Reportage

Schornstein in Schieflage: Einsatz für die Storchenretter in Henneckenrode

Henneckenrode - Ein historischer Schornstein in Henneckenrode ist nach einer ersten aufwändigen Sanierung ab 2017 zum Brutplatz für Störche geworden. Vogelkundler, Ausflügler und die Besitzerfamilie Feser sind begeistert. Doch nun ist der Ziegelbau aus dem Lot geraten, könnte womöglich sogar umstürzen – wenn nicht bald etwas geschieht. Die Geschichte einer Rettung.

Henneckenrode - Es ist ein Freitag, als Silke und Oliver Feser vor ihr Haus treten und wieder mal nach oben gucken, Richtung Schornsteinspitze, in der Hoffnung, ihn dort zu entdecken. „Aufgeregt wie ein Kind“ ist Silke Feser schon in den Tagen davor, wenn sie den Himmel absucht, Ausschau hält, ob er im Anflug ist. Und als sie und ihr Mann an diesem 12. März 2021 bemerken, dass das Nest in gut 23 Metern Höhe nicht mehr leer ist, dass Storch Addi tatsächlich zurück ist aus seinem Winterquartier, er die Strapazen des tausende Kilometer weiten Flugs überstanden, Hochspannungsleitungen, Windräder und andere Hindernisse umflogen hat, – in diesem Moment steht für die beiden fest: Sie müssen diesen Schornstein retten. Egal welchen Aufwand es bedeutet, wie viel Energie und Zeit und Geld es brauchen wird. Es wird die zweite Sanierung. Nach der ersten im Jahr 2011 hatten sich die Fesers geschworen: Das war’s, noch mal nehmen sie das nicht auf sich. Nun ja.

Der Schornstein stand halt da, der wird auch weiter da stehen – oder doch nicht?

Anfang 30 ist das Paar – damals noch kinderlos – als es sich 2003 in dieses historische Gebäudeensemble verguckt, in der Nähe des Schlosses gelegen, in einer engen Kurve am Rande von Henneckenrode, direkt an der Nette. Links des Flusses liegt der Fachwerkbau der früheren Wasser- und Kornmühle, errichtet im Jahr 1806, rechts die ehemalige Zementfabrik, erbaut 1838, die die Wasserkraft erstmals industriell nutzte. Und der Schornstein, der war eben auch da, ein markantes Überbleibsel der Fabrik. Vielleicht war es etwas naiv, eher noch wohl sehr nachvollziehbar, dass sich die neuen Eigentümer um die Herrichtung der Wohn- und Arbeitsbereiche Gedanken machten, nicht aber um dieses nebenan empor ragende industrielle Überbleibsel aus Ziegelsteinen. „Wir dachten damals: Na ja, der steht halt da“, erinnert sich Oliver Feser. Und so stand er da eben, ohne dass Fesers ihm groß Beachtung schenkten. Bis 2010.

Damals forderte der Landkreis Fesers auf, die Standfestigkeit des alten Bauwerks prüfen zu lassen. Das Ergebnis eines Gutachtens: Die Statik passt, aber die Fugen müssten alle komplett erneuert werden. Kostenpunkt: rund 35 000 Euro. Ein Abriss kommt nicht infrage. Die Kosten wäre etwa genauso hoch, vor allem aber gilt: Der Schornstein steht wie die restlichen Gebäude auch unter Denkmalschutz. Einen Nutzen haben Fesers von diesem Denkmal nicht. Erhalten müssen sie es trotzdem.

Mit erheblichem organisatorischem Aufwand, Überzeugungsgeschick und Hartnäckigkeit schaffen es die Eltern zweier 15 und 14 Jahre alten Söhne, Fördermittel einzuwerben, ein Jahr lang stecken sie einen Großteil ihrer Freizeit in dieses Vorhaben. Und hier kommt Addi ins Spiel. Beziehungsweise: der Weißstorch an sich.

Storch Addi kommt immer wieder – mit wechselnden Partnerinnen

Bis Mitte der 1970er Jahre hatten immer wieder Vogelpaare auf dem schon lange stillgelegten Schornstein genistet. Könnte man nicht versuchen, die Störche wieder hier anzusiedeln, es ihnen möglichst einfach zu machen? Aus den Fragen der Fesers wird schließlich ein Projekt: Eine Fachfirma ersetzt 2011 während der Sanierung die Krone des Schornsteins aufwändig und installiert eine Nisthilfe. Die Aussicht, womöglich von Frühjahr bis Herbst dauerhaft Störche in Heneckenrode zu haben, ließ mehr Förderer ihre Zusagen geben, letztlich kann die Sanierung fast zu 100 Prozent über diese Quellen gestemmt werden. „Es gab dann einen sehr langen Spannungsbogen“, erzählt Silke Feser, aber schließlich landet 2017 tatsächlich zum ersten Mal wieder ein Storch hoch oben auf über diesem Grundstück. Fesers taufen das Tier Addi Adebar. Und seither kommt er, beringt und identifizierbar, jedes Jahr zurück und zieht – mit wechselnden Partnerinnen – zahlreiche Vogelkundler und Ausflügler an, die den Anblick der majestätisch wirkenden Vögel genießen wollen.

Wir dachten, wir haben jetzt auf ewig Ruhe

Oliver Feser, über die erste Schornsteinsanierung

Damit könnte die Geschichte dieses Schornsteins aus sein, es wäre ein Happy End. Dass das noch warten muss und nur das erste Kapitel abgeschlossen ist, das ahnen Fesers 2017 nicht. „Wir dachten: Jetzt haben wir auf ewig Ruhe“, erzählt der 51-Jährige, der im Zuhause der Familie lange eine Musikschule betrieben hat, seit einiger Zeit aber wieder als freier Softwareexperte arbeitet. Dass seine gleichaltrige Frau sich durch ihren Job im Landesrechnungshof mit Bürokratie, Formularen, Anträgen und Zahlen auskennt, wird noch von Nutzen sein. 2019 fällt dem Ehepaar zum ersten Mal ein kleiner Riss auf, der sich zwischen dem Schornstein und dem angrenzenden Bau, den die Familie als Hühnerstall nutzt, gebildet hat. „Wenn man in so einem alten Haus wohnt, braucht man einen gewissen Verdrängungsmechanismus“, sagt Silke Feser und lächelt. Anders als im Neubau gebe es eben immer irgendwelche Stellen im Gebälk oder im Mauerwerk, an die man vielleicht mal „irgendwann ran“ müsste.

Vielleicht hat diese gewisse Robustheit im Umgang mit vermeintlichen Mängeln, die man als Denkmalbewohner benötigt, ihren Blick etwas getrübt – oder der Riss war vorher tatsächlich nicht da. Messungen zeigten tatsächlich: Der Schornstein ist aus dem Lot, er neigt sich – in Richtung des Wohngebäudes. 2020 geben Fesers ein Bodengutachten in Auftrag, eine Fachfirma dringt an vier Punkten rund um den Schornsteinfuß in die Tiefe vor und analysiert die Schichten. Das Ergebnis: Acht Meter unter der Erdoberfläche ist eine Torfschicht – weil diese offensichtlich wegen eines abgesunkenen Grundwasserspiegels langsam austrocknet, zerbröselt sie, gibt nach. Wenige Zentimeter im Untergrund können bei der Schornsteinhöhe von 23 Metern das Bauwerk gefährlich zur Neige bringen. Silke Feser kann kaum noch schlafen, träumt, dass sie mitten in der Nacht von Tonnen von Ziegelsteinen erschlagen werden könnte. Diese Panik, die in ihr hochkommt, ist schlimm. Aber eine grundlegende Sanierung des Untergrunds mit allen Kosten und bürokratischen Hürden, noch einmal solch einen Aufwand betreiben? „Ich dachte, ich schaffe das nicht noch mal.“ Um einen Abriss genehmigt zu bekommen, müssten Fesers nachweisen, dass der Erhalt des Denkmals wirtschaftlich absolut nicht tragbar wäre. Bei der Summe von 128 000 Euro aus dem ersten Kostenvorschlag einer Spezialfirma ein naheliegender Gedanke. Was tun?

Dann kommt jener 12. März 2021 und Addi landet oben auf diesem Schornstein, der da wie ein nervtötender Klotz am Bein der Familie steht.

Wir können das nicht machen, wir dürfen ihn nicht abreißen

Silke Feser

„Wir können das nicht machen, wir dürfen ihn nicht abreißen“, denken Oliver und Silke Feser in diesem Moment. Sie suchen Unterstützung und Rat beim Landkreis und beim Amt für regionale Landesentwicklung (ArL), sie schreiben Stiftungen an, sie gründen mit anderen engagierten Leute aus Henneckenrode und der Region einen eigenen Verein, dessen Zweck es sein soll, den Schornstein samt Nistplatz zu erhalten und damit die Zukunft der Störche. „Wir sind auf regelrechte Betteltour gegangen“, sagt Silke Feser, die jetzt aber eigentlich gar nicht mehr so gerne über die vergangenen Monate und viele Rückschläge, Sorgen und Ungewissheiten sprechen will, und darüber, wie belastend sie das alles empfunden hat („Es hat nie etwas sofort geklappt“). Viel lieber, und da strahlt die 51-Jährige beim Gespräch in ihrer Küche, sei ihr das Ergebnis: Es gibt eine Firma aus Berlin, die den schwierigen Auftrag übernommen hat, praktisch den gesamten Untergrund unter dem Schornstein auszutauschen und mit Beton aufzufüllen.

Besonders stolz ist der Verein, auf den Fesers das sanierungsbedürftige Bauwerk überschrieben haben, auf die Förderung des Projekts durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die mit 38 000 Euro gut die Hälfte der veranschlagten Kosten übernimmt. Dass diese renommierte Stiftung an Bord ist und die Bedeutung der Rettungsaktion erkannt hat, das sei „der Durchbruch“ gewesen, sagt Silke Feser. Außerdem als Förderer dabei: Das ArL mit 20 000 Euro, die Niedersächsische Sparkassenstiftung und die Sparkasse Hildesheim-Goslar-Peine, sowie die Bingo-Umweltstiftung. Der Verein will weitere Spenden einwerben, um die Finanzierungslücke von rund 10 000 Euro zu schließen.

Die Bodensanierung soll im Herbst beginnen, dann, wenn Addi, seine Partnerin und ihr Nachwuchs wieder aufgebrochen sind. Erst Richtung Osten, dann weit in den Süden. Nachdem 2021 tatsächlich vier Jungstörche in Henneckenrode aufgewachsen sind, ist in diesem Jahr ein männliches Küken geschlüpft. Anfang dieser Woche hat er den Sprung aus dem Nest gewagt, seitdem erkundet er die Umgebung, sucht sich selbst seine Nahrung.

Ein ukrainischer Junge, der nach der Flucht in Holle untergekommen ist, durfte dem Jungstorch einen Namen geben. Er hat ihn Nebo genannt, auf deutsch: Himmel.

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