Impfschaden

Schwer kranke Schülerin aus Hildesheim lernt mit Hilfe eines Avatars

Hildesheim - Die 16-jährige Lea ist schwer krank. Aber über einen kleinen Avatar ist es ihr möglich, vom Krankenlager aus am Unterricht an der Hildesheimer Augustinusschule teilzunehmen. (mit Video)

Hildesheim - Mittwochmorgen, Deutschunterricht an der Augustinusschule. Lehrerin Marianne Aselmeyer lässt ihre Schülerinnen und Schüler aus der 10 c zuvor zu Papier gebrachte Ping-Pong-Geschichten vorlesen. Ping Pong, weil sie nach dem Beginn von anderen fortgeschrieben werden. Ganz vorn auf dem ersten Pult steht eine kleine weiße Figur, die das Geschehen aufmerksam im Blick behält. „Lies du mal bitte deine Geschichte vor“, sagt Aselmeyer zu Tim in der letzten Reihe. Die kleine Figur dreht wie von Geisterhand den Kopf zu Tim – und nach dessen Vortrag wieder zurück zur Lehrerin. Kugelrunde Augen auf der Vorderseite signalisieren Aufmerksamkeit.

Der kleine, etwa drei Kilogramm schwere Automat ist ein Avatar, durch den die Schülerin Lea dem Unterricht folgen kann. Lea ist schwer krank. Sie leidet nach einer Corona-Impfung seit mehr als einem Jahr unter Impfschäden. Am 8. Oktober 2021 war sie zusammengebrochen und in ein Krankenhaus gekommen.

Ihre Situation hat sich im Laufe der Monate immer weiter verschlechtert. Inzwischen ist sie auf eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung angewiesen. „Im Moment geht es ihr nicht gut“, sagt denn auch Leas Mutter. Deshalb will die Familie auch nicht, dass die 16-Jährige im Bild gezeigt wird. Ein älteres Foto zeigt sie mit einem Schwerbehindertenausweis vor dem Gesicht. Damals hatte Lea die Pflegestufe 3. Inzwischen ist sie auf Stufe 4 angewiesen.

Im Moment geht es meiner Tochter nicht so gut

Leas Mutter

Trotzdem arbeitet sie zusammen mit ihrer Familie und ihrer Schule daran, irgendwann einen Abschluss zu machen. Vor ihrem Leiden hatte sie große Pläne. „Sie wollte in den Bereich Medizin gehen“, berichtet ihr Mutter. An der Elisabeth-von-Rantzau-Schule wollte sie zunächst ihr Abitur ablegen, später vielleicht sogar studieren. Aber davon ist sie jetzt weit entfernt. Momentan ist sie ein Pflegefall, ihre Eltern und ihr Bruder kümmern sich nahezu ununterbrochen um sie.

Präsenzunterricht ist für Lea derzeit undenkbar. Deshalb steht der kleine Avatar jetzt jeden Tag im Klassenraum. Lea kann ihn vom Krankenbett aus steuern. Sie kann alle Menschen im Raum sehen, aber niemand sie selbst. Sie kann sich melden, sprechen, schauen, drehen, ja sogar Emotionen über die virtuellen Augen äußern. Am Ende des Unterrichts klemmt sich Lehrerin Aselmeyer den kleinen Roboter unter den Arm und nimmt ihn mit in ihr Büro, wo er bis zum nächsten Tag erstens aufgeladen und zweitens eingeschlossen wird. Das ist der Vorteil des Avatars. Er kann zu allen schulischen Veranstaltungen mitgenommen werden, in Gottesdienste, zu Weihnachtsmärkten oder allgemein auf den Pausenhof. Im Umfeld der Schule verbindet er sich über das schulinterne WLAN mit dem Internet. Geht es weiter weg, stehen mobile Daten zur Verfügung. Das ließe sich theoretisch – und parallel zum bereits angewendeten Homeschooling – auch für ein Tablet einrichten. „Aber das wäre nicht mit diesem Gerät zu vergleichen“, sagt Aselmeyer. Allein die vielen Möglichkeiten, sich selbst einzubringen, gäbe es bei einem Tablet nicht.

Lea hat bisher noch nie persönlich in der Klasse gesessen

Die 10 c kennt Lea bisher nur über ihren kleinen Stellvertreter. Leibhaftig hat Lea noch nie in der Klasse gesessen. Und trotzdem ist da eine große Nähe zwischen der Schwerkranken und ihren Klassenkameraden. „Ich würde mich freuen, wenn sie irgendwann einmal wirklich hier bei uns sitzen könnte“, sagt denn auch eine Heranwachsende, die ebenfalls auf den Namen Lea hört. Das wünscht sich auch Ismail. „Es wäre schön, wenn sie nicht mehr krank wäre.“

Vielleicht liegt die Nähe ohne echte Berührungspunkte auch daran, dass der kleine Avatar menschliche Züge trägt. Auf den ersten Blick wirkt er wie der junge Groot bei der Comicverfilmung Guardians of the Galaxy. Klein, knuffig, süß. Marianne Aseleyer hat ihm noch ein kleines Halstuch umgelegt, auf das der Name Lea gedruckt ist. Wenn die echte Lea dann ihren Stellvertreter am Domhof neugierig oder fröhlich dreinblicken lässt, kann einem auch ohne Fleisch und Blut am Nachbartisch das Herz aufgehen.

Schön, dass ich heute wieder bei euch sein darf

Lea über den Avatar

„Hallo, hier ist Lea, schön, dass ich heute wieder bei euch sein darf“, sagt sie zu Beginn der Stunde. Während des Unterrichts darf sie natürlich – wie alle anderen ebenfalls – nicht einfach dazwischenreden. Lea muss sich melden. In dem Fall blinkt der Kopf des Avatars farbig. Wird sie drangenommen, erklingt ihre Stimme fast so deutlich als säße sie im selben Raum.

Dass Lea jetzt mit Hilfe des Avatars am Unterricht teilnehmen kann, ist vor allem dem Engagement von Deutschlehrerin Aselmeyer zu verdanken. Sie erfuhr während eines Termins außerhalb der Schule von dieser Möglichkeit des Fern-Unterrichts, fragte in der Schule und beim Hersteller des Gerätes nach und stieß umgehend und umfassend auf offene Türen und Zustimmung. Das letzte noch erhältliche Exemplar des Herstellers fand so seinen Weg nach Hildesheim. 4289 Euro hat der kleine Roboter inklusive Wartung für das erste Jahr gekostet, schnell sagten der Schulträger, der Förderverein und auch die Sparkasse zu, Geld zur Verfügung zu stellen. Trotzdem fehlt immer noch etwa die Hälfte. Aselmeyer hat deshalb das Projekt „Avatar für Lea“ auf der Spendenplattform Heimatherzen.de ins Leben rufen.

Niemand kann sagen, wie sich die Krankheit bei Lea entwickelt

Die didaktische Leiterin der Augustinusschule weiß, dass der Einsatz des Avatars am Ende nicht darüber entscheiden wird, ob Lea ihren Abschluss machen kann oder nicht. Das hängt davon ab, wie sich der Gesundheitszustand der 16-Jährigen entwickelt. Eine Prognose gibt es derzeit nicht. „Sie ist komplett klar im Kopf“, sagt Leas Mutter. Aber niemand könne sagen, wie sich die Krankheit entwickelt.

Auf ihrem gemeinsamen Leidensweg bewegt sich Leas Familie irgendwo zwischen Wut und Ärger, Trauer und Hoffnung. Lea leide inzwischen unter einer chronischen Querschnittslähmung, in den Händen habe sie Spastiken. Angefangen hatte das Post-Vac-Syndrom mit einer Herzmuskelentzündung, motorischen Ausfallerscheinungen, scheinbar unkontrollierbar zitternden Händen und Beinen. Auf ihrer Suche nach Hilfe stößt die Familie fast durchweg auf verschlossene Türen. Die Begründungen sind vielfältig. Nicht zuletzt wurde Lea auch immer mal wieder als Simulantin hingestellt. „Wir suchen inzwischen im ganzen Land nach einem Arzt, der uns hilft“, sagt Leas Mutter.

Wir suchen inzwischen im ganzen Land nach einem Arzt, der uns hilft

Leas Mutter

Von diesem Kampf bekommen die 17 Mädchen und Jungen der 10c kaum etwas mit. Die meisten von ihnen wollen im kommenden Jahr ihren Realschulabschluss ablegen. Ob Lea dann schon so weit ist, ist unklar. Alle wünschen es ihr. Und wenn nicht im nächsten, dann vielleicht im übernächsten Jahr.

Der Avatar hätte dann auf den ersten Blick ausgedient. Aber in der 10c gib es schon viele Überlegungen für eine Nachnutzung. Körperbehinderte Schülerinnen, die nicht in obere Etagen kommen, könnten ihn nutzen. Oder unpässliche Schüler, die unbedingt am Unterricht teilnehmen wollen. Bis es so weit ist, geht es für alle aber um etwas anderes: Lea und ihre Familie sollen nicht allein gelassen werden. „Es geht um einen Lichtblick für Lea“, sagt Lehrerin Aselmeyer.

Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.