HAZ-Interview

Schloss Marienburg: Jetzt spricht der Pächter – und erhebt Vorwürfe gegen das Land

Pattensen/Nordstemmen - Schloss Marienburg droht für Jahre die komplette Schließung. Pächter Nicolaus von Schöning macht das Land für die Misere mitverantwortlich – und hofft darauf, dass wenigstens einige Räume wieder öffnen dürfen.

„Die Ausbreitung des Schwamms hätte sich verhindern lassen“: Nicolaus von Schöning, der Pächter von Schloss Marienburg, kritisiert die Zeitverzögerung bei der Sanierung des Schlosses. Foto: Rainer Droese

Pattensen/Nordstemmen - Schloss Marienburg droht für Jahre die komplette Schließung. Pächter Nicolaus von Schöning macht das Land für die Misere mitverantwortlich – und hofft darauf, dass wenigstens einige Räume wieder öffnen dürfen.

Herr von Schöning, als Pächter der Marienburg haben Sie Ihre Beschäftigten entlassen, nachdem die Schlossinnenräume auf behördliches Betreiben geschlossen wurden. Der Burg droht nun die komplette Schließung zum Jahresende. Jetzt hat die Stiftung Schloss Marienburg, in der das Niedersächsische Kulturministerium den Ton angibt, ihnen einen modifizierten Pachtvertrag angeboten, nur für die Bereiche Restaurant und Museumsshop. Ließe sich so nicht wenigstens ein Teil der Jobs retten und eine komplette Schließung vermeiden?

Die meisten Gäste im Café sind Museumsbesucher. Haben wir kein Museum, haben wir zu wenige Gäste im Café. Es gibt ja Politiker, die glauben, ein Unternehmen könne ohne Einnahmen auskommen. Im echten Leben klappt das aber nicht. Das Café allein würde Minus machen. Diesen Vorschlag des Ministeriums haben wir schon oft ablehnen müssen, der ist nicht neu. Wenn es bei der Sperrung der Museumsräume bleibt, ist das für uns das Ende, denn die sind auch wirtschaftlich das Herz des Schlosses.

Die Schlossräume sind gesperrt, weil die Sicherheit aufgrund von Schwammbefall nicht gewährleistet sein soll. Bei einer Pressekonferenz hat Kulturminister Falko Mohrs jetzt einen völlig morschen Balken präsentiert. Ist angesichts einer so maroden Bausubstanz die Sperrung der Räume nicht unumgänglich?

Natürlich ist der Balken morsch. Er stammt aus der Südwestecke des Schlosses. Die Türme dort sind in der Bauphase der Burg 1867 eingestürzt und wurden eilig wieder errichtet. Seither ist es dort vor allem im Winter oft feucht. Dass ein Balken von dieser Stelle nach 160 Jahren gruselig aussieht, überrascht nur Laien. Dass deshalb aber die ganze Südhälfte des Schlosses pauschal gesperrt werden muss, das überrascht auch Profis. In den vergangenen Jahren hat es schon mehrmals Sperrungen einzelner Räume gegeben. Wir haben diese dann mit Gegengutachten auf unsere Kosten jeweils wieder aufheben können. Wir wünschen uns nun, dass die pauschale Sperrung präzisiert wird. Vielleicht lassen sich Teilbereiche, beispielsweise der Keller, wieder öffnen

Die Burg wird bald im großen Stil saniert. Während der Arbeiten wäre Besucherverkehr doch ohnehin nur erschwert möglich.

Wir haben für die Zeit der Sanierung viele Dinge vorbereitet, zum Beispiel eine hochmoderne Ausstellung zum Thema Märchen, die im Keller des Schlosses installiert werden könnte. Sie würde das Kulturgut Märchen an einem passenden Ort mit Virtual Reality, Musik und Animationen lebendig machen. Das wäre mit Sicherheit die beste Märchenausstellung bundesweit. Unsere Aufgabe ist, das Schloss für ein breites Publikum zu öffnen – und zwar vor, während und nach der Sanierung. So steht es in unseren Verträgen. Wir haben für das Märchenkonzept sehr viel Geld ausgegeben, das Niveau ist kulturell, kuratorisch und technisch bundesweit unter den Besten. Das liegt nun auf Eis.

Aber dass der Hausschwamm an der Standsicherheit der Gebäude nagt, ist doch offenkundig – und nicht die Schuld des Kulturministeriums, oder?

Das kann man niemandem zum Vorwurf machen, aber den Zeitverzug. Ein umfangreiches Baugutachten liegt seit 2013 vor. Bereits darin wurde wegen des Schwamms eine baldige Sanierung angeraten. Seit vier Jahren ist diese jetzt politisch beschlossen, Bund und Land haben 27 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Doch seither ist fast nichts geschehen. Mehrere Vorstände der Stiftung Schloss Marienburg haben mittlerweile das Handtuch geworfen, teils wegen Querelen mit dem Ministerium. Das alles hat einen unglaublichen Zeitverlust zur Folge. Und die Ausbreitung des Schwamms hätte sich verhindern lassen.

Wie denn?

Schwamm fühlt sich in feuchten, unbeheizten Gebäuden wohl. Mit einer Heizung kann man sein Wachstum stoppen. Als die Sanierung vor drei Jahren nicht in Gang kam, habe ich angeboten, eine Klimaanlage zu installieren – auf meine Kosten. Wir heizen mit der Wärme einer Biogasanlage und hätten damit das Schloss behutsam trocknen und den Schwamm bremsen können. Wir hätten das auf unsere Kosten von Profis machen lassen, denn das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Aber das Ministerium hat abgelehnt. Begründung: Eine solche Maßnahme würde der Sanierung vorgreifen. Wir haben auch ein Brandschutzkonzept für 200.000 Euro bezahlt, obwohl dies eigentlich Teil der Sanierung hätte sein müssen, sonst wäre uns das Schloss von der Bauaufsicht schon vor zwei Jahren gesperrt worden.

Dafür kassieren Sie die Einnahmen aus Veranstaltungen auf dem Schloss zu 100 Prozent. Kann es sein, dass die Gewinne bei Ihnen landen, während andere die Kosten schultern?

Natürlich landen alle Einnahmen zunächst bei uns, davon bezahlen wir ja auch alle Ausgaben wie zum Beispiel die Gehälter der Angestellten. Es kann passieren, dass danach gar nichts übrig bleibt. Aber auch, wenn wir keinen Gewinn machen, zahlen wir eine Mindestpacht von 65.000 Euro an die Stiftung. Das sichert dieser das Überleben. Falls wir Gewinn machen, geht davon ungefähr die Hälfte an die Stiftung. Ich finde, die kann sich nicht beklagen: Sie hat kein Risiko, aber 50-prozentige Erfolgsbeteiligung.

Offenbar hakt es in der Kommunikation zwischen Ihnen und dem Ministerium. Stimmt es, dass Sie sich Gesprächen verweigern?

Im Gegenteil. Es wäre eine große Erleichterung, wenn Minister Mohrs sich persönlich der Sache annehmen würde. Das Ministerium hat im Stiftungsrat einen Beschluss initiiert, nach dem mit uns über ein Ende des Pachtvertrages verhandelt werden soll. Leider ist der letzte Stiftungsvorstand im August zurückgetreten. Wir laden alle vier Wochen Stiftung und Ministerium zu Gesprächen ein. Der Minister kam bisher nie – und diejenigen, die als Vertreter von Ministerium und Stiftung kommen, dürfen leider nichts entscheiden.

Glauben Sie, dass sich eine komplette Schließung der Burg überhaupt vermeiden ließe?

Die angekündigte Totalschließung bis 2030 wird ja nicht durch die Sanierung diktiert. Die Sanierung könnte in drei Jahren abgeschlossen sein. Teilbereiche könnten vielleicht schon in wenigen Monaten wieder öffnen. Die Totalschließung ist im Kulturministerium politisch gewollt. Offenbar setzt man dort jetzt darauf, aus dem Schloss ein subventionsbedürftiges Landesmuseum zu machen. Vermutlich hält man unsere populären Veranstaltungen, die Konzerte und das Kinderprogramm, dort einfach für zu platt. Deshalb machen typische Landesmuseen so etwas nicht. Die folgen allein ihrem Bildungsauftrag, für den sie Geld bekommen. Das kann man so trennen, das wirkt sehr ordentlich. Ich halte das aber nicht für zeitgemäß. Denn der Museumsbesucher der Zukunft muss in jungen Jahren über eine niedrige Schwelle zur Kultur finden. In England und Frankreich klappt das hervorragend – auf der Marienburg auch.

Tatsächlich scheiden sich an Spektakeln wie ihrem „Wintermärchen“ die Geister. Wird dieses im Dezember noch auf der Marienburg über die Bühne gehen?

Ja, und es wird großartig. Die illuminierten Fassaden werden mit Licht Geschichten erzählen, es gibt Glühwein, Musik und Märchen. Dem Kulturministerium ist das Wintermärchen ein Dorn im Auge. Im vergangenen Jahr mussten wir erst mit einer Klage drohen, ehe es stattfinden konnte. So etwas wie das Wintermärchen gehört aber dazu, wenn Kultur wirtschaftlich sein muss, wenn man nicht dem Steuerzahler auf der Tasche liegen darf. Vielleicht ist das Wintermärchen jetzt für lange Zeit die letzte Gelegenheit, das Schloss zu erleben.

Zur Person: Nicolaus von Schöning

Nicolaus von Schöning, Jahrgang 1967, wuchs auf dem landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern in Ostholstein auf. Der studierte Landwirt sanierte und bewirtschaftet mit seiner Frau Tania seit 2001 das Gut Remeringhausen bei Stadthagen. Seit 2019 ist er zudem Pächter der Marienburg in Pattensen. Ernst August Erbprinz von Hannover hat das Welfenschloss in die Stiftung Schloss Marienburg überführt. In deren fünfköpfigen Stiftungsrat stellen das Land Niedersachsen mit zwei Stimmen sowie die Region Hannover die Mehrheit.

Von Simon Benne

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