Giesen - Mit großer Empörung haben viele Eltern auf die Pläne reagiert, die Grundschule Giesen-Hasede mit ihren derzeit 181 Schülern und 15 Lehrkräften in eine teilgebundene Ganztagsschule mit zwei bis drei Pflichttagen pro Woche umzuwandeln. Dies soll gemäß gesetzlicher Vorgaben bis 2026 geschehen, der Schulbesuch kostenfrei sein. Schulleiterin Melanie Nagel warb zusammen mit zwei Vertretern der Landesschulbehörde am Mittwochabend vor gut 150 Menschen in der Giesener Mehrzweckhalle für das Vorhaben. Die Stimmung war aufgeheizt.
Die Väter und Mütter fürchten vor allem um die psychische Gesundheit der Sechsjährigen, wenn diese einen achtstündigen Schultag bewältigen müssen. Bei einer Unterschriftensammlung der betroffenen Eltern kamen 190 Unterschriften zusammen – sämtlich von Gegnern der bisherigen Pläne. Gefordert wird eine offene Ganztagsschule, die den Eltern aus deren Sicht mehr Möglichkeiten bietet. Diese Schulform ist an den Standorten in Emmerke und Ahrbergen vorgesehen. Die Eltern verlangen vehement, dass ihre Bedenken berücksichtigt werden.
Zum Teil scharfe Kritik
In Giesen jedoch hält die Schulleitung trotz der bislang zum Teil scharfen Kritik an den Plänen fest. Für das Modell teilgebundene Schule spricht aus Sicht der Giesener Lehrer und des Schulelternrats unter anderem, dass auch am Nachmittag Unterricht möglich wäre und so der Biorhythmus der Kinder besser berücksichtigt werden könne.
Als weiteren Grund führt die Schulleiterin mehr Flexibilität bei der Stundenplangestaltung an, weil der Einsatz von pädagogischen Mitarbeitern und Honorarkräften bereits vormittags möglich wäre. „Wir haben mehr Spielraum, also mehr Zeit für die Kinder“, erklärte sie am Rande des Info-Abends in Giesen. Bei dem Votum des Schulvorstands für die teilgebundene Ganztagsgrundschule spielt überdies die zunehmende Zahl von Familien mit einem erhöhten Betreuungs- und Unterstützungsbedarf eine Rolle.
Rat als Zünglein an der Waage
Der Giesener Gemeinderat beschließt darüber, ob er den von der Schule eingeschlagenen Weg mitgehen will. Die Gemeinde ist Schulträger. Nur wenn die Politik die Ganztagsschul-Pläne der Grundschulen einvernehmlich unterstützt, können diese die Umwandlung beim Regionalen Landesamt für Schule und Bildung beantragen. Ob also in Giesen tatsächlich das bislang geplante Modell umgesetzt wird, ist offen. Der Gemeinderat fällt am 20. Juni eine Entscheidung.
Gradmesser für die politische Linie dürfte neben finanziellen Fragen auch die Position der Eltern sein. Und die fürchten eben um das Wohlergehen ihres Nachwuchses, der durch die Bedingungen an einer teilgebundenen Ganztagsschule aus der Familie, „der Keimzelle der Gesellschaft“, wie es ein betroffener Vater gegenüber der HAZ ausdrückt, herausgerissen werde. Durch eine achtstündige Abwesenheit vom Elternhaus und auch den zwangsläufigen Verzicht auf Sportangebote am Nachmittag würde die Entwicklung der Kinder gestört.
Wechsel von An- und Entspannung
Schulleiterin Nagel hält dagegen, dass die Kinder nicht zwanghaft acht Stunden an einem Platz bleiben müssten. Ein Wechsel von Anspannung und Entspannung („Rhythmisierung“) in der Schule als Lern-, Erfahrungs- und Lebensraum komme ihnen zugute – heißt: Der Schulalltag werde etwa durch Spaziergänge, Spiele oder Mittags- und Hofpausen aufgelockert. Dabei will die Schule auch Rückzugsmöglichkeiten bieten – dazu soll ein mit Matratzen, Nischen und Liegen ausgestatteter Ruheraum dienen. Betreut werden die Kinder von Lehrkräften, pädagogischen Mitarbeitern und Kooperationspartnern, die beispielsweise aus Vereinen und Kirchengemeinden rekrutiert werden könnten.
Eltern der künftigen Schulkinder haben Zweifel daran, ob die Schule all die Pläne personell überhaupt stemmen kann. Eine Mutter warnte in Giesen vor „Lehrerknappheit“. Rektorin Nagel ist in dieser Frage zuversichtlich: Giesen habe einen „Standortvorteil“, weil an der Uni Hildesheim und dem Studienseminar Lehrer ausgebildet würden. Aus der Studentenschaft kommen laut Nagel bereits jetzt Praktikanten, die an die Arbeit in der Grundschule herangeführt würden.
„Nicht in Berlin-Neukölln, sondern in Giesen-Hasede“
Eine weitere Mutter wies darauf hin, dass Eltern aufgebracht seien, weil sie nicht einbezogen würden. „Wir sind hier nicht in Berlin-Neukölln, sondern in Giesen-Hasede“, rief ein Vater. Eltern würden vor den Kopf gestoßen. Die Pläne gingen an den tatsächlichen Bedürfnissen vorbei, an einem Ort, der kein sozialer Brennpunkt sei. Genau darum müssten Eltern bei den Plänen mitreden dürfen. Schulleiterin Nagel führt dagegen ins Feld, dass Schulentwicklung Aufgabe der schulischen Gremien sei und nicht der Eltern, deren Kinder in fünf oder zehn Jahren zur Schule gehen.
Auf Anfrage der HAZ nach dem weiteren Vorgehen vor dem Hintergrund großen Unmuts berichtete Nagel, dass sich das Kollegium noch einmal zusammensetzen werde. „Um zu sehen, wie wir die Dinge angehen wollen.“ Dazu gehöre ein Gespräch mit den Schulen Ahrbergen und Emmerke. Ausgelotet wird, was insgesamt in der Schullandschaft geschehen solle. Nach der Entscheidung für ein Modell sieht Nagel Möglichkeiten, Eltern im Sinne der Kinder mit einzubeziehen. Aber: Viele von ihnen würden es nicht schaffen, „über den eigenen Tellerrand zu gucken“. Heißt: Es gebe durchaus den Bedarf an intensiver pädagogischer Betreuung – auch mit Acht-Stunden-Tagen. „Man muss Schule anders denken.“ Die verändere sich, weg vom Fünf-Stunden-Tag.
In der Region Hildesheim gibt es das in Giesen angestrebte Modell der teilgebundenen Ganztagsschule an den Grundschulen Nord und an der Ganztagsschule Drispenstedt. Die ist nach eigenen Angaben schon seit 50 Jahren Ganztagsschule – und dort steigt der Bedarf. Das Nachmittagsangebot sei für die Lehrer belastend, doch die Schule will daran festhalten. Von den 54 öffentlichen Grundschulen in Stadt und Kreis Hildesheim sind 31 offene Ganztagsschulen.
Kommentar: Empörung in Giesen – Eltern erteilen Schule zu Recht eine Lehrstunde
Wie die Grundschule Giesen-Hasede ihre Pläne einer Ganztagsschule bislang im Alleingang vorantreibt, ist nicht clever. Viele Eltern sind absolut zu Recht empört, bei einer sehr wichtigen Entscheidung für ihre Kinder übergangen zu werden.
Was Väter und Mütter fordern, wird von der Schule bei ihrem Vorgehen ausgeblendet. Die Schule mag gemäß gesetzlicher Vorgaben handeln, doch Eltern dürfen nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Das Projekt Ganztagsschule kann insgesamt nur dann gelingen, wenn die direkt Beteiligten eingebunden werden. Sonst sind die großen Mühen dafür zum Scheitern verurteilt. Die Eltern haben der Schule mit ihrem wütenden Protest eine Lehrstunde erteilt.


