Hildesheim - Ein ausgebauter Dachboden in einem Hinterhaus am Alten Markt. Ein Schlagzeug steht hier, diverse andere Instrumente und Verstärker, alle möglichen elektronischen Gerätschaften. In der anderen Hälfte des Raums ein paar Matratzen. Ziemlich unspektakulär. Dass hier oben ein geradezu weltumspannender Sound entsteht, der die internationale Musikpresse beeindruckt, darauf würde man nicht kommen. Es ist das Hauptquartier von Laíz & The New Love Experience. Noch ganz am Anfang, aber immerhin schon mit mehr als 15.000 monatlichen Hörerinnen und Hörern bei Spotify – auf dem Sprung zu weiteren Taten.
Laíz de Nello Barbero ist eine junge Rapperin aus der Region Sao Paulo in Brasilien, die es nach einem Umweg über Berlin nach Hildesheim verschlagen hat. Hier ist auch der Großteil der Aufnahmen für ihr Debüt-Album „Ela Partiu“ entstanden. Das ist ein musikalischer Schmelztiegel aus Latin, Hip-Hop, Jazz, Afrobeat und Lounge-Klängen mit viel Bläser-Einsatz.
24 Musikerinnen und Musiker, die heute überwiegend in Berlin leben, aber von den unterschiedlichsten Teilen des Globus stammen, haben daran mitgewirkt. Sie kommen aus Mali, Kuba, Südafrika, Senegal, Peru, der Elfenbeinküste, Australien, Kanada, Madagaskar, den USA, Ghana, Algerien, Kolumbien und dem Sudan. Darunter erfahrene Musiker wie der sudanesische Trap-Rapper Zeyo Mann oder der ghanesische Perkussionist und Sänger Eric Owusu. Fast alle waren zu Gast in diesem kleinen Dachboden-Studio am Alten Markt. Wie konnte es dazu kommen?
2014, mit 14 Jahren, hat es Laíz bei einem Schüleraustausch zum ersten Mal nach Deutschland verschlagen. „Ich wusste gar nicht, was los ist“, erinnert sie sich. Trotzdem kam sie fünf Jahre später wieder, denn: „In Brasilien ist es ein bisschen schwieriger, Kunst und Musik zu machen.“ Es gibt jede Menge Kreativität und deutlich weniger Bürokratie als in Deutschland, erzählt sie, aber das Geld fehlt. Außerdem machten ihr der Rechtsruck und die Politik des damaligen Präsidenten Bolsonaro zu schaffen.
Hildesheim toppt Berlin
Die heute 25-Jährige versuchte es zunächst in Berlin und lernte dort Matthias Hinkelmann kennen – zu der Zeit Politikstudent, Teil des Jazz-Kollektivs Sonic Interventions und, unter dem Pseudonym Pachakuti, Produzent. „Das Leben in Berlin ist kompliziert“, sagen beide, und so folgten sie dem Lockruf von Milan Zonnefeld, zu ihm nach Hildesheim zu kommen. Zonnefeld alias young.vishnu produziert schon seit einigen Jahren gemeinsam mit Hinkelmann Musik, nicht zuletzt die beiden Alben „Dédalo“ und „Semilla“. Laíz, young.vishnu und Pachakuti: Das ist das Kerntrio der New Love Experience.
In Hildesheim hat man bessere Chancen, Neues zu entwickeln, weil man sich nicht an diesem Überangebot an Menschen und Projekten abarbeiten muss wie in Berlin, ist Zonnefeld überzeugt. Berlin sei hektisch, stressig und teuer, „hier ist es viel organischer“, bestätigt Hinkelmann. Das Ziel sei es, Leute zusammenzubringen und teilhaben zu lassen. “Das Haus öffnen“, so nennt es Zonnefeld, gerade auch für Menschen mit Migrationsgeschichte.
Der Abschied von der ursprünglichen Heimat, das Ankommen in einem neuen Land, einer anderen Kultur, das ist auch das Oberthema des Laíz-Debüts. Passend zum Titel „Ela Partiu“: Sie ist fortgegangen. „Das Album hat sich selber geschrieben“, sagt sie zu den portugiesischen Texten. „Was bin ich, wer bin ich?“, das seien die entscheidenden Fragen. Die Musik habe ihr geholfen, Antworten zu finden.
„Ich glaube, wir haben einen transatlantischen Rhythmus erschaffen. Das ist für mich das Beste an dem Album“, sagt die Rapperin, die neben der Musik Integriertes Design an der HAWK studiert. Zudem ist Laíz glücklich, dass mehrere Generationen an dem Projekt beteiligt sind: „Die Älteren und die Jüngeren müssen zusammen gehen, sonst ist alles verloren.“
Gute Resonanz im Ausland
Die Resonanz auf die Platte sei sehr positiv, berichtet Zonnefeld, vor allem aus dem Ausland. „A lively modern Latin American take on hip-hop“, urteilt etwa etwa der englische Guardian, und das amerikanische Online-Magazin PopMatters nennt Laíz eine „an outstanding new figure in globally-minded hip-hop“, eine herausragende Größe im weltoffenen Hip-Hop. Nicht schlecht für den Start. Im kommenden Jahr soll es auf Tour gehen.
„Ela Partiu“ ist als Doppel-Vinyl, CD und mp3 erhältlich. Am Freitag, 13. Dezember, tritt Laíz (als Duo mit einem DJ) ab 20 Uhr beim Woodlands-Wintergarten auf (Güldenfeld 21). Auch young.vishnu ist dort mit einem Live-Set vertreten.


