Hildesheim - Das Hildesheimer Aushängeschild, das Roemer- und Pelizaeus-Museum, befindet sich offenbar in einer finanziellen Schieflage. Das wird aus einem Rundbrief deutlich, in dem der Museumsverein jetzt seine Mitglieder informiert hat.
Auch die Stadtpolitik hat sich aktuell mit der Situation des Museums befasst und in einer Sondersitzung von Kultur- und Finanzausschuss über die angespannte Situation beraten – allerdings hinter verschlossenen Türen. Ist die Corona-Krise der Grund für die roten Zahlen?
Geldsorgen seit langem bekannt?
„Alles, was angeblich überraschend auftrat, war bereits – teils seit langem – bekannt“, sagt Hartmut Häger, Vorsitzender des Museumsvereins, auf Nachfrage. Er verschweigt nicht, dass die Geldsorgen teilweise auch durch Pandemie und Lockdown verursacht wurden. Aber eben nicht nur. „Die Ausstellungen ,Voodoo’ und ,Seuchen’, die guten Zuspruch erwarten ließen, litten unter den Lockdowns 2020 und 2021 sowie unter Zugangsbeschränkungen, -auflagen und -kontrollen“, so heißt es in dem Rundbrief, der der HAZ vorliegt.
So konnten im Jahr 2020 nur ein gutes Viertel (28,3 Prozent) der erwarteten Eintrittsentgelte eingenommen werden. Und für das Jahr 2021 ist die Prognose laut Museumsverein nicht besser: Man werde auch weit hinter den Erwartungen zurückbleiben – auch wenn die aktuelle Seuchen-Ausstellung gerade bis in den Juli verlängert worden sei.
„Schatzkammer des städtischen Vermögens“
Zudem gebe es auch trotz Corona weitere Verpflichtungen: Als wissenschaftliches Museum beteiligt sich das RPM an einer Reihe von Forschungsprojekten, die nicht einfach stillgelegt werden können. Das neue Zentralmagazin wurde vor einem Jahr bezogen, aber die nachfolgenden Arbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen.
„Als Schatzkammer beherbergt es übrigens etwa ein Viertel des städtischen Vermögens“, hebt Häger hervor. Zwei Restauratoren-Stellen sollten dafür eigentlich im städtischen Haushalt stehen – mit rund 100 000 Euro jährlich. Stattdessen sind sie seit zwei Jahrzehnten lediglich im Stellenplan des Museums aufgeführt.
Strukturelle Probleme
„Das ist nur ein Beispiel dafür, dass die strukturellen Verwerfungen die coronabedingten Einschnitte über die Belastungsgrenze hinaus vertiefen“, heißt es in dem Rundschreiben des Museumsvereins, das unter anderem auch die wissenschaftliche RPM-Direktorin Regine Schulz mit unterschrieben hat. „Gemeinsam mit unserer Gesellschafterin arbeiten wir derzeit an Lösungsansätzen, um die finanzielle Lage des Museums zu stabilisieren“, antwortet RPM-Pressesprecher Benjamin Riebsamen auf Nachfrage.
In den vergangenen Monaten seien bereits wichtige innerbetriebliche Neuerungen angestoßen worden, die die Zukunft des RPM langfristig sichern sollen. „Allerdings ist es noch zu früh, um sich konkret zu äußern.“
Finanzielle Belastungsgrenze
Bleibt die Frage, wo genau die finanzielle Belastungsgrenze des Hauses eigentlich liegt? Im ersten Jahr nach der Umwandlung des Museums in eine GmbH vor 22 Jahren lag sie bei 1,4 Millionen Euro. So hoch war die jährliche städtische Einlage für die Betriebsführung, also die laufenden Kosten für Personal, Material und Instandhaltung. Allerdings: Sonderausstellungen, die eigentlichen Publikumsmagneten, sind darin nicht enthalten. Sie müssen vom RPM auf eigenes Risiko finanziert werden.
Derzeit bekommt das RPM von der Stadt jährlich 1.367 300 Euro und für die Betriebsführung des angegliederten Stadtmuseums seit zehn Jahren gleichbleibend 406 325 Euro. Damit sind die Kosten des Stadtmuseums jedoch längst nicht gedeckt – jährlich entsteht auch hier ein Defizit von mehr als 100 000 Euro.
Vergebliche Zielvereinbarung
Seit 2011 strebte die RPM-Direktorin allerdings vergeblich eine Zielvereinbarung mit der Stadt an, um somit eine gewisse Planungssicherheit für ihr Haus zu erhalten. Denn: Seit 2019 steht im jährlichen, öffentlichen Lagebericht, dass der städtische Zuschuss zwar 85 Prozent der Grundfinanzierung deckt. Doch tatsächlich macht die Summe nur knapp die Hälfte der Gesamtbetriebskosten aus. In den vergangenen Jahren gelang es immer wieder, die Löcher zu stopfen.
„Diese Differenz haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des RPM jahrein jahraus selbst erwirtschaftet, mit Forschungsprojekten, Auftragsarbeiten, Ausstellungsweitergaben und Objektausleihen“, erläutert der Museumsvereins-Vorsitzende. So habe man bislang die strukturelle Unterfinanzierung fast immer kaschiert können – bis eben zur Corona-Krise. Jetzt wird sie als Dauer-Liquiditäts-Engpass sichtbar, zumal das Museum – es ist ja zugleich eine Bildungseinrichtung und nicht nur ein Wirtschaftsunternehmen – keine nennenswerte Corona-Hilfe erhalten hat.
Defizite der vergangenen Jahre
Die Höhe des aktuellen Fehlbetrags ist noch nicht bekannt. Die Bilanzen des Museums werden zwar jedes Jahr veröffentlicht, die neuesten Zahlen liegen aber derzeit noch nicht vor. Geht man von den Defiziten in den vergangenen Jahren aus, so könnte es sich wieder auf mindestens eine halbe Millionen Euro belaufen.
Dazu kommen die rapide gestiegenen Energiepreise (sie machen etwa zehn Prozent der Betriebskosten aus), die das Haus ebenfalls auffangen muss. Früher (zum Beispiel 2011) erhöhte die Stadt zum Ausgleich ihre Einlage. Ist das in diesem Jahr aus dem jetzigen Haushalt erneut möglich? Naheliegend, dass es darum in der Sondersitzung gegangen ist.
Stillschweigen vereinbart
„Wir haben Stillschweigen vereinbart – und daran halte ich mich auch“, antwortet Frank Wodsack (CDU), Vorsitzender des Finanzausschusses, auf Nachfrage. Nur so viel: Man habe verschiedene Punkte angesprochen. Sobald es Spruchreifes gebe, werde er auch die Öffentlichkeit informieren.
Ebenso Rosa Wagner-Kröger (Grüne), Vorsitzende des Kulturausschusses: Sie bestätigt ebenfalls das Treffen der beiden Gremien, möchte sich aber auch inhaltlich nicht weiter äußern. „Wir haben verschiedene Arbeitsaufträge verteilt“, heißt es von ihr ganz allgemein. Worin die nun genau bestehen, dazu hat sie keine Stellung bezogen.
