Hildesheim - Die Sprachnachrichten waren so lang, dass Lisa Habermann meinte, „eigentlich könnte ich direkt mit Dir einen Podcast machen“. Das war als Scherz gedacht. Elisabeth Köstner antwortete aber: „Das ist eigentlich eine gute Idee, lass uns das doch machen“. Es war die Geburtsstunde von „Mama macht Theater“.
Geburtsstunde passt im doppelten Sinne. Denn der Kanal „von Müttern auf der Bühne für Mütter auf der Bühne“ entstand aus Sprachnachrichten, die zwischen den Wochenbetten ihrer Macherinnen hin- und hergingen. Seit neun Monaten lassen Habermann und Köstner ihr Publikum nun an ihren Erfahrungen, Erlebnissen und Erkenntnissen zu Theaterbetrieb und Elternschaft teilhaben.
Bei „Dracula“ kennengelernt
Köstner gehört seit 2015 zu Musical Company des Theater für Niedersachsen (tfn). Habermann arbeitet an der Volksoper Wien im Musiktheater. Kennengelernt haben sie sich in Nordhausen, als sie sich eine Rolle in „Dracula“ teilten. Köstner kannte die Partie aus Hildesheim, Habermann hatte sie in Leipzig schon gesungen.
Bühnenmenschen sind gewohnt, heute hier und morgen da zu sein. In Kontakt bleiben gehört zum Showgeschäft, und deswegen blieben die beiden Frauen in Verbindung, als es die eine zurück in den Süden und die andere in den Norden zog. Als sie vor 18 Monaten etwa zeitgleich ihr erstes Kind bekamen, begann der Austausch in minutenlangen Sprachnachrichten, aus denen sich schließlich ihr Podcast entwickelte.
„Ich glaube, dass es schon eine Brisanz gibt, wenn man diesen Beruf ausübt und sich die Frage stellt, ob man eine Familie gründen möchte“, erklärt Köstner. Denn ein Theaterleben findet nicht zwischen 9 und 17 Uhr bei einem Arbeitgeber an einem Ort statt. Probenpläne entstehen von einem Tag auf den anderen, Aufführungen sind abends oder am Wochenende, Engagements machen Umzüge oder Pendeln durch den deutschsprachigen Raum nötig.
Eine Schwangerschaft wirkt sich außerdem physisch aus. Welche Tanzschritte sind wann wieder möglich? Wie verändert sich die Stimme? „Man fragt sich schon, ist die Karriere dann vorbei?“, gesteht Köstner. Deswegen haben sich die beiden auch überlegt, ob der private Austausch wirklich in eine öffentliche Aufnahme gehört. „Dann haben gedacht: Es ist eigentlich unsere Pflicht!“
Es wird schon totgeschwiegen
„Es wird schon totgeschwiegen“, sagt Habermann über Elternschaft bei Schauspielerinnen. Ähnliche Erfahrungen hat Köstner gemacht. Zwei Jahre hat sie für die Entscheidung für eine Kind gebraucht, jeden Tag darüber nachgedacht und viele Gespräche gesucht und geführt. „Ich habe Kolleginnen erlebt, die waren sehr offen, ich weiß aber auch von Kolleginnen, die Kinder haben, das von sich aus aber nie erwähnen.“ Auch deswegen war es den jungen Müttern ein Anliegen, Transparenz und eine Plattform für Erfahrungsaustausch zu schaffen.
Trotzdem sehen sie sich nicht unbedingt als Vorbilder. „Wir wollen die Leute mitnehmen und am Prozess im Moment teilhaben lassen“, betont Habermann. „Wir wollen nicht beweisen, dass es geht“, bestätigt Köstner. „Wir wissen es ja selbst noch nicht“, erklärt Habermann. Sie steigt gerade auf einer halben Stelle in Wien wieder in den Beruf ein, lebt aber bei Köln, wo ihr Mann arbeitet, und pendelt diese Spielzeit. Köstner ist im zweiten Jahr ihrer Elternzeit und gastiert an unterschiedlichen Orten, um auszuprobieren, wie sich Familie und Beruf vereinbaren lassen. In Hildesheim hat sie eine Staffel vom Weihnachtsmusical gespielt, gerade ist sie in Pforzheim.
Ihren Podcast nehmen die beiden per Videotelefonie übers Internet auf. Weder haben sie ein spezielles Programm noch einen Sendeplan. Der Inhalt ist ihnen wichtiger als jede Woche eine Folge in Radioqualität zu produzieren. Etwa fünf Stunden braucht die Produktion der meist halbstündigen Folgen. „Die ersten Folgen haben chronologisch Schwangerschaft und erstes Babyjahr nacherzählt, jetzt dokumentieren wir eher unseren Alltag“, erzählt Köstner, die auch sonst sehr Social-Media-affin ist mit Webpräsenzen bei Instagram, Youtube und Facebook.
Solange sich Themen ergeben, wollen sie weitermachen. Rückmeldungen bekommen sie regelmäßig – von anderen Bühnenmamas, von jüngeren und älteren Kolleginnen und auch schon von Bühnenpapas. „Wir machen das für alle, denen es etwas gibt“, sagt Habermann. „Ich hätte solche Infos früher aufgesogen.“
