Hildesheim - Die Welt ist durcheinander, die Krisen geben sich die Klinke in die Hand. Was macht das in anderen Ländern mit den Menschen? Mit dieser Frage im Hinterkopf sind die beiden Hildesheimer Sven Achtermann und Thomas Oser vor mittlerweile 40 Tagen mit ihren Motorrädern in die Welt gestartet. Hinter ihnen liegen Tausende von Kilometern durch Rumänien und Bulgarien, Griechenland und die Türkei, Georgien und Armenien – und manch anderen Staat. Und hinter ihnen liegen ungezählte Begegnungen mit Menschen. Die waren schon vor drei Jahren das wichtigste Ziel, als die beiden mit ihren Maschinen in die Mongolei flogen und von dort in 54 Tagen 15 000 Kilometer nach Europa zurückfuhren.
„Einen Teil der Unbeschwertheit genommen“
In diesen drei Jahren hat sich die Welt verändert. „Bei vielen Begegnungen habe ich das Gefühl, dass Corona, der Krieg, der Klimawandel und die Inflation den Menschen einen Teil ihrer Unbeschwertheit genommen haben“, berichtet Achtermann in einer Zwischenbilanz. Doch dadurch hätten sich oft auch ehrlichere, tiefere Gespräche ergeben.
Die Hildesheimer stellten eine bedrückende Gemeinsamkeit der bereisten Länder fest: „Unter Dürre und Hitze, bedingt durch den Klimawandel, ächzen alle“, erzählt Achtermann. „Die Wasserknappheit war überall deutlich spürbar und sichtbar.“ Beeindruckend im positiven Sinne war für die beiden Biker wie schon bei ihrer Reise vor drei Jahren die Gastfreundschaft vieler Menschen, besonders in der Türkei. „Ein ehrlich gemeinter Gruß und ein Lächeln helfen überall weiter“, ist eine Erfahrung, die Achtermann mit seinem Reisepartner immer wieder macht. „Und eine direkte Kontaktaufnahme öffnet überall schnell die Türen.“
Auf stundenlangen Fahrten über einsame Pisten hatten die beiden Freunde genügend Zeit, die täglichen Eindrücke und die Reise-Reizüberflutung zu verarbeiten. Sie hatten auf Headsets verzichtet, mit denn sie sich unter den Helmen auch während der Fahrt hätten verständigen können. So konzentrierte sich unterwegs jeder auf die Straße, die Landschaft, den Horizont. „Die Fahrt wurde so zu purer Meditation“, berichtet Thomas Oser im täglichen Blog unter der Adresse www.os8er.de. „Die Gedanken flitzen nur so durch die Synapsen. Beim abendlichen Reflektieren kommt dann alles auf den Tisch.“
Unruhen im Irak
Ursprünglich hatten sie vor, bis in den Irak zu reisen, doch den Plan gaben sie auf, weil das Land wieder einmal von Unruhen geschüttelt wird. Als sie in der Türkei an den Grenzen zum Irak und zu Syrien entlangfuhren, waren Militärkontrollen an der Tagesordnung. Und Grenzkontrollen gehörten wie schon bei ihrer Reise durch Zentralasien zu den Umständen, die den Motorradtrip zu einer Abenteuerreise machten. Oft wussten die beiden vorher nicht, was sie genau an den Grenzen erwartete. Würden ihre Papiere ausreichen? Wie würden die Grenzbeamten drauf sein? Hätten sie mit Schikanen zu rechnen? Es blieb spannend, doch letztlich kamen die beiden überall durch. Mit etwas Glück und Gesprächsgeschick, mit Wort und Geste.
Deal zwischen Bären und Touristen: Essen gegen Selfie
Mittlerweile haben sie auf dem Rückweg durch den Balkan die Adria in Kroatien erreicht. Der tägliche Blog erzählt von unterschiedlichen Welten. Von Bären am Wegesrand in Rumänien, die offenbar einen Deal mit Touristen haben: Essen gegen Selfie. Von einer Serpentinenstrecke, die auf 90 Kilometern eine einzige Aneinanderreihung von Kurven ist. Von abgelegenen kleinen Orten in Georgien, wo die beiden Biker schnell das Dorfgespräch sind, wenn sie von ihren Maschinen steigen. Von Hunderten von Ballons am Himmel über Kappadokien. Von Straßen in Rumänien, auf denen sich anscheinend das ganze Leben der Einheimischen abspielt. Und von Männern im Kosovo, in Albanien oder in Mazedonien, die sich anscheinend nur für eins interessieren: Autos. Die häufigste Frage sei dort gewesen: „Was ist besser: Mercedes oder Audi?“
Autos hin, Autos her – die beiden Weltenbummler machen immer wieder die Erfahrung, dass eine Reise auf dem Motorrad – im Vergleich zum abgeschlossenen Käfig eines Autos – den Kontakt zu den Menschen viel leichter und unkomplizierter macht. Und der besagte Kontakt bringt immer wieder dieselbe Erkenntnis: Eigentlich haben die Menschen überall ähnliche Sorgen und Sehnsüchte. Und irgendwie sitzen sie alle in einem Boot.

