Verkehr

Schock in Hildesheim: Dammstraße bleibt bis Frühjahr 2025 gesperrt – mindestens

Hildesheim - Dass es sich ziehen wird, war klar – aber nun steht fest, dass die Dammstraße in Hildesheim noch etliche weitere Monate gesperrt bleibt. Die Reaktionen fallen deutlich aus. (Mit Kommentar)

Auf dem Luftbild von Anfang April sind Arbeiter noch damit beschäftigt, die Baugrube zu verfüllen. Inzwischen ruhen die Arbeiten in der Hildesheimer Dammstraße. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Vielleicht war es ganz gut für die Frauen und Männer der Interessengemeinschaft Dammstraße, dass sie nach fast drei Sitzungsstunden das Rathaus verließen, noch ehe es um die rund 850 Jahre alte Brücke in der Dammstraße und ihre erheblichen Auswirkungen auf die Umgebung ging. So mussten sie nicht mehr mitanhören, was die Stadtverwaltung auf Antrag der Gruppe CDU/Die Unabhängigen und FDP am späten Mittwochabend im Stadtentwicklungssauschuss mitteilte: Dass die Dammstraße nach einem Zeitplan der Stadtentwässerung noch mindestens bis Frühjahr 2025 für jeglichen Verkehr und auch Fußgänger gesperrt bleiben muss.

„Alle Beteiligten haben das Ziel, die Baustelle so zügig wie möglich fertigzustellen“, erklärte Carola Rex, Bereichsleiterin Straßenplanung bei der Stadtverwaltung, zwar noch. Trotzdem werde es nicht schneller gehen. Und wenn das Wetter nicht mitspiele oder sich die Pläne doch noch einmal änderten, seien auch weitere Verzögerungen möglich.

Die SEHi ist Auftraggeberin, die Stadt übernimmt die Kosten

Dass sich die Fertigstellung der Baustelle und anschließende Freigabe der Straße noch um Monate verschieben wird, hatte die Stadtverwaltung bereits eingeräumt, allerdings bisher noch nicht in dem jetzt feststehenden Umfang. Ein Teil der Verzögerung ist entstanden, weil nach Abschluss der Grabung neben den Archäologen auch die beiden Baufirmen abgezogen wurden, die bislang auf der Baustelle im Einsatz waren. Die Stadtentwässerung (SEHi) hatte die Betriebe ursprünglich für den Kanalbau verpflichtet, der zur Entdeckung der Brücke geführt hatte, die Firmen dann aber auch für die weiteren Arbeiten im Zusammenhang mit dem Bauwerk über so genannte Nachträge verpflichtet. Die SEHi ist die Auftraggeberin, die Stadt übernimmt die Kosten für die Erneuerung der Straße und die Sicherung der historischen Brücke.

Aber dass es jetzt – auch wegen der erneut erforderlichen Auftragsvergabe – so lange dauern wird, verschlug im Rathaus selbst erfahrenen Kommunalpolitikerinnen und -politikern die Sprache. CDU-Fraktionschef Dennis Münter bemängelte fehlende Transparenz und wenig Verlässlichkeit gegenüber der Politik. „Wer ist denn eigentlich dafür zuständig, dass hier jetzt zum dritten Mal der zugesagte Zeitplan nicht eingehalten wurde?“, polterte er. „Da muss doch intern etwas nicht stimmen.“ Die Straße ist seit Mai 2022 gesperrt. Immer wieder hatte die Stadtverwaltung angekündigt, sie freigeben zu wollen – und die Freigabe anschließend wieder verschoben.

Kritik aus der Politik: Wenig Transparenz und Verlässlichkeit

Verantwortlich sei „die Brücke“, erwiderte Stadtbaudezernentin Andrea Döring jetzt im Ausschuss. Immer neue Funde hätten weitere Untersuchungen erforderlich gemacht. Sie verwies zudem auf das geltende Denkmalschutzgesetz, das der Stadt an dieser Stelle keinen Handlungsspielraum lasse. „Ich hätte die Brücke auch am liebsten gleich am Anfang wieder zugeschüttet“, sagte sie. Das sei aber nicht erlaubt gewesen. „Wir hängen da am Fliegenfänger des Landes.“

Auch aus den Reihen der anderen Parteien kam heftige Kritik. „Ich finde das nur schwer zu verdauen“, sagte Tobias Eckardt (SPD). Zu keiner Zeit sei davon die Rede gewesen, dass die Straße erst im Jahr 2025 wieder freigegeben werde. Dabei hänge gerade am Verkehr durch die Dammstraße eine ganze Reihe weiterer Straßen und Geschäfte. „Ich wundere mich sehr, wie es zu so einem krassen Missverhältnis kommen konnte“, sagte Eckardt.

Brücke hat den Steuerzahler bisher 3,2 Millionen Euro gekostet

Vorschläge wie etwa von Michael Körber (AfD), die Strecke durch den Einsatz von Metallschienen oder anderen Provisorien zumindest teilweise zu öffnen, wies die Stadtverwaltung umgehend zurück. Es handele sich um nicht tragfähiges Material. „Und wenn wir dort einen Weg bauen, muss er auch sicher sein“, so Bereichsleiterin Rex.

Sie bestätigte während der Sitzung auch den bisher genannten Betrag, den die Stadt bis heute in die Arbeiten an der Brücke gesteckt hat. Demnach müssen die Steuerzahler 3,2 Millionen Euro in den Erhalt des historischen Bauwerks stecken. Die anschließende Erneuerung der Straße kommt noch oben drauf..


Kommentar: Schuld und Irrsinn

Es ist offenkundig so: In der Zeit, in der in Hildesheim eine alte, krümelige Brücke freigelegt und wieder zugeschaufelt wird, werden andernorts ganze Hochhäuser gebaut. Vom Irrsinn, dass die im Verlauf mehrerer Jahre gewonnene archäologische Erkenntnis den Steuerzahler schon jetzt mehr als 3 Millionen Euro kostet, ganz zu schweigen.

Was bei alledem auffällt: Wann immer man fragt, wer Schuld am Dammtor-Desaster hat, verweisen die Beteiligten konsequent auf unbelebte Materie: die Brücke selbst. Der Zahn der Zeit. Die Vorschriften im Denkmalschutz. Die Ausschreibungsrichtlinien. Das Schicksal.

Das mag ein Stück weit sogar stimmen, aber es lässt zweierlei außer Acht. Erstens: Die einschlägigen Gesetze und Richtlinien sind nicht neu, man darf von Profis neben und auf der Baustelle erwarten, dass sie diese von Anfang an kennen und berücksichtigen.

Zweitens haben die Stadt und die Stadtentwässerung, was die Kommunikation zur Hildesheims berüchtigster Baustelle angeht, nie an einem Strang gezogen. Statt bürgernaher Transparenz gab es ein Kuddelmuddel aus schwammigen Zeitplänen und Wunsch-Daten für die nervöse Stadtpolitik. Das Ergebnis ist ein Vertrauensverlust: Wer, bitteschön, soll der Stadt den neuen Termin eigentlich noch abkaufen?

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