlich, sondern gesteuert durch die Strombörse, erläutert der geschäftsführende Gesellschafter. Das heißt: Das Kleinkraftwerk bei Bockenem speist dann Strom ins Netz ein, wenn besonders viel gebraucht wird, hilft also, sogenannte Verbrauchsspitzen abzudecken: „Morgens und abends mehr als mittags, an Wochentagen mehr als am Wochenende“, wie Lindenberg erklärt. Die dabei anfallende Wärme wiederum werde gespeichert, um ebenfalls dann zur Verfügung zu stehen, wenn der Bedarf besonders groß ist – zum Beispiel im Winter.
Biogas direkt ins Netz?
„Solche Gesamtkonzepte sind genau das, was für für die Energiewende und für eine größere Unabhängigkeit brauchen“, sagt der Ingenieur, der im Kreis Hildesheim explizit die Bioenergie Bünte aus Wesseln hervorhebt: „Die haben auch ein sehr gutes Wärmekonzept.“
Ist es angesichts drohender Gasknappheit nicht auch ein Thema, Biogas nicht mehr zu verstromen, sondern ins Gasnetz einzuspeisen, wie es an der Giesener Biogasanlage geschieht? „Dazu müsste man in die Aufbereitung des Gases investieren, um die nötige Qualität zu erreichen“, sagt Lindenberg. „Bis vor kurzem wären wir da wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig gewesen, durch die massiven Preisanstiege zuletzt wären wir das plötzlich.“ Also diskutierten die acht Ambergau-Gesellschafter das Thema. Er glaube aber, dass dies vor allem für Biogasanlagen eine Option und dann auch für die gesamte Energieversorgung sinnvoll sei, deren Betreiber ihre Wärme nicht so gut vermarkten können wie sein Unternehmen.
Million für die Mischerei
Bei Meteor sind die Verantwortlichen jedenfalls heilfroh, dass der Wärmespeicher schon kurz vor dem Baustart steht und die Überlegungen dazu nicht erst nach dem Beginn des Krieges aufgekommen waren. „Das ist in fast jedem Kundengespräch Thema: Wie sind eure Notfallpläne, wie bereitet ihr euch vor, wie sichert ihr eure Produktion?“, berichtet Geschäftsführer Schneider. Auf den Wärmespeicher verweisen zu können, sei da sehr hilfreich. Hinzu kommt: Zwar steigt auch der Preis für die Biogas-Wärme – sie bleibt aber günstiger als Heizgas.
Schließlich investiert auch Meteor selbst weiter. Aktuell steckt der Dichtungs-Hersteller, der zu Jahresbeginn eine große neue Logistikhalle in Betrieb genommen hat, rund eine Million Euro in die Digitalisierung seiner Mischerei. „Das ist ein Herzstück nicht nur für das Bockenemer Werk, sondern für unsere Standorte in ganz Europa, die von hier beliefert werden“, betont Schneider. Alle diese Entwicklungen zeigten, wie ernst es Meteor damit sei, langfristig und massiv auf den Standort Bockenem zu setzen.


