Klartext bei NFV-Empfang

„Da fühle ich mich doch verscheißert“: DFB-Vize Schaffert hält Brandrede in Hildesheim

Hildesheim - Beim Neujahrsempfang des NFV-Kreises Hildesheim am Sonntag hielt DFB-Vizepräsident Ralph-Uwe Schaffert eine bemerkenswerte Rede und kritisierte selbst den eigenen Verband mit heftigen Worten.

Hildesheim - Die rund 120 Gäste in der Aula der Renataschule Ochtersum waren mucksmäuschenstill und sahen sich immer wieder erstaunt an. Manch’ einer traute wohl seinen Ohren kaum. Denn der Mann auf dem Podium redete während des Neujahrsempfangs des NFV Kreis Hildesheim mal so richtig Klartext.

Erstaunte Blicke im Saal

Es war kein geringerer als DFB-Vizepräsident Ralph-Uwe Schaffert, der unter anderem den eigenen Verband sehr heftig kritisierte. Zudem ist der Hildesheimer auch Präsident des Norddeutschen und des Niedersächsischen Fußballverbandes. Er sei der Einladung gern gefolgt, sagte Schaffert zu Beginn. Ein Manuskript habe er nicht dabei, und er wolle auch gar keine lange Sonntagsrede halten.

Nun, eine Sonntagsrede war es wahrlich nicht, aber die Ansprache hat dann doch etwas länger gedauert. Und der Inhalt hatte es in sich. „Die WM in Katar sei aus deutscher Sicht „eine große Blamage“ gewesen“, begann Schaffert seine Brandrede. Und zwar sportlich und gesellschaftlich: „Wenn sich die deutschen Nationalspieler wie Äffchen die Münder zuhalten und sich den Friseur ins Hotel bestellen“, muss man sich nicht wundern, wenn sie gegen Japan verlieren.“ Sie sollten sich die Marokkaner und Kroaten zum Vorbild nehmen: „Die sind als Mannschaft aufgetreten und haben ihr Herz auf dem Platz gelassen.“

Wenn sich die deutschen Nationalspieler wie Äffchen die Münder zuhalten und sich den Friseur ins Hotel bestellen“, muss man sich nicht wundern, wenn sie gegen Japan verlieren

Ralph-Uwe Schaffert

Als„verlogen und scheinheilig“ bezeichnete Schaffert die Diskussionen um das Austragungsland Katar: „Deutsche Unternehmen haben dort zweistellige Milliardenbeträge mit verschiedenen Projekten verdient. Kritik daran habe ich nicht gehört – weder vom DFB noch von sonst wem.“ Überhaupt müssten die Europäer endlich den Irrglauben aufgeben, dass sie die großen Weltverbesserer seien. „Wenn eine WM nur noch in Ländern ausgetragen werden soll, die man selbst gut findet, dann bleiben nicht viele übrig. Vielleicht Luxemburg oder die Schweiz.“ Viele der Gäste in der Aula nickten immer wieder. Der DFB-Vize hatte offenbar einen Nerv getroffen.

Und während NFV-Kreischef Detlef Winter kurz zuvor den „unmöglichen Austragungstermin“ der WM im Winter kritisiert hatte, gab Schaffert zu bedenken: „Nun ja, in Südamerika haben sich die Fußballfans gefreut, dass endlich mal eine WM im Sommer stattfindet.“ Auch die Medien verschonte er nicht: „Wenn alles so schlecht war in Katar, dann hätten ARD und ZDF die WM ja boykottieren können. Haben sie aber nicht gemacht. Warum wohl?“ Wissendes Nicken im Saal.

Kritik auch an der Politik

Die Ehrenamtskarte wird als große Errungenschaft gefeiert. Dafür bekommt man beim Konditor ein paar Cent Nachlass auf das Tortenstückchen. Ehrlich gesagt: Da fühle ich mich doch verscheißert.

Ralph-Uwe Schaffert

An die Adresse der Politik erklärte Schaffert: „Der Fußball kann nicht jede gesellschaftliche Fehlentwicklung gerade rücken.“ Überhaupt gefielen sich viele Politiker in „warmen Worten“ und ließen wenig Taten folgen. „Immer wieder wird betont, wie wichtig das Ehrenamt ist.“ Und dann werde die Ehrenamtskarte als „große Errungenschaft“ gefeiert. „Dafür bekommt man beim Konditor ein paar Cent Nachlass auf das Tortenstückchen. Ehrlich gesagt: Da fühle ich mich doch verscheißert.“ Es sei längst an der Zeit, die Arbeit der Ehrenamtlichen mehr zu belohnen – zum Beispiel durch steuerliche Anreize. „Das ist möglich, wird aber nicht gemacht.“

Wenn eine WM nur noch in Ländern ausgetragen werden soll, die man selbst gut findet, dann bleiben nicht viele übrig. Vielleicht Luxemburg oder die Schweiz

Ralph-Uwe Schaffert

Ein weiteres Thema, das im vergangenen und auch schon im neuen Jahr im Fußballkreis Hildesheim für negative Schlagzeilen sorgte, sparte Schaffert nicht aus: die zunehmende Gewalt auf den Fußballplätzen. „Ein Spieler, der einen Schiedsrichter mit der Faust niederstreckt, hat auf dem Platz nichts verloren.“ Schaffert bezog sich auf jenen Fall, als der Hildesheimer Referee Geoffrey May geschlagen und schwer verletzt wurde. „Da helfen auch keine Wiedereingliederungsmaßnahmen“, betonte Schaffert. „Mit Typen, die so etwas machen, will ich nichts mehr zu tun haben.“ Völlig zu Recht sei der Täter aus dem Verband ausgeschlossen worden und werde keinen Fußballplatz mehr betreten.

Dann fertigte der DFB-Vize noch kurz jene Stadionbesucher ab, „die das Abrennen von Pyrotechnik für einen Bestandteil der deutschen Stadionkultur“ hielten. „Das sind keine Fußballfans“, befand Schaffert. „Sie halten sich ja noch nicht mal selbst dafür.“

Vielen aus dem Herzen gesprochen

Zum Schluss richtete er noch einen Appell an die Menschen im Saal: „Ihr seid mit eurem Engagement das Rückgrat des Fußballs, ihr seid die Vernünftigen – und ihr seid in der Mehrheit. Schreitet ein, wenn etwas schief läuft und sorgt dafür, dass nicht einige wenige unseren Sport kaputt machen. Steht für eure Werte ein. Das geht nur mit persönlicher Ansprache.“

Nachdem lange eine nachdenkliche Ruhe geherrscht hatte im Saal, brandete nun tosender Applaus auf. Schaffert hatte den Anwesenden offenbar aus dem Herzen gesprochen.“ Sie waren Zeuge einer Rede, die nachhallen wird.

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