Limmer - Der Garten ist völlig verwildert, durch hohes Gras und dichtes Gestrüpp erreicht man nur mühsam einen Eingang. In das dem schleichenden Verfall ausgesetzten Herrenhaus von anno 1726. Es ist das Herzstück eines 37.000 Quadratmeter großen Ritterguts in Limmer bei Alfeld. Stadtheimatpfleger Matthias Quintel führt eine Gruppe an, um Blicke hinter die Mauern dieses Orts zu ermöglichen, der einen morbiden Charme versprüht.
Seit etwa zehn Jahren steht das Haus leer. Zuletzt wohnte Graf Liborius von Wrisberg hier, auch seine Partnerin Francine. Der Graf verstarb unter ungeklärten Umständen, seine Frau ging zurück nach Frankreich, erklärt Ortsbürgermeister Thomas Probst, der an der Besichtigung teilnimmt.
Verstaubte Gewölbe
Erste Blicke in den verwinkelten Keller. Der geht auf die Ursprünge des Ritterguts zurück, die man etwa bis 1350 zurückverfolgen kann. Die Gewölbe sind völlig verstaubt, es ist kühl, viele Spinnweben hängen herab.
Hier stößt man auf verrottete Holzregale voller alter Leitz-Ordner mit landwirtschaftlichen Unterlagen. Die zeugen von der Nutzung des Guts, das vorübergehend auch Mädchenpensionat war.
In einem beschädigten Holzschrank stehen reihenweise leere Obstgläser. Jahrzehntealte Behälter. „Die waren zum Einmachen“, sagt Kreisheimatpflegerin Paloma Klages, die sich in der Gruppe ebenfalls ein Bild vom Inneren des Hauses macht.
Wie auf einer Zeitreise
Man fühlt sich wie auf einer Zeitreise. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort. 1625 schmiedeten die kaiserlichen Feldherren Johann Graf von Tilly und Herzog Albrecht von Wallenstein hier Pläne während des 30-jährigen Krieges – und drangsalierten die nahe Stadt Alfeld mit finanziellem Tribut, Grausamkeiten und Plünderung.
Düsternis atmet das Herrenhaus bis heute. Über Holztreppen geht es immer höher in die Stockwerke des Anwesens mit seinen mehr als 20 Zimmern. Kleine und große sind es.
Und immer wieder begegnet einem dabei das verblasste Mint, in das weite Teile des Gebäudes getaucht sind. „Die Lieblingsfarbe der Gräfin Francine“, sagt Probst. Die Räume sind meist leer, auch vier Badezimmer gibt es. In einem springt eine grüne, muschelförmige Wanne ins Auge.
Im Zimmer nebenan liegt ein Kinoprogramm-Heftchen auf dem Boden. Das Filmkunstheater Lupe 1 am Steintor in Hannover aus dem Jahr 1975 weist auf die schwarze Komödie „Mach’s noch einmal, Sam“ mit Woody Allen hin, die vier Jahre zuvor entstand.
Es gibt keine Möbel in den Zimmern mehr, manchmal aber stößt man auf intakte Spiegel. An vielen Stellen hängen alte Zettel herum, mit Warnungen, beim Betreten der Räume vorsichtig zu sein. Die wurden vor einigen Jahren mit Klebeband an den Türen befestigt, als Interessenten vor einer Versteigerung das Haus besichtigten.
Völliger Verfall wäre „Frevel“
Für knapp 400.000 Euro wurde das Rittergut mitsamt dem 1740 Quadratmeter großen Herrensitz und sechs Wirtschaftsgebäuden versteigert. Seither ist das Gebäude, das bis heute von außen eine gewisse Eleganz hat, ungenutzt. Doch aufwändige Sanierungen und eine Renovierung sind unausweichlich. Sonst verschwindet das Wahrzeichen. Ein völliger Verfall wäre „Frevel“, betont Heimatpfleger Quintel.
Der lotst die Gruppe immer weiter durch die verzweigten Räume, in denen ein alter Ofen auffällt, dazu teilweise abgekratzte mintgrüne Tapete: Ein dunkelgraues Blumenmuster kommt zum Vorschein. An einer Wand stößt man plötzlich auf ein buntes, französisches Plakat, das auf eine Antiquitäten-Austellung hinweist.
Die Luft steht
Über knarrende Treppen geht es weiter bis ins Dachgeschoss. In dem steht die Luft geradezu. Die Sonne blinzelt durch die Ritzen des Dachstuhls. Hier gibt es auch eine Räucherkammer. Noch immer scheint dort der Geruch von Lebensmitteln in die Nase zu kriechen. „Fleisch oder Fisch wurde hier geräuchert“, sagt Kreisheimatpflegerin Klages. Man kann sich hier kaum satt sehen. „Ich bin wirklich beeindruckt“, sagt Ortsbürgermeister Probst. „Nur wenige aus Limmer hatten in all den Jahren in das Haus Zutritt“, fügt er hinzu. Gäste des Hauses oder Handwerker vielleicht. Das Gebäude, wo sich in einem Briefkasten dann und wann immer noch Post an den längst verstorbenen Grafen findet, war lange Jahre nur ein „abgekapselter Ort“, meint Probst.
Auf dem Dachboden steht ein staubiges Sofa, dessen einstige Farbe kaum zu erahnen ist. Es liegen zerfledderte Zeitschriften herum. Eine dagegen recht gut erhaltene Ausgabe des Spiegels aus dem Jahr 1965 findet sich dort auch: „Die neuen Universitäten in Deutschland“ lautet die Überschrift auf dem Titelblatt, auf dem die Uni Bochum zu sehen ist. Daneben ein Exemplar der Frauenzeitschrift Petra, ebenfalls aus dem Jahr 1965. „Mit Sex fängt man Kunden“, lockt ein Anreißer auf dem Titelblatt dieser Zeitschrift die Leser an.
Nun geht es wieder herunter. Über Treppen, deren niedrige Handläufe von der eher kleinen Größe etlicher Menschen vor vielen Jahren im Vergleich zu heute zeugen. Dann Blicke in eine Mietwohnung, die etwa in den 1980er-und 1990er-Jahren bewohnt war. Wenn man von dort aus über eine Treppe in den Garten geht, fällt das alte Fachwerk an einer Seite auf. Dieses ist an vielen anderen Stellen des Gebäudes verputzt. In dem Garten stehen drei leere Garagen. Dort haben die Äste eines großen Baums eine Kinderschaukel umschlungen. Das verwitterte Spielgerät ist nur mit Mühe zu erkennen. „Hier hat früher eine Familie gewohnt“, berichtet Probst.
Der 61-Jährige kennt die Geschichte des Ritterguts, hat sie von Kindesbeinen an miterlebt. „Als Junge bin ich auf einem der zugefrorenen Teiche Schlittschuh gelaufen“, sagt der Mann – und schon braust in der Ferne wieder ein Güterzug vorbei. Typisch für das Gut, das direkt an der vielbefahrenen Bahnlinie durchs Leinetal liegt.
Was zuversichtlich stimmt
Viele Menschen in dem 900-Einwohner-Ort Limmer wünschen sich, dass in das Herrenhaus wieder Leben einzieht. Dass der einst recht schöne Garten wieder gepflegt und das Gelände intensiv genutzt wird. Derzeit ist es eher schwer vorstellbar, dass jemand den großen Aufwand treibt, um diesen Ort zu retten. Doch es gibt Hoffnung. Es ist durchaus absehbar, dass das Gut erneut seinen Besitzer wechselt. Der Verein Nutztierarche Swinsgaarn könnte von Capellenhagen nach Limmer ziehen. Jörg Steckelberg und die Tierärztin Jacquelin Schult von dem Verein treiben einen Erwerb voran. Heißt: Das Gut könnte als Ort artgerechter Haltung von Schweinen dienen. Der Verein könnte der Pächter sein. Und Kindergartengruppen oder Schulklassen könnten dort von einer Öffentlichkeitsarbeit profitieren.
„Wir haben uns sofort in das Gut verliebt“, verrät Schult am Telefon. „Wir sind auf Hochtouren am Ball und wollen es in einen besonderen Ort verwandeln“, betont die Veterinärin. Dass dazu auch eine umfangreiche Sanierung des maroden Herrenhauses gehört, ist ihr ganz klar.
Schult gibt sich beseelt, das Projekt noch bis Ende September über die Bühne zu bekommen. „Dazu muss man aber noch viel Behördenkram erledigen“, sagt Heike Haubrock, die mit Heinrich Thielke die Nutztierarche auf dem Bauernhof seit fast 20 Jahren in Capellenhagen betreibt. Ein Tiny House, also ein Mini-Wohnhaus für sie und auch ein Hofladen waren schon im Gespräch. Überraschende Pläne für eine Umgebung, die unwiederbringlich in sich versunken erscheint.
Die Limmeraner wären erleichtert, wenn tatsächlich das Rittergut, dieser „Leuchtturm“, wie es der ortansässige Heimatpfleger Quintel ausdrückt, einer guten Zukunft entgegengehen würde. Derzeit sieht es überhaupt nicht danach aus. Verlassen, verloren, verwittert, verfallen – so wirkt die Atmosphäre ringsum und in dem Herrenhaus. Die große Wende zu einer neuen, positiven Ära? Dieser Gedanke fühlt sich im Moment nicht ganz so realistisch an.
Hinweis in eigener Sache: Lost Places dürfen nicht einfach so von jedem besucht werden. Das unerlaubte Betreten von fremdem Eigentum stellt den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs dar. Wir weisen an dieser Stelle deshalb explizit auf die geltenden Gesetze hin. Für die Lost Places, die wir auf unserer Webseite vorstellen, hatten wir uns im Voraus das Einverständnis der jeweiligen Eigentümer eingeholt, für die Berichterstattung die Grundstücke und Gebäude betreten zu dürfen.







