Sarstedt - Giacomo hält ganz still. Als wisse er ganz genau, dass seine Zeit noch kommt, gibt der zwölf Wochen alte Säugling keinen Mucks von sich. und lässt die vierte Generation reden. Seine Mutter Louisa Wiedemann, 27 Jahre alt, teilt sich inzwischen mit ihrer Mutter Barbara die Rolle der Eigentümerin in der Geschäftsführung des Sarstedter Sanitär-Großhandels. Im fließenden Übergang soll sie ihre Mutter, die seit 42 Jahren an der Spitze des Unternehmens steht, ablösen. Und damit den Fortbestand der erfolgreichen, in den vergangenen Jahren kräftig gewachsenen Firmengruppe auf Jahrzehnte sichern.
Vom Azubi zum Geschäftsführer
Dazu soll auch beitragen, dass die Wiedemanns im Jahr 2023 eine Familienstiftung gegründet haben. Sie ist nun offiziell der Gesellschafter. Barbara Wiedemann ist Vorsitzende, Tochter Louisa ihre Stellvertreterin.
„Diese Konstruktion sichert das Unternehmen dauerhaft“, glaubt auch Sebastian Becker, der die Firma kennt wie wohl kaum ein anderer außerhalb der Eigentümerfamilie. Becker hatte 1992 seine Berufsausbildung bei Wiedemann angefangen, ist kontinuierlich aufgestiegen und nun einer der drei Geschäftsführer neben Barbara Wiedemann. Der deutsche Sanitär-Großhandel habe in den vergangenen Jahrzehnten viele Fusionen und Übernahmen erlebt, da sei es klug, sich langfristig aufzustellen.
Barbara Wiedemann musste jung übernehmen
Wiedemann selbst hat bei diesen Veränderungen im Markt kräftig mitgemischt, ist nicht zuletzt durch die Übernahme ähnlicher Betriebe stark gewachsen. 1200 Beschäftigte an 70 Standorten zählt die Firmengruppe inzwischen, rund 230 von ihnen arbeiten in der Zentrale in Sarstedt, die standesgemäß an die Wiedemannstraße 1 als Adresse hat.
Das ist auch eine Reminiszenz an den Firmengründer. Hermann Wiedemann hatte 1945 kurz nach Kriegsende den Mut, jenen Betrieb aus der Taufe zu heben, der die Keimzelle des heute zwischen Ruhrgebiet und polnischer Grenze, zwischen Flensburg und Kassel aktiven Großhandels ist. Sein Sohn und Nachfolger Karl-Heinz Wiedemann starb 1983 bei einem Autounfall. Mit nur 26 Jahren übernahm seinerzeit dessen Tochter Barbara Wiedemann die Führung: „Eine Frau und dann noch so jung – das war damals schon außergewöhnlich“, erinnert sich Louisa Wiedemann.
In Berlin etabliert
Nach der Deutschen Einheit etablierte Barbara Wiedemann ein zweites großes Unternehmen in Burg (Sachsen-Anhalt). 2003 übernahm sie die Firma Walter Wesemeyer in Siek bei Hamburg mit rund 300 Beschäftigten – ein großer Sprung in der Entwicklung der Firmengruppe. „Wiedemann Siek“ heißt die Gesellschaft nun, wie der Name Wiedemann ohnehin bei jeder Übernahme eingesetzt wird.
2018 wagte die Firmengruppe den Sprung nach Berlin, übernahm die Firma Peter Hellmich, 100 Beschäftigte und ein florierendes Geschäft in der Bundeshauptstadt. Der Betrieb heißt nun „Wiedemann Berlin“. In diesem Jahr hat Louisa Wiedemann selbst in Berlin ein kleineres Unternehmen mit 30 Mitarbeitern erworben. Es soll bald in die Gruppe eingefügt werden und ihre Marktposition in der Hauptstadt weiter stärken.
Kritik beim Thema Heizen
Wiedemann sieht sich auch weiterhin als Scharnier zwischen Industrie und Handwerk. „Sozusagen als stiller Held zwischen dem Hersteller, dessen Namen der Kunde kennt, und dem Installateur, den er auch kennt“, sagt Louisa Wiedemann. Sichtbarer Ausdruck dieser Position ist das sogenannte Schlachtefest. Der Name täuscht etwas darüber hinweg, dass es sich vor allem um eine Fachausstellung handelt. Anfang dieses Monats hatte Wiedemann bereits zum 47. Mal dazu eingeladen. Knapp 70 Aussteller folgten der Einladung, rund 1200 geladene Gäste tummelten sich auf dem Firmengelände. „Das ist in ziemlich weitem Umkreis das einzige Angebot dieser Art für Fachhandwerker und andere Branchenakteure, um neueste Entwicklungen kennenzulernen und sich auszutauschen“, sagt Louisa Wiedemann stolz.
Es war nicht zuletzt die Corona-Krise, die der Sarstedter Firmengruppe in bezüglich ihrer Rolle in Branche und Gesellschaft zusätzliches Selbstbewusstsein eingehaucht hat, erinnert sich Becker. „Es wurde klar, dass wir absolut systemrelevant sind.“ Die Produkte, die über Wiedemann zu den Handwerkern und damit schließlich in Wohn- und Gewerbegebäude gelangen, würden schließlich immer benötigt. „Heizen, Lüften und mit Wasser versorgen muss man ein Haus immer“, stellt Becker fest. Und auch ohne Elektrotechnik gehe es nicht.
Das Unternehmen hat daraus den Slogan „Wir machen lebenswerte Gebäude möglich“ entwickelt. Ein großes Thema für Sanitär- und Heizungsbetriebe und damit auch für Wiedemann ist dabei die Energiewende im Bereich Heizen. Die jüngste Entwicklung sieht Sebastian Becker indes kritisch: „Es gab erst einen regelrechten Boom bei Wärmepumpen, dann aufgrund politischen Stillstandes eine Vollbremsung und jetzt eine große Unentschlossenheit bei Hausbesitzern, die investieren wollen und könnten.“ Wobei für ihn außer Zweifel stehe: „Die Zeit von Öl und Gas geht dem Ende zu.“ Dennoch müsse die Politik für mehr Klarheit sorgen, wie der Wandel vonstattengehen solle.
Einstieg des „Nesthäkchens“
Louisa Wiedemann wird sich auch damit in den nächsten Jahren intensiv befassen. Giacomo ist das noch egal, er verschläft die Diskussion ganz gemütlich. Ob er einst die Führungsrolle bei Wiedemann übernimmt, ist längst nicht ausgemacht. Louisa Wiedemann zum Beispiel ist das vierte und jüngste Kind von Barbara Wiedemann – doch während die drei Älteren in anderen Berufen aktiv und erfolgreich sind, stand für das Nesthäkchen „schon mit 13 oder 14“ fest, dass sie ins Unternehmen eintreten will, wie sie sich erinnert. Und natürlich nicht nur eintreten, sondern auch führen. Vielleicht muss man Giacomo noch einmal nach seinen Plänen fragen, wenn er 13 oder 14 ist.

