Hönnersum - Ungebetene Besucher bemerkt er sofort. Ein Blick genügt. „Ist die Tür irgendwie anders verriegelt, dann weiß ich, hier war mal wieder jemand heimlich“, sagt Bilgin Kurt. Er muss es wissen. Denn er wohnt in direkter Nachbarschaft zu dem Hönnersumer Siloturm. Jenes hohe Gebäude in dem 900-Seelen-Ort in der Gemeinde Harsum, das schon von weitem gut sichtbar aus dem Dorf herausragt.
Nicht zur Freude aller. Ein Schandfleck, so heißt es im Ort immer wieder. Wem das Gebäude gehört und vor allem, was damit in Zukunft geschehen soll – dazu kursieren immer wieder die unterschiedlichsten Gerüchte. Doch seit Jahren ist der Turm in einer Art Dornröschenschlaf.
Eine 20 Meter hohe Ruine am nördlichen Dorfrand. Nur der Kirchturm ist hier noch höher. Der graue Putz am Silo ist verwittert, Fensterscheiben sind zerschlagen, Grün wuchert rings um den hohen Turm – ein abgestelltes Schrottauto auf dem Gelände lässt sich kaum noch ausmachen. Am Aufgang türmt sich Müll.
Zwangsversteigert vor Jahren
Wenn es nach Nachbar Bilgin Kurt gegangen wäre, dann sähe es hier heute ganz anders aus. Er wohnt vis-à-vis vom Silo in dem ehemaligen Bahnhofsgebäude und hat den Koloss mit der immer noch gut lesbaren Inschrift Raiffeisen Hauptgenossenschaft Hannover tagtäglich vor Augen. „Ich hätte alles abreißen lassen – sofort.“ Nur deshalb hat er seinerzeit bei einer Zwangsversteigerung vor Jahren mitgeboten. Er wollte das hohe, baufällige Gebäude neben seinem immerhin 5000 Quadratmeter großen Grundstück an der Hönnersumer Nordkante nicht länger haben.
Doch für die meisten recht unerwartet, hatte dann nicht der Hönnersumer, sondern ein anderer den Zuschlag erhalten. „Ein Unternehmer aus Hamburg hat mich schließlich noch überboten, obwohl ich auch schon höher gegangen war. Aber ich hatte ein Limit“, erinnert sich der 55-Jährige. Maximal 7300 Euro wollte er seinerzeit bezahlen. Immerhin musste er noch die Kosten für den Abriss einkalkulieren. „Sicherlich um die 40.000 bis 50.000 Euro.“
Doch der Hönnersumer, der für mehrere Jahre im Dorf mal einen Pizza-Bringdienst betrieben hat, wurde in letzter Sekunde überboten. Sehr knapp. „Denn für 7500 Euro ist das Silo schließlich verkauft worden.“ Der neue und derzeitige Besitzer ist ein Geschäftsmann aus Hamburg, so ergab eine Nachfrage beim Grundbuchamt in Hildesheim. Mehrerer Versuche, mit ihm in Kontakt zu treten, blieben erfolglos.
Gefahr im Verzug
Das könnte sogar einen ganz bestimmten Grund haben. Denn seit rund vier Jahren liegt auf Gebäude und Grundstück in Hönnersum eine Sicherungshypothek. Das bedeutet, wer immer sich für einen Kauf interessiert, muss zunächst knapp 20.000 Euro als Ablöse berappen. Allerdings nicht an den Besitzer aus Hamburg, sondern an den Landkreis Hildesheim. Er musste nämlich einschreiten, als 2019 immer mehr Gefahr in Verzug war.
Im Lauf der Jahre hat sich der alte Turm immer massiver bemerkbar gemacht. Diagnose: Altersschwäche. Vom Dach bröckelte es, faustgroße Stücke aus der Fassade stürzten bei kräftigem Sturm herab, aus den löchrigen Dachrinnen strömte bei starken Regenfällen Wasser in die anliegenden Gärten. Sehr zum Unmut aller aus der umliegenden Nachbarschaft. Seit 2015 hatte sie immer wieder versucht, den Silo-Eigentümer auf die Misere anzusprechen.
Gehandelt hat er nie. „Wir haben den hier ja auch noch nie gesehen“, weiß Anwohner Kurt, der lange die Sportvereinsgaststätte im Nachbardorf Machtsum betrieben hat. Schließlich bestanden er und die anderen Anlieger aus der angrenzenden Spielstraße Unter den Pappeln darauf, dass bei dem alten Lagerturm endlich etwas passieren musste, bevor jemand zu Schaden kommt. Mit Erfolg: Die zuständige Behörde in Hildesheim ließ den 20 Meter hohen Turm nach jahrelangen Beschwerden einrüsten.
Silo-Besitzer nicht greifbar
„Der Landkreis hat das Dach nicht saniert, sondern Sicherungsmaßnahmen veranlasst“, verdeutlicht Birgit Wilken, Sprecherin des Landkreises Hildesheim, auf Nachfrage. Diese seien zur Abwehr einer akuten Gefahr für die Öffentlichkeit notwendig gewesen. Gekostet haben die Bauarbeiten, bei denen das Dach erneuert und Asbest entfernt wurde, rund 20.000 Euro. „Die Maßnahmen gehen zu Lasten des Landkreises, da die Auslagen nicht zurückgeholt werden können“, bestätigt die Sprecherin auf Nachfrage. Das heißt: Also auch für die Behörde ist der Hamburger Silo-Besitzer offensichtlich nicht greifbar. Aus Datenschutzgründen werden keine weiteren Auskünfte gegeben, sagt Wilken. Ganz ähnlich hatte auch schon Uwe Hartmann von der Gemeinde Harsum geantwortet: „In dem Fall kommt noch hinzu, dass noch einige eigentumsrechtlichen Fragen geklärt werden müssen. Wir könnten gerade keinen konkreten Ansprechpartner benennen.“ Ob der Landkreis je die Auslagen – es sind nach Recherchen der HAZ Steuergeld in Höhe von 18.712,56 Euro – zurückbekommt, bleibt fraglich.
So viel an öffentlichen Geldern in das alte Silo investiert zu haben, das empfindet Burkhard Kallmeyer, Ortsbürgermeister in Hönnersum, als „einen echten Schildbürgerstreich“. „Die Hauptgenossenschaft muss sich damals ins Fäustchen gelacht haben, jemanden zu finden, der das Ding kaufte – sonst wären sie nämlich in der Verantwortung geblieben und hätten das Gebäude abreißen lassen müssen.“ Denn alle Pläne, was man aus dem Turm hätte machen können, haben sich bislang immer als Wolkenkuckucksheime entpuppt, so bilanziert der Ortsbürgermeister, der keinen Hehl daraus macht, dass er das marode Silo lieber heute als morgen aus Hönnersum verschwinden lassen möchte.
Baurecht hat Vorrang
Kreative Pläne, wie man den fünfstöckigen Betonbau weiter nutzen könnte, gab es all die Jahre immer wieder: von hochwertigen Eigentumswohnungen mit vier Meter hohen Räumen über einen Busch- und Baumhandel bis zu einer Spielarena oder einem Jugendtreff. Doch immer stand letztlich das Baurecht im Weg: Denn an Ort und Stelle ist in dem Wohngebiet nur eine anderthalbgeschossige Bauweise mit einer Firsthöhe von maximal sechs Metern erlaubt. Zudem ist das Grundstück nicht direkt erschlossen. Für eine mögliche Bebauung wäre ein Wegerecht oder der Verkauf von nachbarlichen Teilflächen erforderlich. Keine einfache Ausgangssituation.
Fest steht, dass das leerstehende Silo im Dorf all die Jahre ein heimlicher Abenteuerspielplatz gewesen ist. Davon berichten immer noch Hönnersumer, die heute längst erwachsen sind. „Ich bin dort als Kind im Turm gewesen – jetzt kann ich das ja ruhig sagen“, gibt Jürgen Sander gerne zu und lacht. Der waschechte Hönnersumer, mittlerweile 60 Jahre alt, ist im Inneren unterwegs gewesen – immer vorsichtig, dass keiner auf den vielen Betontreppen, die ganz hoch hinauf bis unters Dach führen, fällt. „Und vor allem, dass uns niemand bemerkt hat.“ In den 1970er und 1980er Jahren konnte man sogar noch von der anderen Dorfseite zu dem Silo gelangen – ein Areal, das heute längst bebaut ist, so erinnert sich der ehemalige Ratsherr und einstige Grünen-Kandidat bei der Gemeindebürgermeister-Wahl im Jahr 2016.
Ablösesumme und Abriss?
Und auch heute scheint der Turm weiter eine bestimmte Anziehungskraft auszuüben, wie die Eingangstür mit all ihren Veränderungen unschwer verrät. Würde denn Nachbar Bilgin Kurt den ehemaligen Speicher heute immer noch wollen? Der 55-Jährige überlegt. An das Riesending, wie er sagt, hat er sich mittlerweile doch irgendwie gewöhnt. Aber: Mit der Ablösesumme und dem Abriss wäre er ja schnell bei einer Summe von 70.000 Euro. „Das müsste ich mir gut überlegen. Sehr gut sogar.“
Zur Geschichte:
Seit nahezu 50 Jahren hat sich auf dem rund 1000 Quadratmeter großen Grundstück neben dem früheren Bahnhof in Hönnersum (Gemeinde Harsum) nichts mehr getan. Bis in die 1970er-Jahre hatte die Raiffeisen Hauptgenossenschaft Hannover den hohen Speicher als Lager genutzt. Bauern aus den umliegenden Dörfern lieferten dort ihre Getreideernte ab. Ein Teil davon wurde dann am Bahnhof auf Zugwaggons verladen und abtransportiert. Direkt neben dem Speicher verlief die Bahnstrecke zwischen Hildesheim und Peine, die bis 1964 von einem Privatunternehmen betrieben worden war. Die Hauptgenossenschaft verkaufte den Turm in den frühen 1980er-Jahren an den damaligen Besitzer des Bahnhofes. Die Kaufsumme soll seinerzeit 20.000 Mark gewesen sein.“ Mittlerweile ist das Silo ein Stück Landwirtschaftsgeschichte, ein ortstypisches Bild. Die Bahnschienen sind längst verschwunden. Nur das ehemalige Bahnhofsgebäude erinnert noch entfernt an den einstigen Umschlagplatz.
In eigener Sache
Lost Places dürfen nicht einfach so von jedem besucht werden. Das unerlaubte Betreten von fremdem Eigentum stellt den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs dar. Wir weisen an dieser Stelle deshalb explizit auf die geltenden Gesetze hin. Für das Silo in Hönnersum konnte trotz aller Bemühungen der Eigentümer nicht kontaktiert werden. Ohne sein Einverständnis darf das Gebäude auch für eine Berichterstattung nicht betreten werden. Daher gibt es diesmal keine Bilder aus dem Inneren.





