Energiewende

Sie machen sich selbst autark: Warum den Bürgern dieses Dorfes im Kreis Hildesheim das Heizungsgesetz egal sein kann

Adensen - Ein 900-Einwohner-Dorf im Landkreis Hildesheim plant ein eigenes Wärmenetz in Bürgerhand. Die wichtigsten Hürden sind bereits genommen. Wie funktioniert das Ganze, wann soll es losgehen – und was können andere Orte sich abgucken?

Adensen dürfte in den nächsten Jahren beim Heizen weitgehend autark werden. Foto: Chris Gossmann

Adensen - Es ist ein Projekt, das zumindest im Landkreis Hildesheim einmalig ist. Ein Projekt, dessen erste Überlegungen noch deutlich vor das neue Heizungsgesetz des Bundes zurückreichen – das aber perfekt dazu passt und dafür sorgt, dass sich die meisten Menschen in Adensen über dieses Gesetz übverhaupt keine Gedanken machen müssen: Das 900-Einwohner-Dorf in der Gemeinde Nordstemmen soll sein eigenes Fernwärmenetz bekommen – in Bürgerhand und mit vor Ort erzeugter Wärme. Inzwischen sind die wichtigsten Hürden genommen, schon im nächsten Jahr sollen möglichst viele Anschlüsse gelegt werden. Wie haben die Adenser das gemacht? Und was können andere daraus lernen?

Wie soll das grundsätzlich laufen?

Das Grundprinzip ist, dass der Großteil der Adenser Hauseigentümer eine Genossenschaft bildet, die zum einen ein Fernwärmenetz im Dorf bauen lässt, und die zum anderen die Wärme dafür von den Betreibern der beiden örtlichen Biogasanlagen einkauft.

Woher stammt die Idee?

Erste Überlegungen für eine lokale Heizenergie-Versorgung hatte der Adenser Ortsrat bereits nach der Kommunalwahl 2021 formuliert. Mit gleich zwei Biogasanlagen nahe dem Ort, die von Adenser Landwirten betrieben werden, lagen schließlich wichtige Grundvoraussetzungen vor. Doch richtig Fahrt auf nahm das Thema nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und der folgenden Explosion der Energiepreise sowie der Unsicherheit bezüglich der künftigen Gasversorgung. „Ohne den Krieg würden wir jetzt nicht über so ein Wärmenetz reden“, glaubt Hajo Ammermann, einer der drei Vorstände der Genossenschaft. „Dadurch war jedem klar: Wir müssen was machen.“

Warum eine Genossenschaft?

Von Beginn an war es Ammermann und anderen Initiatoren wichtig, das Netz nicht einem Unternehmen zu überlassen, sondern es selbst zu bauen und zu betreiben. „Das lag auch vielen interessierten Bürgern früh am Herzen, ebenso wie der Aspekt, die Wärme von den hiesigen Biogasanlagen liefern zu lassen.“ Das Modell einer Genossenschaft biete zudem maximale Mitbestimmungs- und Kontrollmöglichkeiten für die Menschen in Adensen.

Wie haben die Initiatoren geplant?

„Das hat von Anfang an davon gelebt, dass sich sehr viele Menschen beteiligt haben“, betont Hajo Ammermann. Neben dem dreiköpfigen Vorstand und dem sieben Mitglieder umfassenden Aufsichtsrat hätten sich mehrere Arbeitsgruppen für verschiedene Bereiche von Technik bis Recht gebildet. „Ich war erstaunt, wie viel Fachleute für ganz verschiedene Themen es in unserem Ort gibt, wie viel Expertise“, ist Ammermann begeistert. „Sicher 1000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit“ seien zusammengekommen, trotz aller Rückschläge und Hürden seien die Adenser stets am Ball geblieben. „In vieles mussten wir uns auch reinfuchsen oder uns professionelle Unterstützung holen, etwa bei den Förderprogrammen oder bei der vermeintlich banalen Frage, was denn eigentlich ein angemessener Preis für eine Kilowattstunde Wärme sein würde.“

Gab es auch Kritik?

In der Bevölkerung kamen einige Kritikpunkte auf. Eine Auswahl: Das werde alles viel zu teuer und sei sowieso nicht umsetzbar, die Biogasanlagen-Betreiber wollten sich auf Kosten ihrer Mitbürger die Taschen vollmachen, oder auch: Die Netzbetreiber würden den Adensern zu hohe Gebühren aus der Tasche ziehen.

Wie haben die Initiatoren ihre Mitbürger überzeugt?

„Transparenz war ganz entscheidend“, blickt Ammermann zurück. Es gab mehrere Bürgerversammlungen in Adensen, im Herbst vergangenen Jahres eröffnete die Genossenschaft schließlich ein Bürgerbüro, das vier Wochen lang zweimal pro Woche für jeweils drei Stunden geöffnet war. „Da ist auch wirklich fast jeder Interessierte noch einmal vorbeigekommen, hat die Fragen gestellt, die ihm wichtig waren, sich das Konzept noch einmal ganz in Ruhe erklären lassen“, erinnert sich der Vorstand. „Das Bürgerbüro war Gold wert, das war ganz entscheidend dafür, dass das jetzt klappt.“

Weil zum Beispiel erläutert wurde, dass der Netz eben der örtlichen Genossenschaft selbst gehören werde, weil aufgezeigt wurde, welche Aspekte die Preisverhandlungen mit den Biogasanlagen-Betreibern bestimmten, weil dargelegt wurde, wie das Projekt finanziert werden soll.

Warum stockte das Vorhaben im Winter trotzdem?

Als das Bundesverfassungsgericht den Bundeshaushalt für 2024 in Teilen für verfassungswidrig erklärte, schlugen die Schockwellen bis Adensen. Denn die Genossenschaft kalkulierte für den Bau ihres Wärmenetzes mit kräftiger finanzieller Unterstützung aus der „Bundesförderung für effiziente Wärmenetze“ (BEW). Die sieht vor, die Planungskosten mit 50 Prozent und später die Baukosten des Netzes mit 40 Prozent aus Steuermitteln zu unterstützen. „Ohne diese Förderung hätte es sich nicht gelohnt“, ist Ammermann überzeugt. Schon deshalb nicht, weil die Tiefbaukosten binnen weniger Jahre um mehr als die Hälfte gestiegen seien.

Gleichwohl wurde das Förderprogramm zunächst geschlossen. Die Adenser versuchten zwar zunächst, über Bundes- und Landtagsabgeordnete darauf hinzuwirken, dass es wieder geöffnet werde. Doch sie blieben dabei einigermaßen entspannt. „Wir hatten keine Panik“, sagt Ammermann. „Uns war klar: Wenn wirklich eine Energiewende kommen soll, ist es unvorstellbar, dass so ein Programm nicht wieder in die Spur kommt.“ Tatsächlich wurde es im Februar reaktiviert. Inzwischen haben die Adenser den Zuwendungsbescheid für die Förderung der Planung vorliegen.

Welcher wichtige Schritt folgte?

Die Genossenschaft gab nun die Lieferverträge für die Wärme an die Haushalte aus. Für 240 Hausanschlüsse sind die Dokumente inzwischen wieder unterschrieben zurückgekommen – weit mehr als nach der Wirtschaftlichkeits-Betrachtung für die Umsetzung des Vorhabens nötig. Die Genossenschaft rechnet sogar damit, dass 260 der 320 Haushalte im Dorf sich anschließen lassen. Die wichtigste Hürde ist damit übersprungen. Auch die Genossenschafts-Anteile sind inzwischen weitgehend bezahlt.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Planungen für das Netz laufen längst auf Hochtouren. In den nächsten Wochen wollen die Adenser die Frage klären, wo der rund 1500 Kubikmeter fassende Warmwasserspeicher aufgestellt werden soll. „Ein markantes Bauwerk, das für viele Jahrzehnte stehen soll – das müssen wir uns schon sehr genau überlegen“, sagt Hajo Ammermann.

Wann beginnen die Bauarbeiten?

Im Frühjahr 2025 sollen die Bagger rollen und Schächte für die neuen Rohrleitungen ausheben. Die Genossenschaft hofft, möglichst viele Haushalte noch 2025 anzuschließen. Hintergrund: Für die ersten Jahre haben Biogasanlagen-Betreiber und Genossenschaft günstigere Wärmelieferpreise vereinbart. Denn die Anlagen bekommen noch für einige Jahre Bundeszuschüsse für die Kraft-Wärme-Kopplung im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Die Genossenschaft will das nutzen, um ein Polster anzusparen, um die Preise für die Endkunden auch danach möglichst stabil zu halten.

Wie zahlen die Kunden?

Die Kilowattstunde Wärme soll rund 10 Cent netto kosten. Ein Genossenschafts-Anteil kostet 500 Euro, wobei Eigentümer mehrerer Immobilien trotzdem nur einen Mitgliedsanteil bekommen können. Für die Übergabestation im Haus wird ein einmaliger Kapitalzuschuss von 5500 Euro fällig.

Wie ist das im Vergleich zu Öl und Gas?

Aktuell etwas teurer. Die Genossenschaft ist aber überzeugt, dass ihre Wärme mittelfristig günstiger ist – weil die Übergabestationen weniger kosten als Gasheizungen – und weil sie mit steigenden Öl- und Gaspreisen unter anderem durch die steigenden CO2-Preise rechnet.

Was kostet das Vorhaben insgesamt?

Die Genossenschaft rechnet mit Ausgaben „im hohen einstelligen Millionenbereich“. Langfristig sei diese Wärmeversorgung aber „preiswert und umweltgerecht“. Hajo Ammermann formuliert es so: „Das Netz wird uns alle überleben.“

Und wenn die Biogasanlagen mal außer Betrieb gehen?

Der Vertrag mit den Biogasanlagen-Betreibern ist zunächst auf zehn Jahre angelegt. Verlängerungen sind möglich, zumal es vielen Adensern wichtig ist, dass die Wärme auch tatsächlich lokal erzeugt wird. Langfristig sind aber auch Wasserstoff – etwa aus Strom aus den vielen Windrädern am Ort – oder andere Energieträger denkbar. Sicher ist: Wer ans Fernwärmnetz angeschlossen ist, braucht sich um das Heizungsgesetz nicht weiter zu kümmern – er erfüllt dessen Anforderungen in jedem Fall.

Und wer sich nicht oder nicht gleich anschließen lassen möchte?

Die Genossenschaft lässt Adensern auch die Option, sich zwar schon eine Übergabestation einbauen zu lassen, aber noch keine Wärme zu beziehen – etwa, wenn jemand noch eine relativ neue Gas- oder Ölheizung hat. Der Gasnetzbetreiber Avacon versicherte unterdessen auf HAZ-Anfrage, selbst wenn die überwältigende Mehrheit der Adenser Haushalte auf Fernwärme umstellt, würden die verbliebenen Gaskunden weiter versorgt: „Wir sind und bleiben auch weiterhin der zuverlässige Partner der Kommune in der Gasversorgung“, versichert Pressesprecherin Christina Schulz.

  • Region
  • Adensen
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.