Hildesheim - In den Wochen vor den Ferien jagt für gewöhnlich eine Klassenarbeit die nächste. Für etliche Schülerinnen und Schüler bedeutet die Vorweihnachtszeit deshalb vor allem eines: viel Stress. Manche Erwachsene mögen es vergessen haben, wie es war, auf ein Prüfungsergebnis zu warten; Getuschel auf dem Schulflur. „Was für ein Gefühl hast du?“ – „Kein Gutes, wird bestimmt wieder ’ne Fünf.“ Später im Klassenraum starren alle gespannt nach vorne, versuchen am Gesicht der Lehrkraft abzulesen, wie die Klassenarbeit ausgefallen ist.
Dann der Moment der Wahrheit, die Lehrkraft geht von Platz zu Platz, händigt allen die benoteten Papiere aus. Und schließlich: Laute der Freude, erleichterte oder enttäuschte Gesichter, manchmal Tränen, wie Marcus Krettek weiß. Der Schulleiter des Scharnhorstgymnasiums hat selbst noch im Kopf, wie er in der zehnten Klasse drei Mal hintereinander eine Sechs in der Mathe-Klausur eingestrichen hat. „Und trotzdem bin ich jetzt Schulleiter“, sagt er. Dass eine schlecht benotete Klassenarbeit kein Weltuntergang sei, das wolle er seinen Schülerinnen und Schülern gerne vermitteln.
Ein unkonventioneller Brief
Aus diesem Grund hat Krettek an alle einen eher unkonventionellen Brief geschrieben, der auch viele Eltern erreichte. „Ich möchte euch sagen, dass Klassenarbeiten, Klausuren und Tests nicht das Leben sind“, schreibt er darin. „Sie sagen nichts über eure Persönlichkeit, eure Fähigkeiten und alles andere Wichtige, das euch ausmacht, aus.“ Es sei ihm wichtig gewesen, diesen Brief in der Vorweihnachtszeit herumzusenden.
Denn gerade vor den Ferien würden immer viele Arbeiten geschrieben, sagt Krettek im Gespräch mit der Redaktion. „Der Stresslevel auch bei euch steigt dadurch stark an“, schreibt er in dem Brief an seine Schülerinnen und Schüler. Er und die anderen Lehrkräfte würden das wahrnehmen, schreibt er weiter. „Ich weiß, dass viele im Moment nicht zum Sport oder zu Freunden gehen, weil sie denken, unbedingt lernen zu müssen.“ In Kretteks Augen ist das falsch. Das schreibt er auch so.
Bewertungssystem überholt
Das Bewertungssystem, das zwei Klassenarbeiten pro Schulhalbjahr vorsieht, hält Krettek für überholt. „Aus meiner Sicht muss man Schule ganz anders denken“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. „Schule soll das Kind sehen und ihm Entwicklungsmöglichkeiten bieten.“ So viele Arbeiten zu schreiben, sei im Grunde nicht nötig, findet der Schulleiter. „Eine Klassenarbeit wird an einem bestimmten Tag geschrieben, und bis dahin müssen in Englisch beispielsweise alle das simple past tense können – egal ob ein Kind länger zum Lernen braucht als ein anderes.“
Stattdessen müsse es Möglichkeiten geben, das Wissen individuell zu zeigen, sagt Krettek. „Und individuell abgestimmte Klassenarbeiten wären mit Künstlicher Intelligenz ja heute sogar denkbar.“ Würden weniger Tests geschrieben, seien Kinder auch eher bereit, sich auf Lerninhalte einzulassen und wieder Freude daran zu entwickeln, glaubt Krettek. Gerade Eltern stünden solchen Gedanken aber oft kritisch gegenüber, weiß der Schulleiter.
So waren die Reaktionen
Die Reaktionen auf seinen Brief waren trotzdem fast ausnahmslos gut. Sowohl die Schülerschaft als auch das Kollegium und etliche Eltern hätten sich positiv dazu bei ihm zurückgemeldet. „Nur meine Frau, ebenfalls Lehrerin, sagte, dass es zwar schöne Worte seien, die Realität doch aber oft anders laufe.“ Das wisse er auch, betont Krettek schmunzelnd.
Aber es sei ihm trotzdem wichtig gewesen, zumindest zu versuchen, den Druck in der Vorweihnachtszeit zu verringern, die Bedeutung der Klassenarbeiten zu relativieren. „Jeder Mensch ist gut, wie er ist. Jeder hat andere Fähigkeiten und Stärken. Herauszufinden, welche das sind, das müssen wir in der Schule versuchen.“
